Montpellier – Mahlberg, der kalte Vorendspurt

09. – 15.11.2012. 333 km. Mit dem TGV gelangen wir in Windeseile von Montpellier nach Dijon. Ein erster Endspurt. Der zweite folgt durch die Vogesen, da wir uns bei der Planung etwas im Gelände verschätzt hatten. Hier im Norden ist es nun auch definitiv kälter, was wir jeden Tag aufs Neue zu spüren bekommen. Da tut ein Stopp in einem warmen Haus wahre Wunder, vor allem wenn dies noch bei Freunden ist. Die Heimat nähert sich.

09.11.2012. Heute beginnt nun also die vorletzte Etappe. Der grosse Spurt folgt zuerst, gegen 9 Uhr verlassen wir die Räucherhöhle und machen uns auf den Weg zum Bahnhof. In den Gassen Montpelliers noch schnell ein Sandwich und ein Croissant des Amandes Chocolat kaufen und gegen 9.30 Uhr sind wir am Bahnhof. Das Gleis unseres TGV’s, der um 10.03 Uhr abfährt, ist noch nicht angegeben. Wir warten. Erst gegen 9.50 Uhr schafft es die Gleisangabe auf die Anzeigetafel. B. Wir suchen den Lift. Der ist wieder zu klein und zwei Bahnangestellte, die Rollstuhlfahrer begleiten, machen uns dumm an, wir könnten die Treppe nehmen. Also die Franzosen sammeln absolut keine Punkte. Na dann, Rolltreppe rauf und normale Treppe runter zum Gleis B. Mittlerweile haben wir ja Übung. Bald fährt der TGV ein. Wir dürfen die Bikes selbst verladen. Es hat ein grosses Bikeabteil mit vier Aufhängevorrichtungen und viel Platz für Gepäck. Wunderbar. Pro Rad zahlen wir 10 Euro extra. Da kann sich die SBB gleich nochmals was abschneiden. Dann sitzen wir im Zug und bald brettern wir mit 300 km/h durch die flache Gegend. Das bekommen wir auf dem Rad selbst mit Mistral-Rückenwind nicht hin. Das Wetter bessert sich zunehmends, bis der Zug in dichten Nebel fährt. Durchs Rhonetal rauf, Lyon. Und um 13.40 Uhr erreichen wir Dijon. Ruck-zuck ging das. Ein erster Endspurt hingelegt. Hier natürlich wieder das gleiche Spiel. Treppe runter. Als Rollstuhlfahrer muss das Zugfahren in Frankreich Horror sein. Eine ältere Dame scheint zudem etwas Mühe mit ihrem schweren Gepäck zu haben. 4 Herren schauen zu. Franzosen… Aber es gibt da noch 2 Schweizer Radlerinnen, die helfen. Nun geht’s eben raus. Wir fahren aus der Stadt raus, nach Marsannay la Côte, wo das Hotel Bonsaï liegt. Die Warmshower von Dijon waren nicht sehr responsive. Bald treffen wir in unserer Bleibe ein, doch es ist niemand da. Die Rezeption öffnet erst um 16 Uhr. Doch es hat Tische, Stühle und Wi-fi. Tiptop. Dann können wir einchecken. Unser Zimmer mit 2 Betten ist gross und total gemütlich. Wir dürften sogar die Räder raufnehmen, doch die stehen auch sicher unter der Treppe im Treppenhaus. Wir prüfen den Wetterbericht, morgen soll’s den ganzen Tag regnen. Hm, hängen wir doch einfach einen Tag hier ab, denn danach soll’s besser sein.

10.11.2012. In den bequemen Betten kann man super ausschlafen. Dann gibt’s ein ausgiebiges Frühstück, und das besagte Abhängen. Draussen ist es grau und nass, so macht das Ganze noch viel mehr Spass. Wann waren wir das letzte Mal sooooooo faul. Ich kann mich nicht erinnern. Später begeben wir uns in den Regen und laufen zur nahen Mall. Wir befinden uns hier ja in den Aussenbezirken von Dijon mit riesigen Supermärkten, Malls und sonstigen Riesenläden. In der Mall ist rumgucken und einkaufen angesagt. Danach geht’s wieder heim. Wir schauen uns den Wetterbericht nochmals genauer an. Es soll wirklich besser werden. Das hat ein letztes Mal Einfluss auf unsere Routenwahl. Wir werden einen kurzen Abstecher nach Deutschland machen und mein Patenkind Amélie mit Familie in Mahlberg besuchen. Die Route schauen wir uns mal grob an. Von da geht’s dann wirklich in Richtung Zürich, geplantes Ankunftsdatum daheim: 18. November 2012. Wenn das kein Plan ist!

