San Ignacio – Cajamarca; von Bergen, Pannen und einem Engel

22.07. – 09.08.2014. 458 km. Diese Gegend kenne ich schon recht gut, daher nehme ich natürlich wenn möglich andere Routen. Diesmal fahre ich nicht durch die peruanische Selva, sondern durch die Berge. Wüstenhafte Täler, einsame Schotterstrassen, lange Steigungen, holprige Abfahrten, hohe Pässe und viele hilfsbereite Leute warten auf diesem Abschnitt. Ebenfalls fahre ich diese Strecke nicht alleine, sondern in Begleitung des Kolumbiers Alvaro. Auch eine andere Erfahrung, denn die Radlerroutinen können doch sehr unterschiedlich sein… und dann heisst es warten, warten auf meine Ersatz-Rohloff und sonstige Radüberraschungen.

Route: San Ignacio – Tamborapa – San Lorenzo – Jaen – Chiple – La Capilla – Cutervo – Chota – Bambamarca – Hual Gayoc – El Cobro – Cajamarca

22.07.2014. Leah und ich wollen also zusammen San Ignacio verlassen. Ich sagte ihr am Vorabend, dass ich so gegen 7.15 – 7.30 Uhr in dem kleinen Café sein werde, wo ich die ganzen Tage in San Ignacio mein „Frühstück“ einnahm. Kamillentee mit getoastetem Brot. So auch heute. Ich lasse mir Zeit, aber um 8.15 Uhr ist immer noch keine Leah da. Es verspricht ein heisser Tag zu werden, lange möchte ich nicht mehr warten. Ich drehe nochmals eine Runde durch die Strassen, treffe aber nicht auf Leah. Nun habe ich keine Lust, noch länger zu suchen oder zu warten, ich mache mich auf den Weg. So unfit wie ich bin wird sie mich noch einholen. Ich fahre los, es beginnt gleich eine Schottersteigung. Meine Beine fühlen sich an wie zwei Glibberstäbchen, aber mit der Zeit wird es etwas besser. Die Steigung ist nicht allzu lange und die Autos rasen hier schon wie die Irren an mir vorbei. Hallo Staub! Dann bin ich auch schon oben, nun beginnt die lange Abfahrt zum Rio Canchis. Auf Schotter geht es langsam runter, es wird wärmer. Dann bin ich unten, die Hitze ist erträglich. Damals im Dezember 2010 war es viel heisser! Nun folgen diverse Baustellen mit den obligaten Pfeiff- und Rufkonzerten. Hier wird gerade die Strasse asphaltiert und bald fahre ich auch auf bestem, neuen Asphalt. Die Strasse führt nun leicht hügelig dem Fluss entlang. Ich komme gut voran, mit leichtem Rückenwind fliege ich fast durch die Gegend. Herrlich! Mensch fühlt sich das gut an, wenn es einem gut geht. Man weiss dies oft erst nach ein paar schlechten Tagen wieder zu schätzen. Ich fühle mich lebendig und gut! Ich bin so dankbar! Am Strassenrand tauchen nun Stände mit frischen Orangen- und Ananassaft auf. Welch Verlockung! Doch ich bleibe hart, ich sollte wegen den am auskurierenden Magenproblemen ja weder Früchte noch Gemüse oder Milchprodukte zu mir nehmen. Ganz schön fies. Nun ist es doch ganz schön heiss und der Schweiss fliesst. Zudem habe ich immer das Gefühl, die Antibiotikas trockenen den Mund immer total aus. Ich komme kaum nach mit Wasser trinken. Das Flusstal ist sehr schön, wird immer enger und ich geniesse die Landschaft. Vorbei an Puerto Naranjo und Perico. Es ist 12.30 Uhr, Hunger habe ich noch keinen und von Leah noch keine Spur. Na ja, ich beschliesse, noch weitere 17 km bis nach Tamborapa zu fahren. Nun öffnet sich das Tal und macht den Reisfeldern Platz.

Zwei Señoras auf einem Motorrad folgen mir lange. Sie stellen immer wieder Fragen. Natürlich auch, ob ich alleine unterwegs sei. Nun will mir aber die eine Señora die andere als Reisepartnerin anbieten. Ähm, auch hier lehne ich dankend ab. Ansonsten komme ich weiter gut voran und gegen 13.45 Uhr bin ich in Tamborapa. Nun habe ich wirklich Hunger und muss was essen. Im ersten Restaurant halte ich. Die Essenszeit ist wohl schon vorbei, fast alles ist kalt. Ich hoffe, das ist kein schlechtes Zeichen. Nach Jaen fehlen noch 37 km, das ist noch einiges. Soll ich hier blieben? Eigentlich kam ich gut voran. Ich beschliesse, noch weiterzufahren. Nun folgt eine lange sanfte Steigung in ein trockenes Tal. Es ist heiss. Nun bin ich langsam müde und kämpfe. War wohl doch keine so gute Idee, weiterzufahren. Am höchsten Punkt ist ein winziges Kaff, ich frage nach dem nächsten. San Lorenzo sein grösser und nur den Hügel runter. Dort fahre ich hin. Es hat eine Kirche und eine Schule, bei einem kleinen Stand frage ich nach den zuständigen Personen. Doch wie immer ist niemand da. Doch die Señora Silvia des Standes ist sehr nett un begleitet mich auf der Suche nach zuständigen Personen durchs Dorf. Doch alle sind weg. Nun will mich Señora Silvia zu sich nach Hause nehmen, entscheidet sich dann aber um. Bei ihrer Schwester Marlen hätte es ein freies Cuarto. Dort werde ich also ungefragt abgeladen und trotzdem herzlich willkommen geheissen. Alles ganz unkompliziert. Ich bekomme gleich ein selbst produziertes Sojagetränk in die Hand gedrückt, dann werde ich von zig Kinderaugen bestaunt. Dann heisst es Fragen beantworten und spielen. Dazwischen darf ich kurz duschen. Nun, duschen. Ich stelle ich mich unter den hüfthohen Wasserhahn mit dem hüfthohen Plastikvorhang. Auf jeden Fall tut das kalte Wasser gut! Danach hat Tochter Mary-Cielo noch tausend Fragen und der kleine Sohn Sandro will alle seine Puzzles durchtesten. Dabei werde ich auch noch mit Essen versorgt. Reis, zähes Rindfleisch, frittierte Kochbanane und heisse Schokolade mit Milch. Wie war das nun mit dem Gemüse und den Milchprodukten…? Auch danach gehen die Fragen noch weiter, gegen 9 Uhr bin ich aber so müde, dass ich mich verabschieden muss. Ich bekomme ein Bett inklusive Moskitonetz. Bald raschelt es auf meinem Gepäck. Die im Gebälk lebende Ratte ist auf Pirsch. Die soll mir nun keine Löcher in die Taschen fressen. Beim Hinleuchten sehe ich auch gleich noch diverse grosse Kakerlaken. Na ja, so entspannt wird die Nacht nicht.

