Ayacucho, eine familiär-kulinarische Auszeit

05. – 11.10.2014. Ayacucho ist ein guter Ort zum Verweilen. Ein paar Tage sollen es sein, doch es wird eine gute Woche daraus. Aber es steht auch einiges an Arbeit an. Das Rad braucht seine Pflege und diverse Kleidungsstücke wollen geflickt oder allenfalls ersetzt werden. Dazwischen ist natürlich essen angesagt. Ayachucho entwickelt sich zur kulinarischen Auszeit mit Familienanschluss.

05. – 11.10.2014. Ayacucho, oder auch Huamanga genannt, ist ein perfekter Ort um ein paar Tage auszuspannen. Die Stadt liegt auf  2’761 m.ü.M. und hat ein perfektes Klima, nicht zu heiss, nicht zu kalt. Die sympathische Kolonialstadt hat 33 Kirchen, wird deshalb auch oft als Stadt der Kirchen bezeichnet. Der Ort ist sehr religiös geprägt und die Semana Santa Feierlichkeiten sollen die berühmtesten des Landes sein. Wer sich für das Kunsthandwerk interessiert ist hier auch richtig. Es werden Arbeiten von Goldschmieden, Töpfern, Schnitzern, Skulpturen und Webern verkauft. Zudem hat Ayacucho eine andere Art von interessanter Geschichte, war die Stadt früher der Mittelpunkt des abscheulichen Kampfes des hiesigen Terrorismus. Hier war der Sendero Luminoso zu Hause. Wie meine Gastgeberfamilie des Hotels Crillonesa erzählt, war dies eine harte Zeit, es gab fast nichts, Geschäfte liefen nicht und ab 17 Uhr wagte sich niemand mehr auf die Strasse. Aber in der letzen Dekade hat sich viel getan und heute ist Ayacucho eine sehenswerte Stadt. Mit sehr vielen kulinarischen Highlights, wie ich herausfinde.

Das Hotel Crillonesa ist ein perfekter Ort für ein paar geruhsame Tage. Die ganze Besitzerfamilie, das sind Alicia und Carlos mit ihren Söhnen Leo und Antonio, ist extrem nett. Ebenfalls das ganze Personal. Ich fühle mich extrem wohl im Hotel und in meinem Zimmer mit Aussicht und so vergehen die Tage. Neben den Radarbeiten will der Blog aktualisiert werden und die Mail-Inbox quillt auch gut über. Die Routenplanung muss auch wieder genauer ins Auge gefasst werden. Meine inzwischen aus Huaraz angekommen Kiste muss ich wieder ausmisten und wohl nochmals weiterschicken. Das Rohloff-Problem braucht immer noch eine Lösung. Das alles braucht seine Zeit.

Der erste richtige Ruhetag in Ayacucho ist Sonntag, da ist wohl auch richtig ruhen angesagt. Schon das Frühstück mit Alicia und Carlos zieht sich gut in die Länge. Der Familienanschluss tut gut. Zudem kann ich auch noch etwas Deutsch sprechen, mit Shari, die hier für ihren Bachelor in Anthropologie arbeitet. Dann sind heute viele Geschäfte zu, dafür herrscht auf der Plaza reges Leben. An Wochenenden und Feiertagen verkaufen die Indigenas ihre Köstlichkeiten auf der Strasse. Da gibt es Muyuchi, ein Glace aus Quinoa, Siete Semillas (Sieben Körner) oder Ajonjoli (Sesam). Die flüssige Masse wird in einer grossen Pfanne im Eis geschwungen. Dabei bildet sich am Pfannenrand schnell eine Eisschicht der köstlichen Masse. Das ist dann eben das Muyuchi. Sehr zu empfehlen. Ebenfalls werden kleine Gebäckteile, Maicillos, verkauft, auch diese sind alle sehr lecker.

