Calgary, 3 Jahre in den Amerikas

Und wieder ist eine denkwürdige Station der Reise erreicht. Nach drei Jahren verlasse ich die Amerikas, mit einer riesigen Sammlung an Eindrücken, Erlebnissen, Erfahrungen und Begegnungen. Zeit für einen nächsten Rückblick, diesmal auf die USA und Kanada.

Vor ziemlich genau 8 Monaten erschien an dieser Stelle ein Rückblick auf die Zeit in Lateinamerika. Heute bin ich seit ziemlich genau 3 Jahren unterwegs und bald ist es Zeit, Kanada und damit auch die Amerikas zu verlassen. Aber ganz zu Ende ist die Reise damit noch nicht, wir gönnen uns eine langsame Annäherung ans Heimatland und fliegen erst einmal nach Madrid, Spanien.

Auch 8 Monate Amerika und Kanada haben ihre Eindrücke hinterlassen. Nie zu vergleichen mit der Zeit in Lateinamerika, aber 8 Monate sind auch nicht fast 2,5 Jahre. Auch der Norden hat sich ins Gedächtnis geprägt. Mehr Farben, Gerüche, Eindrücke, Erlebnisse, ganz viel Natur und natürlich die Menschen. Wir haben auch hier so viel Herzlichkeit und Grosszügigkeit erfahren, dass ich es manchmal kaum glauben konnte.

Nun versuche ich auch hier, die Highlights herauszupicken (+), vielleicht gab’s auch was Negatives (-), allfällige Vorurteile zu bestätigen oder zu widerlegen (*). Eigentlich handelt es sich hier ja nur um zwei Länder, obwohl ich mir die Freiheit nehme, Alaska als „Land“ zu bezeichnen und Kanada werde ich in die für mich wichtigsten Streckenabschnitte einteilen, die da wären Dempster- und Cassair Highway und der Icefields Parkway.

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USA

Ich erinnere mich noch genau an den 30. Januar 2012, als wir in Tijuana die Grenze in die USA überschritten. Umgekehrt spricht man an dieser Stelle ja oft von einem totalen Kulturschock, einem Kinnhacken mitten ins Gesicht. Das funktioniert auch in die Gegenrichtung. Mit einem Mal ist alles steril, das Leben ist aus den Strassen gewichen, eine Riesenmall folgt der nächsten und die Preise schiessen in den Himmel. Der erste Eindrück der Staaten war ernüchternd, aber nicht unerwartet. Doch je länger man in einem Land reist, desto mehr gewöhnt man sich an die Gegebenheiten, obwohl dies in den USA eine ganze Weile dauerte.

Nun, die USA oder Amerika ist wohl ein etwas zu grosser Begriff, da wir ja „nur“ auf dem Highway 101 der Pazifikküste entlang in den Norden gefahren sind. Kalifornien, Oregon, Washington. 3 Staaten der Lower 48. Ein kleiner Eindruck des grossen Bruders.

+ Der Highway 101 ist wirklich eine sehr schöne Strecke, mir hat vor allem der Teil nördlich von San Francisco gefallen, mit seinen schroffen Steilküsten. Obwohl es auch südlich von San Francisco schöne Abschnitte hat. Auch absolut gigantisch waren die Redwoods.
– Radfahren in Kalifornien ist kompliziert. Extrem kompliziert, vor allem in grösseren Städten. Rein theoretisch darf man mit dem Fahrrad nicht auf die Freeways, manchmal aber doch, weil es keine andere Strasse gibt und manchmal wird man von der Polizei rausgefischt. Auch irritieren uns die allgegenwärtigen „No Trespassing“, „Private Property“, etc. Schilder. Man kommt sich etwas unerwünscht vor, und zumal hier jeder eine Knarre bei sich im Hause haben kann, will man auch nichts „Illegeales“ versuchen.