23.07.2014. Ich stehe auf und mache alles bereit, aber Abuelo Zenon will natürlich, dass ich auch noch bei ihnen frühstücke. So warte ich eine längere Zeit und helfe Sandro weiter bei seinen immer wiederkehrenden Puzzleversuchen. Dann werde ich zu Tisch gebeten. Eine Riesenportion Reis und ein Teller Suppe, oder ähm, ein Koy-Teich. Die  zwei ganzen Fische sehen aus, also ob sie noch darin umherschwimmen würden. Da hätte ich wirklich ein Foto machen sollen. Zudem spricht mein skeptischer Blick wohl Bände, die ganze Familie lacht. Sie erklären mir, was es für ein Fisch ist und wie man ihn isst. Lecker Frühstück! Ich mache mich also an die beiden Fischchen, nicht schlecht, nicht fischig. Den Berg Reis schaffe ich nicht. Und nach wie vor bevorzuge ich zum Frühstück ein Konfi-Brot… Danach mache ich mich wirklich startklar. Das Rad muss ich auf der Strasse laden, so steil ist der Weg vom Haus zur Strasse hoch. Ich verabschiede mich von der herzlichen Familie und mache mich auf den Weg. Es ist schon ganz schön heiss, bald schwitze ich.

Reisfelder soweit das Auge reicht

Reisfelder soweit das Auge reicht

Es geht hüglig weiter, mal rauf, mal runter. Ich sehe sogar den Baum, wo ich damals im 2010 einen Platten reparieren musste! Schon speziell, wieder an solchen Stellen vorbeizufahren. Das Gleiche gilt, wenn die Leute fragen:“Wann kommst du wieder?“ Ich sage jeweils:“Man weiss es nie…“ Ich hatte damals nie geplant hier ein zweites Mal durchzufahren. Aber wie man sieht geschehen die Dinge manchmal anders als geplant… Es folgt eine rasante Abfahrt und der Abzweig nach Bellavista. Diesmal fahre ich nach Jaen. Es fehlen noch 10 km und diese ziehen sich gut dahin. Dann erreiche ich die Stadt und fahre in Richtung Zentrum auf der Suche nach der Bicicleteria El Ciclista. Ich treffe auf Besitzer Miguel. Wir schwatzen eine Weile, zudem kann er einen guten Rabatt für das Hotel San Remo aushandeln. Doch heute wollen sie nicht auf 20 Soles runtergehen, 25 Soles müssen es sein. Aber das Hotel ist wirklich Luxus. Riesiges Zimmer, ich bekomme eines mit grossem Fenster, sauberes Bad, bequemes Bett, Wi-fi. Und ich habe den ganzen Nachmittag, um es zu geniessen! Zudem mache ich die Bekanntschaft vom kolumbianischen Ciclista Alvaro. Von Leah hatte ich schon von ihm gehört, er kuriert hier gerade ein Magending aus. Wir gehen gleich zusammen essen und unterhalten uns gut. Zudem will sich Miguel im El Ciclista meine Bremsen anschauen. Soweit kommt es aber nicht, weil ich nach 2 Stunden warten keine Lust mehr habe. Abends esse ich mit Alvaro in einem guten Restaurant zu Abend. Nun heisst es Kilos anfressen. Panaderias und Pastelerias, ich komme!

24.07.2014. Leah hatte in San Ignacio anscheinend wieder Probleme mit ihrem Rad, ist aber auf dem Weg nach Jaen. So bleibe ich auch noch einen Tag hier. Das Zimmer ist wirklich sehr gemütlich und meine Blogeinträge hinken doch etwas hinterher. Das lässt sich an so einem Tag gut beheben. Miguel im El Cicilista hat immer noch keine Zeit für meine Bremsen, so werkle ich selbst etwas daran herum. Die Kabel sind wieder angezogen und die Pads schleifen nicht mehr. Das ist die Hauptsache. Ansonsten hänge ich etwas mit Alvaro herum. Er ist Fotograf und so unterhalten wir uns ganz gut. Aber gerne würde ich ihm eben anderen Namen geben, das wäre etwas einfacher. Er will ab Jaen auch die Route durch die Berge nehmen – ich kenne die Selva ja schon – so beschliessen wir, zusammen weiterzufahren. Zudem entdecke ich im Restaurant des Hotel Jaen einen sensationellen Milchkaffee! Der ist nicht billig, kommt aber an jede schöne Schale heran. Ein geglückter Kaffee-Einstand nach der Krankheitsabstinenz.