Der Montag steht dann ganz im Zeichen des Fahrrades. Ich muss mich um die nicht mehr fassende Schraube in der Gabel kümmern. Ich versuche es zuerst mit einer grösseren Schraube, dazu klappere ich einige Ferreterias ab, die mich dann in die Casa de Pernos, das „Schraubenhaus“ schicken. Dort bekomme ich alles. Aber dazu muss auch ein grösseres Loch in die Gabel gedreht werden, dazu geht’s zu einem Torno. Danach fasst die Schraube wieder, nun halt eine Nummer grösser. Ein Problem weniger.

In dem bergigen Gelände wurden und werden die Bremsen ziemlich gut beansprucht. Die Bremspads müssen schon wieder ausgetauscht werden. Ein rechter Verschleiss. Fernando in Cajamarca hat mir so gut erklärt wie das geht, das mache ich selbst. Das wäre auch absolut kein Problem, wenn ich nicht plötzlich eine Einstellplatte in der Hand halten würde. Und die bekomme ich nicht mehr rein. Ich schraube den Caliper komplett auseinander, nichts. Nun muss ich doch in eine Werkstadt. In der Parallelstrasse hat es zwei Bicicleterias, doch beim Erwähnen von „Scheibenbremse“ wird gleich abgeblockt. So muss ich an den Stadtrand fahren, dort befindet sich die anscheinend beste Bicicletereia von Ayacucho, Rayon Bikes an der Avenida Areales 239. Nun, in Ayacucho möchte ich keine grösseren Probleme haben. Auch der Typ hat keine grosse Ahnung, aber zusammen schaffen wir es, die Platte wieder reinzubringen. Einstellen muss ich die Bremsen hingegen selbst.

Zudem gilt es hier einige Kleidungsstücke zu flicken. Meine vom Hund zerstörte Hose muss genäht werden. Das Hemd, seit 9 Monaten im tagtäglichen Einsatz, werde ich wohl besser ersetzen. Es ist nicht nur am Zerfallen, sonder auch ziemlich dreckig. Ich finde in einer Wühlkiste auch einen gut luftigen Ersatz. Die Handschuhe müssen wohl noch ein Weilchen herhalten.

Ich hatte mich schon auf die vielen Pastelerias von Ayachucho gefreut. Auf meine geliebte Leche asada. Doch hier werde ich schwer enttäuscht. Es gibt zwar einige Pastelle, die sind ganz fein, aber Leche asada finde ich nirgends. Und sonst werden hier viel mehr Torten verkauft. Da bleibt es bei dem Begrüssungsluxus im Café Miel. Aber es gibt sehr gutes Glace hier, das Beste – und natürlich auch teuerste – verkauft eindeutig das Via Via. Aber es gibt auch gute günstigere Varianten, da schlage ich gut zu. Ich muss ja immer noch zunehmen.

Vor dem Frühstück genehmige ich mir jeden Morgen einen Fruchtsaft im nahen Mercado Santa Clara. Am ersten Morgen setze ich mich zu Katja, die den Stand ihrer Mutter Ines betreibt. Und wie es manchmal ist, es wird mein Stammsaftladen, so quasi. Das Schöne an Ayacucho ist, dass man bestellen kann was man will, es wird gemacht. Surtido mit Banane, Papaya, Ananas und Orange ist ein Klassiker. Einer meiner Favoriten wird Orange, Karotte und Erdbeere. Ich überlege mir jeweils beim Trinken, was ich am Folgetag bestellen könnte. Und kosten tut so ein frischer Saft, immerhin fast ein Liter, 3 Soless, ca. 1 CHF.

Falls man auf der Suche nach Cocablättern ist, findet man diese ausserhalb des Mercados Santa Clara. Ich kaufe ein kleines Säcklein für 1 Sol, aber neben mir werden riesige Tüten abtransportiert. Im Norden des Landes war Coca kauen vor allem Männersache. Hier trifft man aber recht häufig Coca kauende Frauen, die einem dann mit einem grünen Lächeln begrüssen. Ich brauche die Blätter zum Tee brauen. Coca-Tee soll ja gut gegen die Soroche, die Höhenkrankheit sein. Auf den hohen Bergstrecken ist Cocatee trinken eine schöne Beschäftigung beim Ankommen im Camp.