11.11.2012. Tja, und „schon“ heisst es, das gemütliche Zimmer wieder zu verlassen. War das erholsam. Der Tag beginnt nicht allzu kalt und mit ein paar Regentropfen. Doch der Regen ist von kurzer Dauer, danach bleibt’s trocken. Wir biegen mal auf die N 274 ab, doch da sollten wir wohl nicht fahren, dem Hupen einiger Autofahrer nach zu urteilen. Wir müssen einen Minimalabstecher auf die wirkliche Autopista machen, dann sind wir auf einer Nebenstrasse. Wir suchen uns den Weg um Dijon herum und landen schlussendlich auch auf der D 70. Dieser folgen wir nun bis auf Weiteres hügelig durch die Gegend. Es wird kälter und in der ersten Pause müssen wir uns warm anziehen, um nicht zu frieren. Die Regenfälle der letzten Zeit haben auch hier ihre Spuren hinterlassen. Viele Felder stehen teilweise unter Wasser und die Saône, der wir in Arc-lès Gray begegnen, führt viel Wasser. Dort tanken wir bei einer Tankstelle Kocherbenzin. Zudem müssen wir wegen der Routenänderung noch eine Karte von Strasbourg kaufen. Doch die gibt’s hier nicht, dafür eine kostenlose Avia-Karte, die zumindest einen groben Überblick erlaubt. Kurz darauf machen wir eine kühle Mittagspause. Dabei werde ich doch tatsächlich von einer Mücke gestochen. Die Biester schwirren immer noch herum, doch sie sind sehr träge, wie ich gestern schon im Hotel feststellte, als ich zwei Eindringlinge einfach erdrücken konnte. Ebenfalls hat eine lethargisch wirkende Biene noch nicht gemerkt, dass der Winter kommt. Sie fährt lange mit mir mit, bis ich sie auf einer Blume absetze.

Ein gemütliches französiches Dorf

Ansonsten ist es gemütliches Radelwetter. Bewölkt und kühl. Wir kommen gut voran und bald wird’s Zeit für die Wassersuche. Fündig werden wir auf dem Friedhof von Membrey. Kurze Zeit später verziehen wir uns in ein dichtes Wäldchen, wo wir gut versteckt unser Camp errichten.

12.11.12. Gestern kamen wir so gut voran, dass wir am Abend beschlossen, heute erst um 7 Uhr aufzustehen. Keine so gute Idee, wie sich bald herausstellt. Es ist kalt, knapp über 0 Grad, alles dauert ewig.

Wir verlassen unser Waldversteck

Dick vermummt fahren wir los. Immerhin war es in dem Wäldchen etwas wärmer, auf den Wiesen draussen ist alles voller Reifen und der ist auch um 11 Uhr noch nicht weg. Es dauert auch lange, bis ich die Fleecejacke ausziehe. So kalt war es schon lange nicht mehr. Nun, es ist ja auch quasi schon Winter. Zumindest Spätherbst. Die Laubbäume präsentieren ein letztes, buntes Farbenspiel, bevor sie die Blätter zu Boden fallen lassen. Schön. Die Landschaft dampft, als es langsam wärmer wird.

Die Landschaft taut auf

Ein herbstlicher Reigen

Schön!

Wir folgen der ruhigen D70 bis nach Combeaufontaine, obwohl heute, Montag, mehr Verkerhr, v.a. mehr Truckverkehr auf der Strasse ist. In Combeaufontaine versuchen wir wieder erfolglos, die Strasbourg-Karte zu erwerben, dafür gibt’s in der Pause etwas Sonnenwärme. Doch bald muss die Fleecejacke wieder her, auch in der Sonne ist es noch kalt. Wir folgen nun diversen D-Strassen durch herbstlich, hügeliges Terrain nach Merseany. Dort hat’s einen melancholisch-romantischen Picknick-Tisch im gelben Blätterkleid. Hübsch.