25.07.2014. Miguel lädt uns zum Frühstück ein. Um 8 Uhr. Na, um 8.15 Uhr ist natürlich noch nichts bereit, das dauert noch. So gibt es noch einen letzten Milchkaffee im Hotel Jaen. Einfach wunderbar. Ich geniesse jeden Schluck des feinen Gebräus. Den werde ich absolut vermissen. Nun ist auch das Frühstück fertig. Yucca mit Pollo Encebollado. Deftig wie immer. Für mich ist das eher schon Mittagessen. Dann verabschieden wir uns von Miguel und seiner ganzen Familie. Im Hotel warten wir auf Leah. Die wollte nun heute Morgen hier eintreffen. Doch um 11.30 Uhr kommt die Nachricht, dass sie nicht kommen wird. Gut haben wir so lange gewartet… Ich hatte es mir schon wieder gemütlich gemacht auf dem bequemen Bett. Bleiben oder losfahren? Mein Rad steht seit dem frühen Morgen bepackt in der Garage. Alvaro hat mittlerweile seines auch gepackt. Also los! Gegen 12 Uhr machen wir uns auf den Weg. Nach Jaen beginnt gleich eine längere Steigung. Bei Sonnenschein komme ich gut ins Schwitzen. Der Hügel ist bald geschafft, dann folgt eine coole, lange Abfahrt. Die Landschaft ändert sich, die Berghänge werden kahler, alles wird wüstenartiger. Wir erreichen Chamaya und biegen in Richtung Chiclayo ab. Nun führt die Strasse gut hügelig durch das Tal des Rio Chamaya. Immer wieder sind längere Steigungen zu bewältigen. In den Hütten am Strassenrand wird Kaffee und Schokolade verkauft. In Zananga wollen wir etwas essen, doch die kleine Tienda gibt nicht viel her. Immerhin etwas Käse und Tomaten, ich habe immer noch trockene Toastscheiben bei mir. Auch so kann man den Hunger stillen. Danach geht es hügelig weiter, der Himmel wird immer grauer. Doch wir fahren dem Regen hinterher, bleiben trocken. Gegen 17 Uhr erreichen wir Chiple. Für heute Endstation. Doch in dem Kaff gibt es keine Kirche, die Schule ist geschlossen, die Municipalidad auch. Alvaro will zu einer Tankstelle fahren. Wir passieren das Spital. Da muss ich noch kurz rein. Ich frage nach Übernachtungsmöglichkeiten. Wir könnten auf dem Parkplatz campen. Doch ich schwafle und schwafle, am Schluss bekommen wir einen Raum mit einer Spitalpritsche, Klo und Dusche. Nicht übel. Schnell duschen und dann habe ich Hunger. In einem Restaurant gibt’s ein Menu, dann geht’s zurück ins dunkle Spital. Irgendwie scheint es in dem Dorf kein Licht zu geben, bis auf einzelne Tiendas ist alles stockdunkel.

26.07.2014. Ich werde auf meiner Pritsche trotz Mückennetz gut zerstochen. Keine Ahnung, wo die Biester reinkommen. Zudem schwitze ich, es ist heiss in dem kleinen Raum. Vielleicht wäre Zelt doch nicht so schlecht gewesen… Na ja, um 6 Ur beginnt das erste Leben im Hospital. Ich stehe um 6.45 Uhr auf, Alvaro braucht etwas länger, nicht nur zum Aufstehen. Gegen 8 Uhr bin ich startklar, warte aber fast noch eine Stunde. Der Typ duscht und macht keine Ahnung was sonst noch. Dann geht’s endlich los in Richtung Cutervo. Wir fahren ins Tal des Rio Callayuc.

Im Tal des Rio Callayuc

Im Tal des Rio Callayuc

Gestern war mit meiner hinteren Bremse noch alles in Ordnung, heute gibt sie furchtbare Schleifgeräusche von sich. Ich öffne die Pads, das fürchterliche Geräusch bleibt. Ich muss halten und abladen. Ich versuche die Pads und die ganze Halterung zu richten, aber alles nützt nichts. Das Schleifen bleibt. Ich bin echt ratlos. So ein Mist! Ich schaue noch einmal genau hin, dann sehe ich etwas Winziges. Ha, der Draht, der die Pads zusammenhält, ragt zwischen ein Pad und die Scheibe. Kein Wunder macht das so einen Lärm. Mist! Man hatte mir in Loja gesagt, dass die Pads schlecht eingesetzt wurden, aber was man dort gemacht hat, weiss ich auch nicht. Und Santiago in Tumbaco sollte man sein Rad wirklich nicht anfassen lassen! Man sollte eben doch auf andere Radler hören! Nun bleibt mir nichts anderes übrig als die Halterung abzuschrauben und die Pads rauszunehmen. Wirklich, der Draht ist total verbogen. Zum Glück habe ich noch mehr Ersatzpads. Ich habe einfach noch nie Pads gewechselt… Ich bin aufgebracht und fluche ziemlich in der Gegend rum, Alvaro raucht gemütlich seine Gräschen. Nun, zum Glück ist der Himmel bewölkt und die Sonne nicht allzu aggressiv. Die neuen Pads wollen nicht rein. Ich weiss, wieso auch viele Mechaniker fluchen. Das Ganze ist ein elendes Gefummel, aber ich bekomme die neuen Pads einfach nicht rein. Ich denke schon daran, das Bremssystem einfach anzukleben und ohne Hinterradbremse weiterzufahren. Aber zum Schluss starte ich noch einen Versuch mit den gebrauchten Pads, die sind ja noch relativ neu. Klick, klick. Drinnen sind sie, Draht sitz gut. Juheee!!! Nun alles wieder festschrauben und einstellen. Bremspads gewechselt und um eine Erfahrung reicher. Geräuschlos nehmen wir die Weiterfahrt in Angriff. Die schmale Strasse folgt leicht hügelig dem Fluss. Bald schon geht es leicht hoch. Auch hier wird auf der Strasse überall Kaffee getrocknet. So riecht er im Vorbeifahren eher streng, säuerlich. Bald fahren wir wieder durch ein Dorf. Die hiesige Tienda hat doch einiges an Auswahl. Mittagsstopp. Nun scheint die Sonne, so wird das kommende Rauffahren etwas intensiver. Nun geht es stetig rauf und bald werden die Steigungen richtig steil. Wir arbeiten uns den Berg hoch, nun entlang des Rio Santa Clara, der immer weiter unten im Tal verschwindet. Gegen 15.30 Uhr erreichen wir La Capilla, bis Cutervo fehlen noch viele Kilometer Steigung. Bleiben wir doch hier. Wir fahren zur Kirche, der Padre ist nicht da und am Samstag ist auch die Alcaldia geschlossen. Aber diverse Leute wollen uns weiterhelfen. Am Schluss heisst es, wir könnten bei der Polizei bleiben. Doch die Herren sind gerade ausser Haus. Wir warten und warten, dann kommt ein Anruf, dass es nicht geht. Auch der mittlerweile angekommen Padre will uns kein Asyl gewähren. Ich laufe noch zum Büro des Sernanp, doch auch das ist geschlossen. Es kommt wirklich selten vor, dass einem niemand hilft. Nun bleibt noch die allerletzte Option, wir nehmen ein Zimmer im billigsten Hostal mit steinharten Betten und eiskalter Dusche. Aber für 7 Soles gibt es nicht viel zu erwarten.