Das typische Brot von Ayachucho nennt sich Chapla. Von aussen sehen die Brötchen extrem verlockend aus. Gross und rund. Vom Gewicht her können sie nicht gross gefüllt sein. Schneidet man denn auch eins auf, stösst man auf viel Luft oder ein grosses Loch. Der grosse Vorteil, man kann es mit vielen Dingen füllen. Ein guter Ort um Chapla zu kaufen ist die Holzofenbäckerei in einem Hinterhof im ersten Cuadra der Calle 9 de Diciembre nach der Plaza. Angeschrieben mit „Panaderia Artesanal“.

Dann möchte ich noch einige lokale Spezialitäten von Ayacucho ausprobieren. Dies wurde während eines Frühstücks von mir erwähnt und von Carlos gehört. So gibt es an einem eher regnerischen Tag für Shari und mich eine kleine ayacuchanische Kochlektion in der Küche des Crillonesa. Qapchi (eine Käsesauce mit Rocoto und Frühlingszwiebel), Papa a la Huancaina (Kartoffeln mit einer Käse-oranger Rocoto-Soda-Milch-Sauce) und Puca Picante (ein Kartoffeleintopf mit einer Randen-getrocknete Chili-Erdnuss-Sauce) stehen auf dem Programm. Picante meint hier übrigens nicht pikant, sondern in einer Sauce. Und Puca heisst auch Quechua rot. Der Puca wird normalerweise mit Chicharron, frittiertem Schweinefleisch, und Reis serviert. Unter den genauen Anweisungen zaubern wir die drei Spezialitäten auf den Tisch. Sehr lehrreich und unterhaltsam. Vielen Dank Alicia und Carlos! Natürlich dürfen wir das Festmahl danach auch geniessen.

Alicia und Carlos warten mit noch mehr Überraschungen auf. Eines Morgens wird mir eine weitere lokale Spezialität zum Frühstück serviert. Mazamorra de Calabaza und Mazamorra de Llipta, einer Maisart. Dazu gibt es das süssliche Brot Wawa. Mir geht es hier wirklich gut und der Besuch wird auch zu einem kulinarischen Spaziergang durch die Region, ich lerne noch eine andere Seite von Ayacucho kennen.

Das Hotel Crillonesa ist eine absolut gute Wahl, sehr empfehlenswert. Das Hotel befindet sich in der Calle Nazareno 165, Ayacucho. Wie ich höre geht es vielen Gästen so wie mir, dass sie länger bleiben als geplant. Aber langsam wird es doch wieder Zeit, ans Weiterreisen zu denken, denn es regnet auch hier in Ayacucho schon mehr als üblich zu dieser Jahreszeit. Nach längerer Routenplanung begebe ich mich nochmals in die Berge, mit allfälligen Fluchtmöglichkeiten. Aber ich entdecke ja gerne neue Wege und die direkte Strecke nach Cusco kenne ich schon. Und Cusco ja auch, obwohl ich noch nie in Macchu Picchu war. Das immer noch ein gedanklicher Kampf. Hingehen oder nicht… Wir werden sehen.

2 Gedanken zu “Ayacucho, eine familiär-kulinarische Auszeit

  1. Liebe Martina, ein schoener Beitrag! Schade, dass ich dich nicht mehr verabschiedet habe- irgendwie haben sich die Tagesablaeufe da gekreuzt. Aber es war ein tolles letztes Fruehstueck mit der Mazamorra! Hab eine gute weitere Zeit und natuerlich viele schoene und spassige Momente!

    • Liebe Shari
      Vielen Dank für deine Nachricht! Ja, irgendwie haben wir es nicht mehr geschafft. Ich wünsche dir auf jeden Fall noch eine erfolgreiche Zeit in Ayacucho und liebe Grüsse an alle von mir. Ich schreibe dir noch an deine private Mail, mir ist da noch was in den Sinn gekommen, etwas zu spät…

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