* Oregon und Washingtons gehören zu den regenreichsten Gebieten der Erde. Definitiv. Im Winter kommen dazu noch kalte Temperaturen, sicher nicht die ideale Reisezeit. Aber auf einer langen Reise kann man einfach nicht immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Meistens, aber eben nicht immer.
* Der Pazifikküste entlang weht der Wind vom Norden her. Das ist korrekt. Es sei denn, es kommt eine Schlechtwetterfront, dann kann es ausnahmsweise Südwind geben. Und Regen. Aber die Nord-Süd-REiserichtung ist definitiv zu bevorzugen.
* Passt auf euer Essen auf, die Diebe sind unterwegs. Und zwar in Form von Waschbären. Diese Tierchen sind absolut saufrech. Wir haben unser Essen immer artig in die Foodboxen verstaut, aber die Viecher können sogar da einbrechen, wenn die Boxen in eher schlechtem Zustand sind. Hier heisst es wirklich: Aufgepasst!
* Aufgepasst for den Pick-up-Fahrern. Die blochen wie die Irren und haben keinen Respekt vor Radfahrern. Auf den engen Strassen entlang der Küste wurde der Minimalabstand der Öfteren deutlich unterschritten. Man sollte den Rückspiegel immer gut im Auge behalten.
* Die Staaten sind teuer. Ein Fakt. Nach Lateinamerika ist alles teuer. Restaurants und Hotels kann man  sich nicht mehr leisten. Vor allem in Kalifornien ist man fast auf die State Parks mit ihren Campingplätzen angewiesen. Immerhin gibt es auf diesen Campingplätzen oft spezielle Hike&Bike Sites, die 5$ pro Person kosten. Eine gute Sache.
* Die Amerikaner sind oberflächlich und arrogant. Nein, nein und nochmals nein. Dies dachte ich selbst auch von den Amis, doch wir trafen auf so viele herzliche und grosszügige Menschen, dass dieses Vorurteil schnell über den Haufen geworfen wurde. Viele Amerikaner sind extrem nett, hilfsbereit und gastfreundschaftlich.

Nebliges Türkis. Der Highway 101 entlang der kalifornischen Küste.

Gigantisches Dunkelbraun. Redwood Baum auf der „Avenue of the Giants“.

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Alaska

The Last Frontier oder der die Nummer 49. Der nördlichste und grösste Staat der USA – diesen Fakt können die Texaner immer noch kaum verkraften – gehört erst seit 1959 dazu. Und irgendwie fühlt es sich hier oben „anders“ an. Von Anchorage aus machen wir per Bus und Auto Ausflüge zum Denali Nationalpark und auf die Kenai-Peninsula, danach geht’s ziemlich direkt in Richtung kanadische Grenze.

+ Das Highlight von Alaska war sicher der Denali Nationalpark mit dem gleichnamigen Berg. Der Denali ist mit 6’194 m.ü.M. der höchste Berg Nordamerikas und wir hatten Glück, ihn auch zu sehen, was nicht sehr oft vorkommt. Das erste und einzige Mal sahen wir einen Grizzlybären sowie Karibus, wenn auch nur vom Bus aus. Zudem sind auch hier die Leute unglaublich nett und gastfreundschaftlich und wir treffen auch hier auf wunderbare Warmshower-Gastgeber.

– Auf einigen gebührenpflichtigen Campgrounds wird man aufs Übelste ausgenommen. Wir, oder besser gesagt Dave, bezahlte 18$ für einen nicht mal schönen Campplatz mit einem Toi-Toi-Klo und ohne Trinkwasser.

* Je weiter nördlich man kommt, desto teurer wird es. Ja, gewisse Dinge sind in Alaska sicher teuer, andere hingegen günstiger, da man hier keine Sale Tax bezahlt. Campingplätze sind teuer, aber immerhin kann man hier wieder gut Wildzelten und einige Campingplätze, die oft etwas schwer zu finden sind, sind kostenlos.

Majestätisches Weiss. Der 6’194 hohe Mount McKinley oder Denali.

Gehörntes Weiss-Braun. Karibu am Strassenrand.