27.07.2014. Ich bin gegen 8 Uhr abfahrbereit, Alvaro ist noch am rumkramen, dann muss noch geraucht werden. Ich mache mich schon auf den Weg, er wird mich sowieso einholen. Die Strasse steigt gleich weiter steil an, einige Abschnitte und Kurven haben es gut in sich. Diese Strasse kann es mit jeder ecuadorianischen aufnehmen, die Steile betreffend. Der Himmel ist grau, die Wolken hängen tief und ab und zu tröpfelt es. Dann folgt dichter, feuchter Nebel und für den Rest des Aufstieges sehe ich nicht mehr viel. Die Strasse ist sehr eng und kurvig. In den Kurven hupen die Fahrzeuge, das ist ok, aber sie hupen auch sonst die ganze Zeit. Hinter mir, neben mir, vor mir. Ich werde Peru allenfalls schwerhörig oder taub verlassen.

Nach 17 km steiler Steigung ist ein höchster Punkt erreicht. Es folgt eine kurze Abfahrt, dann beginnt die Strasse wieder anzusteigen. Bei einer Tienda machen wir Mittagspause. Schon beim Auspacken meines Essens werde ich von einem Hund beäugt, der klaut mir dann ein Brot auch frech vom Schoss weg. Ladron! Danach geht’s weiter hoch, nun bei Sonnenschein. Aber es ist hier oben schon merklich kühler. Dann folgt die Abfahrt nach Cutervo. Wir fahren zur Plaza, Bomberos gibt es hier keine. Auf meine Frage, was denn bei einem Brand passiert, heisst es trocken: Dann brennt eben alles ab. Tja, auch eine Antwort. Und alles sei Schuld der Regierung. Von Miguel in Jaen haben wir noch einen Kontakt bekommen. Der 23-Jährige Luis lädt uns auch gerne ins Haus seines Vaters ein. Er selbst baut gerade eines für sich und seine kleine Familie auf dem Land. Wir werden gut versorgt, mit Abendessen inkl. Dessertgalletas. Danach bin ich so satt, dass ich nur noch abliegen kann!

28.07.2014. Luis Frau macht uns auch noch Frühstück. Heute gibt es die lange ersehnten Spiegeleier mit Brot. Mmhhh! Luis begleitet uns dann noch auf den kleinen Hügel, dort verabschieden wir uns von ihm. Nach dem nächtlichen Regen reisst der Himmel nun langsam auf, die Sonne drückt durch. Die Strasse führt flach durch die Ebene, dann beginnt ein kurzer Aufstieg. Auf der anderen Seite geht’s runter, hinein in dichtesten Nebel. Die kurvige Abfahrt ist cool, doch leider sieht man nicht so viel. Schade. Nun, ewig hält der Nebel nicht an, weiter unten ist es schön. Toll, der Blick auf die Berge und die verschiedenen Täler.

Dann eine Sperre. 10 Minuten müssen wir warten, es folgt eine lange Baustelle. Auch hier wird die Strasse verbreitert. Durch den Baustellenverkehr ist sie teilweise schlammig wie Schmierseife. Einmal rutsche ich fast aus. Dann wieder geht’s steil über Kieshänge. Dann ist die Baustelle geschafft und Cochabamba im Tal erreicht. Hier ist es ziemlich warm. Es geht in ein trockenes, wüstenartiges Tal, die Strasse steigt ganz sanft an. Sehr angenehm. Zudem haben wir nun Rückenwind. Juhee! Das Tal wird enger, man kommt hier ganz gut voran. In einem Caserio machen wir Mittagspause. Heute gibt es Luxussandwiches mit Avocado, Käse und Tomate. Sehr lecker.

Dann geht’s weiter leicht hinauf, immer dem Rio Chotano entlang. Eine Abfahrt, ein paar Häuser, eine Auffahrt und totaler Windwechsel. Mit einem Mal hat er um 180 Grad gedreht. Nun habe ich starken Gegenwind. Seltsame Gegebenheiten. Ich fahre durch Lajas, Alvaro ist irgendwo weit hinter mir. Er muss immer wieder Gras-Pausen einlegen. Na ja, wenn ihm das gut tut. Die Strasse steigt wieder sanft dem Hang entlang an. Von weitem kann ich Chota sehen. Es folgen ein paar Kurven, dann eine ewig lange, sausteile Stadteinfahrt. Ich warte eine gute Weile auf Alvaro, dann fahren wir zur Plaza. Ich mache mich auf die Suche nach dem Padre. Der ist gerade auf dem Sprung, aber in einem Schulzimmer dürfen wir übernachten. Sehr nett! eine Dusche gibt’s auch. Und danach einen Spaziergang durch die engen Gassen von Chota. Hier wimmelt es von Leben, Farben und Waren. Toll!

