Juliaca – La Paz, ¡No te vayas!

25. – 29.11.2014. 408 km. 2’875 Höhenmeter. Die letzten Kilometer in Peru folgen um den Lago Titicaca. Ich nehme die etwas verkehrsärmere Route am Ostufer entlang. Nach einem Abstecher auf die Capachica Peninsula finde ich noch weitere kleine Schotterstrassen mit Seeblick. Schön. Peru will mich nicht so einfach gehen lassen und macht mir die letzen Kilometer richtig schwer. Bolivien begrüsst mich dann mit einem Hagelsturm, einem Loch in der Hose und viel Gegenwind. Bienvenidos!

Route: Juliaca – Coata – Chata – Pusi – Taraco – Huancane – Jipata – Jacha Paru – Conima – Wirupaya – Puerto Acosta – Escoma – Ancoraimes – Huarina – Patamanta – El Alto – La Paz

25.11.2014. Nach der Inka-Detour und ein paar weiteren Auskurierungstagen einer Erkältung geht’s wieder auf die Strasse. Nun wieder mit voller Gepäckladung und mit einer Keksration, die wahrscheinlich bis Argentinien reicht… Geovanni begleitet mich noch bis zur Ausfahrt nach Coata. Ich werde noch einer kleine Runde über die Capachica Peninsula drehen. Zudem vermeide ich so ein paar verkehrsreiche Kilometer auf der Juliaca – Huancane Strasse. Bei Stadtausfahrt verabschiede ich mich von Geovanni und mache mich alleine auf den Weiterweg. Die Strasse führt weiter über das Altiplano. Hier tragen die Frauen sehr spezielle Hüte mit grossen, farbigen Bommeln. Auf der flachen Strasse komme ich trotz schwerem Gepäck gut voran.

Ich passiere Coata, dann Chata. Dort biegt eine Schotterstrasse in Richtung Pusi ab. Die nehme ich, bald folgt einer kurze, sehr steile Steigung. Dann fahre ich durch etwas bergigere Gefilde und bald kommt der Lago Titicaca in Sicht. Schön! Nun steigt die Strasse an, das einladende Wasser des sicher saukalten Sees entfernt sich.

Ich fahre der Steilküste entlang, geniesse Aussicht, Sonne und eine fast verkehrslose Strasse. Nun fast. Ein entgegenkommender Wagen hält und ohne Umschweife werde ich gefragt, ob ich verheiratet oder single sei. Verheiratet. Sehr gut, die zwei Herren fahren weiter. Ich passiere einige kleiner Dörfer und gegen 13.30 Uhr erreiche ich Pusi. Ich dachte, ich würde es bis hierher schaffen, doch da bleibt noch viel Zeit zum Weiterfahren. Nun entfernt sich die flache Strasse vom See. Bald kommen mir ganz viele Kinder auf Fahrrädern entgegen. Die Schule ist aus. Aber Leute auf Fahrrädern habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Irgendwie. Ist auf jeden Fall cool! Cool finden’s wohl auch die Kids, viele wollen ihr Englisch unter Beweis stellen. Bald erreiche ich Taraco und die Hauptstrasse. Ich fahre ins Dorf. Bei der Parroquia ist niemand, die Schulen sind alle schon geschlossen. Bei der Alcaldia werde ich angesprochen und zum Alcalde geführt. Doch ein Büro wollen sie mir nicht zur Verfügung stellen, man begleitet mich zu einem Hostal. 10 Soles, kein fliessend Wasser. Na, das war nicht meine Vorstellung, aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Immerhin bleibt mir etwas Zeit, den „verlorengegangenen“ Autofokus zu suchen.

26.11.2014. Bei strahlend blauem Himmel verlasse ich Taraco auf der asphaltierten Hauptstrasse. Diese führt flach durch die Gegend und bis Huancane hat es gut Verkehr und gutes Gehupe. Vor Huancane steigt die Strasse an und auf der Plaza fahren gerade die Empanada-Señoras auf. Pausenzeit! Danach geht’s runter, bald wird es hügelig und nach einer Weile fahre ich wieder dem See entlang.In Jipata nehme ich den Abzweig nach Jacha Paru. Diese Schotterstrasse folgt etwas näher dem Seeufer, zudem hat sie kaum Verkehr.