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Kanada

Kanada. Seit längerer Zeit eines meiner Leiblingsländer. Auch dieser Besuch bestätigt diesen Fakt wieder. Mit dem Fahrrad erlebte ich die Weite und Grösse noch viel intensiver. Gemessen an der Fläche ist Kanada der zweitgrösste Staat der Erde, doch nur im Süden existieren städtische Ballungsräume. Und die meiste Zeit verbrachten wir im Norden, in viel endloser Natur und endlich mal etwas Wildlife am Strassenrand. Die meiste Zeit fuhren wir durch Waldgebiet, immer wieder durchbrochen von klaren Seen und Flüssen oder schneebedeckten Bergen. Eine tolle Landschaft, obwohl ich auch sagen muss, nach hunderten von Kilometern durch immer wiederkehrende Wälder hat man es dann etwas gesehen. Für mich gab es in Kanada drei erwähnenswerte Strecken. Den Dempster Highway nach Inuvik, den Cassiar Highway von Watson Lake nach Kitwanga und den Icefields Parkway von Jasper nach Lake Louise. Darum werden diese drei Strassen hier separat aufgelistet.

Und auch hier muss ich nomals die Leute erwähnen. Einheimische, aber auch unsere lieben Landsgenossen, haben hier Grossartiges geleistet. Vielen Dank euch allen!

Dass Kanada nochmals teuer als die USA werden würde, war klar. Doch in den entlegenen Gebieten im Norden war dies noch massiver zu spüren. Ungeschlagen im Hochpreissegment war Inuvik. Aber betrachtet man die Lage des Dorfes, dann ist dies verständlich.

Herzliches Bunt. Unsere Warmshower Gastgeber in Dunster.

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Dempster Highway
+ Ein Highlight der besonderen Art war der 736 km lange Dempster Highway. Landschaftlich schön, vor allem die erste Hälfte, aber nicht herausragend. Was den Dempster speziell macht ist, dass diese Schotterstrasse an den nördlichsten Punkt meiner Reise führte, nach Inuvik. Von Juni bis August herrscht da oben die Mitternachtssonne, sprich die Sonne geht nicht mehr unter. Somit bleibt es auch immer hell. Sehr gewühnungsbedürftig, zumal ich gerne in absoluter Dunkelheit schlafe. „Du magst es so finster wie in einer Kuh“, wie meine Grossmutter zu sagen pflegte.

– Die Moskitos fressen einem wirklich beinahe bei lebendigem Leib auf. Dies macht den Dempster zur wahren Herausforderung.

Bei Regen wird der Dempster zu einer Schlammpiste. Wir hatten enormes Wetterglück, nur einen Nachmittag lang Regen. Und die Strasse wird in der Tat zu tiefem Matsch, wobei der Antistaubzusatz im Schotterbelag das Ganze noch verstärkt.
Die Mücken werden euch bei lebendigem Leib auffressen. Da gibt’s absolut nichts dagegenzusetzen. Wahr. Wenn Pause machen keine Erholung mehr ist und sich waschen und aufs Klo gehen zu nervenaufreibenden Akten ausarten, dann kann man von einer Plage sprechen. Einer Mücken- und Blutsaugerplage. Und wir waren im Juni da, man sagt, im Juli soll es noch schlimmer sein…
Man muss Essen für die ganze Strecke mitschleppen. Nein, man kann in Dawson City eine Schachtel mit Essen bei dem Northwestern Territories Visitor Center lagern, diese wird einem dann von einem RV in die Eagle Plains Lodge gefahren.

Trübes Rot. Wie ein roter Faden fliesst der Red Creek durch die Gegend.

Rauchiges Orange. Nicht mehr enden wollende Tage in Inuvik.

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Cassiar Highway
+ Der Cassiar-Highway zwischen Watson Lake und Kitwanga ist eine meist ruhige und wunderschöne Strecke. Viel endloser Wald, schneebedeckte Berge, glasklare Flüsse und endlos blühendes Fireweed. Einer der schönsten Orte war sicherlich der Boya Lake. Und auf dem Cassiar  haben wir wohl das meiste Wildlife gesehen. Elche, Hirsche und vor allem Schwarzbären.

– Die Leute, vor allem Natives in den kleinen Dörfern auf der Strecke, waren oft sehr gleichgültig, wenn nicht sogar unfreundlich. Keiner lächelt. Das mag ja nicht an uns direkt liegen, sondern an der Behandlung der Natives von Weissen und der Kirche allgemein, aber es fällt einem trotzdem negativ auf.