29.07.2014. Ich habe ja schon die letzten Nächte festgestellt, dass Alvaro ein ziemlicher Schnarcher ist, aber heute ist es besonders schlimm. Er röhrt voll durch die Gegend. Ich pfeife, klatsche, rufe, nichts hilft. So kann ich nicht schlafen. Ich brülle und klatsche nochmals, nichts. Ich gehe aufs Klo, die laute Türe scheint etwas zu bewirken. Zudem mache ich einen Schuh wurfbereit. Den gibt’s beim nächsten Mal ans Zelt geworfen… Etwas Schlaf bekomme ich dann zum Glück doch noch. Am Morgen räume ich lautstark meine Sachen zusammen, damit der Herr aufwacht. Er ist eher von der gemächlicheren Sorte, aber nach ein paar Tagen bedankt er sich dann für das etwas strengere Regime. Dies sei viel besser und effizienter. Wir frühstücken und gegen 8.15 Uhr machen wir uns auf den Weg nach Bambamarca. Die Schotterstrasse steigt gleich an. Die nächsten 23 km führt die Strasse bergauf, ein typischer peruanischer, sanfter Aufstieg. Einige steile Abschnitte sind zu bewältigen, der Rest ist sehr angenehm. Die Schotterstrasse ist gut, blauer Himmel, kräftiger Wind. So komme ich nicht gross ins Schwitzen. Einfach herrlich! Diese Steigungen liebe ich! Auf und neben den Strassen herrscht geschäftiges Treiben. Vor allem Frauen sieht man oft mit einem riesigen Bund Grünzeug auf dem Rücken durch die Gegend laufen. Zu ihren Trachten tragen sie jeweils einen grossen, hellbeigen Hut. Einige weben am Strassenrand an meterlangen Webschnüren, eine alten Frau spinnt Garn aus Ziegenwolle. Ansonsten wird hier Viehwirtschaft betrieben und immer wieder steigt mir der Duft von Eukalyptus in die Nase. Weiter oben wird es merklich kühler, dann ist der höchste Punkt auf ca. 3’200 m.ü.M. erreicht. Am Himmel sind Wolken aufgezogen, für die Abfahrt muss ich mich warm anziehen. In einem Dorf essen wir windgeschützt hinter dem Schulhaus zu Mittag, dann geht’s weiter runter nach Bambamarca, wo wir gegen 14.15 Uhr eintreffen. Ich frage nach dem weiteren Streckenverlauf. Klar, es folgt wieder eine Steigung. Der Señor spricht von einer Steigung bis nach Hual Gayoc. Meine Beine sind müde, ich bleibe hier. Alvaro schliesst sich an. Wir fahren ins Centro, zur Parroquia. Die öffnet erst um 15 Uhr und der Padre öffnet die Türe nicht. Warten ist angesagt. Alvaro ist schnell beim Biertrinken mit den Nachbarn von Gegenüber. Mir ist das zu früh, zudem sind die Herren schon recht besoffen. Um 15 Uhr kommt der Padre raus, ich schnappe ihn mir gleich. Er muss kurz auf einen Besuch, wir sollen warten. Er kommt auch bald wieder. Er schreibt mir einen Zettel für die Asistencia Social. Dort hätte es Betten, dort könnten wir besser ausruhen. Wir fahren hin, Señor Mercedes empfängt uns. Es hat tatsächlich Betten, einen ziemlich runtergekommenen Dorm. Der Anblick der Matratzen löst bei mir nicht gerade Wohlbehagen aus. Ich frage, ob ich in dem grossen Saal darunter schlafen darf. Señor Mercedes schaut mich etwas komisch an, aber er fragt die Schwestern, die ihr ok geben. Dort stelle ich mein Zelt auf und fühle mich viel wohler.

Bei der Asistencia Social und lieber ohne Bett

Bei der Asistencia Social und lieber ohne Bett

Die ganze Anlage ist sehr einfach, Klos sind Löcher im Boden. Alvaro geht bald mit den Herren vom Nachmittag weitersaufen, zudem zeigen sie ihm wo er Gras und Cocablätter erwerben kann. Er ist happy. Ich gehe auf Shoppingtour in die Gassen der Stadt. Früchte und Gemüse werden auf der Strasse verkauft, eine Dame mit Fahrrad bietet frisches Brot an. So mag ich Peru! Später treffe ich mich Alvaro zum Nachtessen und später höre ich ihn sogar durch den Holzboden schnarchen…

30.07.2014. Um 8 Uhr machen wir uns auf den Weiterweg. Es folgt gleich wieder eine lange Steigung. Schotter, blauer Himmel, tiptop. Doch auf dieser Strecke wird fleissig gebaut, es sind sehr viele Baustellen zu passieren. Zudem herrscht sehr reger Lastwagenverkehr, der tüchtig Staub aufwirbelt. Das ist sehr mühsam. Zudem sind einige Abschnitte schon so gut, dass die Busse und Pick-ups rasen, was sie können. Alles in allem sehr anstrengend. Alvaro düst voraus, irgendwann treffe ich ihn wieder. Wir erreichen Hual Gayoc, den vermuteten höchsten Punkt. Doch weit gefehlt! Wir passieren das Dorf, die Strasse steigt weiter an. Nun ist sie wieder eng und zerfurcht. Und sie wird steil.

Ich bin müde, an einigen Stellen muss ich schieben. Dann plötzlich wieder bester Asphalt. Mit brutalen Steigungen. Nun kämpfe ich. Ist dort oben der höchste Punkt? Nein, nur eine Kurve, die Strasse windet sich weiter nach oben, nun wieder auf Schotter. Wie lange noch? Wieder eine Kurve. Wow, nun ist es endlich geschafft! Der Abra Coimolache liegt auf fast 4’000 m.ü.M. Kein Wunder, war das anstrengend. Hier oben hat eine amerikanische Mienengesellschaft die ganze Gegend verschandelt. Die Mina Conga. Darum auch der gute Asphalt. Hier hat es in der Vergangenheit oft gewaltsame Konflikte zwischen den Campesinos und den Minenbesitzern. Minen sind ja grundsätzlich nicht sehr umweltfreundlich und in vielen Fällen wird das Grundwasser vergiftet. Aber für die enormen Geldsummen nimmt eine Regierung so etwas in Kauf.