Einladend schön, aber zu kalt

Doch auf dem nahen Asphalt ist es trockener und wärmer. Nun, von der Sonne ist nicht mehr viel zu sehen und zu spüren, verdecken doch nun dicke Wolken das wärmende Licht. Es ist kalt. Na ja. Weiter geht’s nach St. Coup sur Semouse, dann nach Corbenay. Bei einer Tankstelle wieder kein Kartenglück, doch wir tanken mal Wasser auf. Wir fahren weiter zum riesigen HyperMarche. Dort hat’s eine grosse Kartenauswahl, doch genau die 516  fehlt. So ein Pech. Mittlerweile ist es schon spät und wir haben gerade mal 65 km geschafft. Wir verziehen uns in das erste Drecksträsschen in einen kleinen Wald, wo es ziemlich bald dunkel und kalt wird. Und morgen stehen wir wieder um 6.30 Uhr auf.

13.11.12. Ich schlafe ziemlich gut diese Nacht. Diese wie auch schon die letzte Nacht im Schlafsack drinnen. Sprich, die Nächte sind kalt. So auch der Morgen. Das Wasser in meinem Bidon ist angefroren, meine Finger bald lahm vor Kälte. Aber auch heute sind wir froh, das wir in einem Wald campten, die offene Wiese ist ein kaltes, weisses Meer aus Reifen, das mit den ersten Sonnenstrahlen in eine herrliches Lucht getaucht wird. Die Stimmung gefällt mir, obwohl es bitterkalt ist. Das Ganze hat so etwas friedliches.

Ein weiterer kalter Morgen

Weiter geht’s durch kleine Dörfer, in einem kaufen wir Brot und Choco Croissants. In La Val-d’Ajol zeigt eine Temperaturanzeige immer noch -3 Grad im Schatten an. Ob das stimmt? Nun beginnt eine längere Steigung auf den Col de Peutet, langsam fallen einige wärmende Kleidungstücke, ich komme sogar ins Schwitzen. Oben machen wir Pause und heute wollen wir es besser machen als gestern. Wir legen Schlafsäcke und Zelt zum Trockenen aus, denn man weiss nie, wie lange die Sonne scheint. Heute den ganzen Tag. Danach geht’s runter nach Pemiremont. Hier sollten wir dringend die neue Karte auftreiben, doch im ganzen Ort hat’s keine Tankstelle. Dann folgen wir eben der auf der Avia-Karte angegebenen D417 in Richtung Colmar. Die D417 ist grösser mit mehr Verkehr, aber ok. Bald steigt die Strasse wieder an. Wir fahren weiter in die Vogesen. Die gilt es ja noch zu überqueren. Dieses Tal erinnert mich extrem ans Prättigau, nur ist die Strasse hier etwas breiter. Wir nähern uns Gérardmer, den Tafeln nach zu urteilen ein Wintersportort. Bei einer Autovermietung sehe ich einen Michelin-Kleber am Fenster. Ich renne so quasi in den Laden rein. Hier gibt’s die fehlende Karte. Juchhe!! Endlich! Eine kurze Grobplanung und weiter geht’s den Berg hoch. Es beginnt der Lac de Longmer und eine steile Steigung hoch zum Roche du Diable. Doch soweit kommen wir nicht. Links biegt ein Förstersträsschen ab. Beim Bächlein tanken wir Wasser auf und fahren steil den Berg hoch. Eine ganze Weile lang, dann erreichen wir ein Hüttlein. Drinnen kann man leider nicht zelten, aber oben hat’s eine ebene Kiesfläche. Das wird bestimmt eine kalte Nacht werden, sind wir hier doch auf 932 m.ü.M. und unter uns im Tal der grosse Lac de Longmer. Mal sehen. Oder fühlen.

Im Vogesen-Camp hoch über dem Lac de Longmer

Aber zuerst schreibe ich noch etwas Tagebuch im warmen Schlafsack, danach ist noch etwas lesen angesagt. Immer wieder höre ich draussen in der Apsis etwas an meinen Taschen kratzen. Auch als ich mich schlafen lege, geht das Kratzen weiter. Nach einer Weile leuchte ich mal in die Apis. Nichts. Aus Intuition öffne ich die schwarze Tasche. War da nicht gerade etwas Braunes? Ich schüttle ein wenig. Ahhhhh! Eine Maus! Von der einen Ecke schaut sie mich geschockt an. Dann ist sie in den Weiten der Tasche verschwunden. Hm? Die kann da drinnen nicht bleiben. Ich ziehe Hosen und Jacke an und steige in die Kälte. Wie bekomme ich die Maus jetzt da raus? Ich nehme vorsichtig ein paar Sachen raus, da springt sie mir schon entgegen und rennt von dannen. Gut. Dann kann ich zurück in den warmen Schlafsack. Kurze Zeit später wieder ein Geräusch. Diesmal draussen. Ganz seltsame Laute. Was das wohl für ein Tier ist? Nun, es scheint den Berg hochzugehen. Recht so. Und nun ist wirklich schalten angesagt.