* Die Blutsaugervielfalt wird immer grösser, je weiter südlich man kommt. Das ist wahr. Zu den Mücken gesellen sich Blackflies, No-See-Ums und weitere Flugobjekte, die einem ans Blut wollen.
Auf dem Cassiar kann man bestens Wildzelten. Ja. Absolut kein Problem. Man findet immer etwas. Wir bevorzugten die weiten Flächen der alten Kiesgruben. Einfach Essen und smellige Gegenstände nicht im Zelt lagern. Wir hatten einmal nahen Besuch eines Schwarzbären.

Neugieriges Braun. Ein Schwarzbär auf Futtersuche.

Knalliges Pink. Ein blühendes Meer aus Fireweed bringt sommerliche Gefühle.

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Icefields Parkway
+ Der Icefields Parkway ist definitiv eine der schönsten Strecken Kanadas. Gletscher, Wasserfälle, klare Seen und eine Wundertüte an wunderbaren Landschaften. Wir durften ihn auch noch bei schönstem Wetter fahren, was die Schönheit noch verstärkt.
– Gleichzeitig gehört der Icefieldsparkway auch zum Negativsten. Wo soviel Schönheit zu bewundern ist, wimmelt es nur so von Touristen, man kommt sich des öfteren vor wie in Disneyland. Zudem wird man gnadenlos abgezockt, die Preise sind jenseits von gut und böse, was für den 3-Wochen-RV-Touristen ok sein mag, doch als Radler wird man hier schon fast verarscht.

* Der Icefields Parkway ist nicht für den Radler gemacht. Leider wahr. Irgendwie. Als Radler bezahlt man pro Tag gleich viel wie ein RV-Fahrer. Zudem sind die Seitenstreifen oft ihn nicht mehr so gutem Zustand. Und fragt man einen Ranger, was man als Radler bei einem vollen Campground machen soll, bekommt man keine kluge Antwort.
Wildzelten ist nicht möglich. Falsch. Es ist möglich, wenn man sich die Plätze vorsichtig aussucht und nicht neben einer Warten-Hut übernachtet.

Eiskaltes Türkis. Der Lake Louise.

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Erinnere ich mich nun an beide Amerikas zurück, Lateinamerika und die USA und Kanada, dann kommt mir in Lateinamerika vor allem das Leben in den Sinn. Überall hatte es Menschen, neugierige Menschen, man war nahe an ihnen dran, an den Menschen und am Leben. Hingegen wurde die Umwelt und Mutter Natur oft ziemlich stiefmütrerlich behandelt, was mir oft ziemlich weh tat. Der Norden gehört nun natürlich eher zur zivilisierten Welt, Umweltschutz und ökologisches Denken sind etwas weiter fortgeschritten. Viele Nationalparks zeugen davon. Obwohl in Orgeon Batterien auch einfach im Müll landen… Je weiter in den Norden man kam, desto weniger besiedelt waren die Gebiete, desto mehr unberührte Natur war zu finden. Das mein Eindruck des Nordens. Lateinamerika war lebendig und die Menschen standen im Vordergrund, der Norden war ruhig und die unendliche Natur setzten sich ins Gedächtnis. Eine wunderbare Kombination.

Aber die Reise findet hier an diesem Punkt noch kein Ende. Zum Glück. Ich bin noch nicht bereit für den „normalen“ Alltag. Es gibt also wieder einen Ausblick auf das Kommende. Europa, zumindest ein paar Länder davon. Wieviele es am Schluss sein werden, werden wir sehen. Als erstes aber kommt definitiv Spanien an die Reihe. Von dort werden wir uns ganz langsam der Heimat annähern. Ich bin gespannt, wie das Radlerleben in Europa sein wird, zumal wir wieder einmal mehr in den Winter hineinfahren. Mal sehen. Aber definitiv heisst es nun: Goodbye Americas, Goodbye Americans and Canadians, it was a great Pleasure to meet you!

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