Es folgt die Abfahrt. Nun muss ich was essen, schon lange habe ich Hunger. Mein Magen schmerz schon richtig. Nun, es ist 14.30 Uhr. Wir setzen uns an einen etwas windgeschützten Ort, der Wind bläst kalt hier oben. Die Folge von essen ist nun aber, dass der Magen noch mehr schmerzt. Das wird beim Weiterfahren noch schlimmer. Es geht weiter runter, dann wird die Gegend sanft hügelig, mal rauf, mal runter. Alvaro düst voraus, ich muss mich hinlegen, um den Magen zu entspannen. Zudem bin ich ziemlich fertig. Ich schleppe wohl fast das Doppelte an Gewicht den Berg rauf. Mein Fehler… In zwei Dörfern frage ich nach Padre oder Schule, doch es ist Schulferienzeit, niemand da. Ich muss bald halten, egal wo Alvaro steckt. Ich kämpfe wieder einen Hügel hoch, nun auch noch mit vollem Gegenwind. Ich kann fast nicht mehr. Da steht ein Haus. Ich frage, ob ich das Zelt auf der etwas windgeschützten Seite aufstellen darf. Klar doch! Bald stehen die vier neugierigen Kinder neben mir und bestaunen jede meiner Bewegungen. Ich stelle das Zelt auf. Es ist kalt hier oben. Als die Sonne hinter den Bergen verschwindet, wird es noch kälter.

Ich überlege gerade, was ich essen könnte, da steht die Señora mit einem Teller Reis mit Linsen vor mir. Comidita für mich. Wow, so nett! Dazu gibt es noch ein Aguita, ein heisser Tee. Als die Señora das Zelt sieht, schaut sie mich ganz kritisch an und bietet mir ein Camita im Haus an. Das Bett lehne ich dankend ab, ich fühle mich wohl in meinem Plastikhaus. Später setze ich mich noch eine Weile in die durch den Holzherd etwas warme Küche und unterhalte mich mit der Familie. Wirklich sehr nette, einfache Leute, die nicht einmal Strom besitzen.

31.07.2014. 4 Grad habe ich am Morgen in meinem Zelt. Da bleibe ich etwas länger im warmen Schlafsack liegen. Dann packe ich zusammen und wage mich raus. Dort ist es noch kühler, der Wind bläst immer noch eiskalt. Bald werde ich wieder von der ganzen Familie bestaunt. Langsam zieht die Sonne über die Wiese, mein Zelt bleibt im Schatten des Hauses. Nass ist es nicht und ich glaube, es ist im Schatten wärmer als in der Sonne mit dem einkalten Wind. Ich koche im Zelt heisses Wasser und frühstücke auch dort. Es ist eindeutig wärmer in meinem Daheim. Dann heisst es zusammenpacken und alles bereit machen. Gegen 8.30 Uhr verabschiede ich mich und mache mich auf in den Kampf gegen den Wind. Der bläst mir kalt und mit viel Wucht entgegen. Ich schwanke den Hügel hoch. Dann wird es flacher, aber vorwärts komme ich kaum. Dann eine 180 Grad Kurve und eine lange Steigung. Nun werde ich angeschoben. Das ist klasse. Nun, bis die nächsten Kurven folgen. Ich erreiche eine Hochebene mit vielen Lagunen. Es ist sehr schön hier oben.

Lagunen

Lagunen

Der Wind bläst nun von der Seite und treibt mich so stark ab, dass ich schieben muss. Nun geht’s runter, langsam, um nicht vom Winde verweht zu werden. Die Strasse wechselt ständig von Asphalt zu Schotter. Von Weitem sehe ich nun die riesige Anlage der Mina Yanacocha. Wieder so eine immense Landschaftsverwüstung. Bald fahre ich durch das Minengebiet. Es geht wieder lange rauf, dann beginnt die lange Abfahrt nach Cajamarca. Es wird immer wärmer. In einem Dorf esse ich vor der Kirche zu Mittag und geniesse Sonne und Wärme. Dann nehme ich die letzen Kilometer in Angriff. Bei der Stadteinfahrt werde ich von Alvaro abgefangen. Ich muss nun zuerst in ein Internet, dann in ein Locutorio. Ich rufe meinen Kontaktmann Fernando an. Zu ihm wird meine Ersatz-Rohloff geschickt. Die muss ja wieder ausgetauscht werden. Das Paket steckt aber noch beim Zoll fest und Fernando befindet sich ausserhalb der Stadt. Alles optimal… Er empfiehlt mir das Hostal Plaza bei der Plaza de Armas. Dort fahren wir hin. Dort gibt es für 20 Soles ein Einzelzimmer. Nicht gerade billig, aber für die zentrale Lage nicht schlecht. Ich schaue mir später noch andere Hostales an, doch wenn man nicht weg vom Schuss wohnen will, ist dies wohl wirklich eine der besten Optionen. Nun gibt es eine lauwarme Dusche, das Wasser ist nur am Morgen heiss. Immerhin funktioniert das Wi-fi mehr oder weniger und Cajamarca ist voll mit leckeren Pastelerias!

01. – 09.08.2014. Nun gibt es ein paar Ruhetage in Cajamarca. Die ersten Tage beschäftige ich mich ganz gut. Blog schreiben, Mails beantworten, Fotos bearbeiten etc. Und natürlich essen. Davon gibt es hier was das Herz begehrt, natürlich in allen Preisklassen. Auch guten Kaffee finde ich hier. Das Café Jazmines entwickelt sich so zum Lieblingslokal für den dunklen Genuss. Nicht gerade billig, aber ab und zu kann man sich einen so leckeren Cappuccino gönnen. Immerhin finde ich Ersatzkartuschen für den Gas-Kocher. In Cajamarca gibt es nun zwei Shoppingmalls. Eine total andere Welt. Aber mit ziemlich gut ausgerüsteten Outdoor-Läden. Da findet man fast alles. Alvaro hatte sich in solch einem einen Mammut-Schlafsack erstanden. Nun, der Arme musste feststellen, dass seine Ausrüstung nicht gerade kältetauglich ist. Und in der einen Mall gibt es sogar einen Starbucks. Ich gehe aus reiner Neugier rein, mich interessieren die Preise. Für Schweizer Verhältnisse sehr, sehr günstig. Zudem gibt es hier wieder einmal eine kleine Ciclista-Ansammlung. Ich treffe wieder auf Leah, die wegen Bikeproblemen mit dem Bus eintrifft. Später kommen auch noch Sarah und Scott hier an. So verbringen wir einige lustige Abende zusammen. Alvaros Abfahrt verpasse ich irgendwie, da ich gerade ausser Haus bin, als er sich auf den Weg macht. Na ja.