14.11.2012. Der Morgen ist kalt, aber nicht so kalt wie erwartet. Und es wird mir bald wärmer, denn wir haben noch 8 km Steigung vor uns. Zuerst folgt die Roche du Diable, dann der „Col de la Schlucht“ vor uns.

Die Roche du Diable

Und der unattraktive Col de la Schlucht

Oben angekommen wollen wir einen Kaffee trinken, doch alle Restaurants sind geschlossen. Die warten lieber auf die Skitouristen. Immerhin scheint hier oben die Sonne und bald eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf das unter uns liegende Nebelmeer.

Der Blick ins Elsass

Wo es bald kalt wird

Da müssen wir rein. Warm eingepackt beginnt die lange Abfahrt. Langsam in den Nebel rein, wo es kalt wird. Im Valle de Munster lichtet sich der Nebel etwas. Wir machen nach Munster eine kurze, kalte Pause, dann geht’s weiter. Durch ein Dorf nach dem anderen, mit dem Ziel, Colmar zu umfahren. Das klappt wunderbar. Dann etwas in Richtung Norden, später auf Nebenstrassen in Richtung Osten. Hier fahren wir wieder in eine dicke, kalt-feuchte Nebelsuppe. Ein trostloses Bild. Ich mache etwas Druck, wir haben noch eine lange Strecke vor uns und Monika braucht etwas Anstupf, sonst schaffen wir das heute nicht. In Artzenheim machen wir nochmals eine kurze Mittagspause und bald landen wir auf der D 20. Diese hat zuerst gut Verkehr, dann folgt sie ruhig dem Rhein nach gegen Norden. Der Rhein. Wie schön. Da werden Erinnerungen an alte Zeiten wach. Langsam drück auch die Sonne durch den Nebel. In gutem Tempo strampeln wir die knappen 30 km bis nach Rhinau ab. Dort erwarten wir eine Brücke über den Rhein, doch es ist eine Fähre. Auch gut.

Die D20 führt dem Rhein entlang in Richtung Norden

Per Fähre geht’s nach Deutschland

Bald sind wir auf der anderen Seite , wo ich mal meine Freundin Kathrin anrufe, dass wir bald in Mahlberg sein werden. Doch da ist niemand zu Hause. Tja. Wir nehmen die letzten Kilometer in Angriff, nun auf deutschem Boden. Langsam wird es dunkel. Gegen 17  Uhr erreichen wir Mahlberg. Noch zu Kathrin’s Haus, doch da ist alles dunkel. Hm? Ich klingle, warte. Da geht die Tür auf. Wow? Nach mehr als drei Jahren schliessen wir uns wieder in die Arme. Und da ist auch noch mein Patenkind Amélie. Wie gross sie doch geworden ist… Schön. Auch schön ist, dass wir nun in ein warmes Haus eintreten dürfen. Nach fast 110 km in der Kälte sind wir ziemlich kaputt. Das war knapp heute. Bei unserer Routenplanung in Dijon sind uns die Vogesen irgendwie durch die Lappen oder durchs Verständnis gerutscht. Man lernt eben nie aus. Nun, jetzt sind wir hier und bald steht die dampfende Kartoffelsuppe vor mir. Dann kommt auch schon Jörg nach Hause. Noch ein freudiges Wiedersehen. Dann gibt’s leckeren Braten mit Spätzle, badischen Rotwein und wir schwatzen lange in den Abend hinein. Wie schön ist es doch, bei Freunden zu sein. Danke Kathrin, Jörg und Amélie!

15.11.2012. Wir machen eine letzten Ruhetag in Malberg. Draussen ist es grau und kalt, doch das ist egal, wenn man gemütlich in der warmen Stube sitzen kann. Das müssen wir noch geniessen. ein fauler Tag. Noch ein paar Dinge einkaufen und das letzte Mal Kartenstudium betreiben. Morgen nehmen wir die allerletzte Etappe unter die Räder, die uns in die Schweiz und schlussendlich nach Hause führen wird. Hmmmmm.

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