Ich warte derweil weiter auf mein Paket von Rohloff. Ich hatte die Hoffnung, dass dies hier nicht so kompliziert wie in Ecuador sein wird, doch da habe ich mich gründlich getäuscht. Derweil versuche ich mich zu beschäftigen. Ich spaziere durch die Stadt, steige zur Iglesia Santa Apolonia hoch. Von dort oben hat man trotz geringer Höhe einen tollen Blick auf die Stadt. Zudem unterhalte ich mich mit den diversen Indigena-Frauen, die dort ihre Ware anbieten. Die haben doch interessante Dinge zu berichten über die Artesania, die sie anbieten.

Viel unternehme ich sonst nicht, die Tage vergehen irgendwie doch ganz schnell. Cajamarca und Umgebung hätten noch einiges zu bieten, aber ich kann mich nicht dazu aufraffen. Nicht einmal die Baños del Inca besuche ich, wo es ein schön heisses Bad zu geniessen gäbe. In Anbetracht der nicht gerade gut funktionierenden Duschen im Hostal eigentlich eine Wohltat. Die Duschen haben nämlich nur 2 Stunden am Morgen heisses Wasser. Vielleicht. Wenn überhaupt Wasser. Zweimal passiert es mir, dass ich schön dusche, aber mit voller Einseifung versiegt plötzlich sämtliches Wasser. Vor Kälte schlotternd warte ich auf erneutes Nass, doch das kann dauern… Nun, das sehr alte Kolonialgebäude hat wohl nicht gerade dei besten Wasserleitungen, duscht jemand im zweiten Stock gibt’s für den dritten nichts mehr.  Immerhin schaffe ich es, die doch zahlreichen Kirchen Cajamarcas zu besichtigen, vor allem Nachts sind diese schön beleuchtet.

Das Rohloff-Paket hingegen bereitet mir wieder einmal Probleme mit dem Zoll. Dort befindet es sich es seit einer Woche, nun wollen sie eine Original-Rechnung sowie einen Funktionsbeschrieb des Teiles sehen. Fernando als Kontaktperson hilft mir netterweise bei den Mail-Kontakten, aber passieren tut nicht viel. Ich rufe dann selbst beim Zoll an, sie wollen die Sache so schnell wie möglich in die Hand nehmen. Na, was das in Peru auch immer heissen mag. Nach fünf Tagen Cajamarca habe ich nämlich ziemlich genug gesehen von der Stadt, gerne würde ich weiterfahren. Aber so wie es aussieht, werde ich längere Zeit hier festsitzen. Aber oh, Wunder, am 5. August abends heisst es dann im FedEx online-Tracking, dass das Paket vom Zoll freigegeben wurde, eine Stunde später ist es schon auf dem Weg. Am Mittwoch, den 6. August lerne ich dann schlussendlich auch noch Fernando persönlich kennen. Er kommt gerade von einem Familienbesuch in Huanuco zurück. Wir treffen uns um 10 Uhr, bringen zuerst mein Rad in die Waschanlage eines Freundes. Dann gehen wir zu Fernando nach Hause, dort wird seine mobile Werkstatt im Wohnzimmer aufgebaut. Er hatte früher selbst eine Fahrradwerkstatt, doch üble Diebe hatten ihm alles geklaut. Nun teilt er mit einem Kollegen diverse Werkzeuge, aber als Bikemechaniker arbeitet er nur noch nebenamtlich. Wir essen gerade in einem Restaurant zu Mittag, als sein Handy klingelt. Der FedEx Mann steht vor seiner Haustüre. Wir eilen schnellstens dahin und ich halte das lange ersehnte Paket in der Hand. Nun bin ich doch überrascht, wie schnell es von Lima in Cajamarca war und ich sehe mich schon auf der Strasse… In der Wohnung wird das kostbare Teil ausgepackt, schön neu sieht es aus. Aber irgendwie komisch, irgend etwas stimmt nicht. Ha, das Teil ist für V-Brakes gemacht, nicht für Scheibenbremsen. Und ich habe Scheibenbremsen. Das glaube ich nun echt nicht! Alles haben sie mich bei Rohloff gefragt, nur nicht, welche Bremsen ich fahre. Mit dem Teil kann ich überhaupt nichts anfangen! Ich könnte laut schreien! Was nun? Fernando ist ein absolut cooler und gelassener Typ, so schauen wir uns online diverses Material zur Speedhub an und wie man sie allenfalls auseinander nehmen könnte. Obwohl das natürlich nicht erlaubt ist… Wir finden auch diverse Videos, wie man das Getriebe in all seine Einzelteile zerlegt, aber nirgends wird gezeigt, wie man den Gehäusedeckel abnimmt. Könnte ich den austauschen, wäre das Problem gelöst. In der Zeit untersucht Fernando weiterhin das alte Getriebe und stellt plötzlich fest, dass das Kugellager auf der Ritzelseite ziemlich lose ist. Noch mehr Mist, denn dieses Kugellager ist Teil des Gehäuses und nicht des Getriebes! Das Lager hat soviel Spiel, dass es eine Erklärung für das Versagen des Getriebes sein könnte, denn mit all dem Gewicht steht die Achse ziemlich schief. Ich kann das alles nicht glauben, echt. Da sendet mir Rohloff ein falsches Ersatzteil und will dann ernsthaft, dass ich ein neues Getriebe mit einem neuen Kugellager in ein Gehäuse inkl. Kugellager einbaue, das knappe 40’000 km auf dem Buckel hat. Da zweifle ich langsam ein bisschen an dem Service! Auf jeden Fall vergeht so ein Tag in der Werkstatt. Das Ganze bereitet mir nun eine schlaflose Nacht und am Donnerstag bin ich um 8 Uhr schon wieder bei Fernando. Wir suchen und versuchen wohl den ganzen Morgen, wie man den Gehäusedeckel aufbekommt. Zudem holen wir das aktuelle Getriebe raus. Schon beim Öl ablassen sieht man, dass Wasser in das Gehäuse eingedrungen ist. Kein Wunder bei einem Lager, dass so viel Spiel aufweist. Fernando putzt das alte Getriebe gründlich, spült es mehrmals mit diversen arg riechenden Flüssigkeiten durch und meint dann, dass mit dem Getriebe alles in Ordnung ist. Na, dann wechseln wir den Plan. Wir machen uns auf die Suche nach einem neuen Gehäuselager. Wie gut sind in Lateinamerika gleiche Geschäfte immer in der gleichen Gegend anzutreffen. Wir fahren per Mototaxi zu den Ersatzteilen für Autos und Motorräder. Ich glaube, Mototaxi fahren ist noch viel schlimmer als Mototaxis auf dem Fahrrad um sich zu haben. Die Typen rasen über Löcher und Schwellen, dass man mehr als durchgeschüttelt wird. Nun, in der Auto und Motorräder Strasse gibt es auch Kugellager und Dichtungen. Aber auch beim fünften Mal nachfragen kein Erfolg. Wir gehen zur nächsten Tienda. Der Señor hat das gefragte Lager nicht, aber er ruft einen Kumpel an. Der hat die gesuchte Grösse, will aber 80 Soles dafür. Das ist zuviel. Wir laufen noch weiter, eine Tienda bleibt noch. Und siehe da, der Señor hat das ersehnte Teil für 35 Soles. Was für ein Glück! Das wir gekauft. Dichtung finden wir jedoch keine passende. Wir holperrasen zurück, nun haben wir das wichtigste Teil. Nun heisst es, alles wieder zusammenbauen. Das dauert, und diverse Schrauben des alten Getriebes sind so abgenutzt, dass sie brechen. So fassen wir das neue Getriebe doch noch an und entnehmen ihm gewisse Teile. Mit dem muss Rohloff leben, nachdem sie zwei ziemlich fatale Fehler begangen haben. Ich hoffe nur, dass sie mir die Garantieleistung nicht streichen. Denn ich weiss noch nicht, ob unsere Theorie stimmt und das alte Getriebe problemlos funktioniert. Auf jeden Fall ist dann nach 18 Uhr alles eingebaut und die erste Testfahrt verläuft gut. Zum Glück ist Fernando so ein geduldiger, neugieriger und total netter Typ. Da habe ich wirklich Glück gehabt. Vielen, vielen Dank! Ich mache mich nach 20 Uhr beruhigter auf den Heimweg, morgen muss nur noch an den Bremsen und der Radzentrierung gearbeitet werden.

So stehe ich noch einmal bei Fernando in der Wohnung. Er ist gerade dabei, meine Kette bis auf den letzten Dreck zu reinigen. Die Bremsen sind auch schon eingestellt und Fernando hat noch eine eher schlechte Nachricht für mich. Ich hatte ja bei der Ankunft in Nicaragua feststellen müssen, dass der hintere Gepäckträger leicht verbogen ist. Fernando sagt mir nun aber, dass er festgestellt hat, das der ganze Rahmen leicht verbogen ist. Nun, verwunderlich ist das nicht. Nun kann diese Verbiegung aber sämtliche Probleme mit dem Getriebe und dem Lager auslösen. Das ist schlecht. Aber da kann man im Moment nicht viel machen… Mit dem muss ich leben. Nun aber zurück zu den Bremsen. Wir machen die ganzen Einstellungen noch einmal, nun ich. Ich entferne sogar die Pads bei der hinteren Bremse und lerne, dass man sie ganz einfach reindrücken kann. Hätte ich das vor ein paar Tagen gewusst. Fernando ist echt superklasse! Er erklärt mir nun noch detailliert, wie man die Bremsen sauber einstellt. Nun spielen wir das ganze Prozedere auch noch vorne durch und da ich besser bei auf Kopf stehendem Rad arbeiten kann, geschieht dies so. Tja, und so stellen wir dann heute fest, dass das vordere Rad leichtes Spiel hat, sprich die Kugellager dieser Nabe sind auch ausgelaugt. Wieder zu den Kugellagern und Dichtungen? Nein, Fernando ruft einen Freund an, der hat per Zufall eine gleiche Novatec-Nabe im Geschäft. Wieder Glück gehabt. Nun holpern wir mit einem Motortaxi dorthin. Die ganze Nabe wollen wir nicht wechseln, sondern nur den Innenteil, Achse und Lager. Doch das Entfernen des alten Innenlebens ist nicht so einfach, das ist alles ziemlich verhockt. Doch mit vielen leichten Hammerschlägen funktioniert es dann doch noch. Dann bauen wir die Teile aus der neuen Nabe aus und wieder in meine ein. Was für ein Prozedere. Dann wieder zurück und alles ins Rad einbauen. Uffff! Nun noch die vorderen Bremsen fertig einstellen und fertig! Wirklich fertig! Nun finden wir hoffentlich nichts mehr. Mein Fahrrad wird aus drei Tagen Intensivstation entlassen. Was für ein Glück! Jetzt kann es definitiv weitergehen und ich werde sehen, wie sich alles verhält. Vor allem bin ich gespannt, ob die alte Rohloff nun wieder einwandfrei funktioniert oder immer noch versagt. Die neue ist nämlich wieder auf dem Weg nach Deutschland. Aber umsonst war das Warten ja nicht, Fernando konnte mir mit ganz vielen anderen wichtigen Dingen helfen! Und wir beide sind wohl schon bald Rohloff-Spezialisten… Das war jetzt ganz viel Radtecnik, aber das war wohl das Ereignisreichste von Cajamarca. Und Fernando ist definitiv mein Held, mein Engel von Cajamarca. Ganz herzlichen Dank! Muchissimas gracias, pe!!

La Pesadita, Fernando und ich in seiner "Werkstatt"

La Pesadita, Fernando und ich in seiner „Werkstatt“

 

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