Es folgt eine erste gute Steigung, nun merke ich deutlich, dass ich wieder mindestens 10 kg mehr draufhabe. Puuhhh! Es geht runter, dann folgt wieder eine längere Steigung. In ein paar sehr interessanten Felsformationen mache ich Mittagspause. Wäre auch ein schöner Zeltplatz, aber dazu ist es noch etwas früh.Es folgt wieder eine Abfahrt, noch ein Aufstieg und gegen 15 Uhr erreiche ich wieder die Hauptstrasse. Moho liegt schon hinter mir und mir bleibt noch Zeit. Auf Asphalt fahre ich weiter der sehr schönen Steilküste entlang. Es ist schön hier! Und erinnert mich etwas an den Highway 101.

Gegen 16.30 Uhr erreiche ich Conima. Auch hier gestaltet sich die Nachtplatzsuche als schwierig. Parroquia nicht besetzt, Municipalidad im Bau, Schulen geschlossen, Lehrer nicht auffindbar. Und die Leute nicht wirklich hilfsbereit. Sie tuscheln lieber. Das ist mein genereller Eindruck der Leute am Lago. Schade, nachdem ich überall so gute (bis auf ein paar Arschlöcher) Erfahrungen gemacht habe. Ich versuche es noch bei der Polizei, laufe zum Colegio, gehe zum einzigen Hostel, auch da niemand. Puh, was für ein Kaff!! Zum Glück taucht die Señora des Hostals doch noch auf. Wieder meine letze Lösung. Ein Bett für 10 Soles. Na ja. Immerhin darf ich in der Küche kochen und es gibt frische Chifles und heisse Cebada. Die Señora ist sehr nett! Wenigstens etwas. Und ds Witzige daran ist, sie ist Professorin der Primaria…

27.11.2014. Kurz vor 6 Uhr höre ich lautes Grollen. Fast im Sekundentakt. Donner! Ein blick aus der Türe, der Himmel ist trüb, über dem See schüttet es. Bald fallen auch hier die ersten Tropfen, dann giesst es auch Kübeln. Seltsam. Morgens hat es bisher noch nie geregnet, immer nur nachmittags. Es ist fast so, als sage mir Peru: No te vayas. Ich frühstücke in Ruhe, packe. Der Regen hat etwas nachgelassen, los geht’s. Ich will ja die Grenze vor der Mittagspause der Beamten erreichen! Die beginnt um 12.30 Uhr. Im Regen fahre ich weiter dem See entlang, dann drückt die Sonne etwas durch. Kurz vor Tilali hat es eine Abzweigung. Ich frage nach dem Weg nach Bolivien, man schickt mich auf die kleine, miese Schotterstrasse. Ein Señor meint, es folge eine Lomita, dann Pampita. Bald steigt die Steinstrasse steil an. Und wird nicht besser. Ich muss schieben. Und zwar lange. Ich stosse diverse Flüche gegen den mittlerweile wieder eher grauen Himmel. Peru macht mir den Abschied nicht einfach.

Dann erreiche ich zum Glück den höchsten Punkt und es folgt wirklich flache Pampita nach Wirupaya. Eine mit einer Kette zugesperrt Brücke, die Grenze. Wirupaya ist halb peruanisch, halb bolivianisch. Ich überfahre den „internationalen“ Erdwall nach Bolivien. Keine Kontrollor, nada. Was für eine umspektakuläre Grenzüberquerung.

Kaum in Bolivien, beginnt es zu hageln. Peru macht mir das Gehen wirklich schwer und Bolivien heisst mich nicht gerade herzlich willkommen. Was soll das heissen? Der Hagel wird immer stärker und es beginnt die Abfahrt nach Puerto Acosta. Auch diese Strasse ist steinig und mies. Dank dem Hagel verwandelt sich die Strasse bald in einen Fluss und ich holpere blind über die grossen Steine. Dann eine Kreuzung. Hm? Da kommt ein Minibus. Im Hagel warte ich, winke dem Fahrer zu. Doch der denkt nicht daran anzuhalten. Ein paar Meter weiter will wohl jemand aussteigen, ich brülle ihm zu, wohin es nach Puerto Acosta geht. Runter. Langsam lässt der Hagel nach und die nun sandige Strasse wird flacher. Und matschig. Ich brauche Kraft, um voranzukommen. Noch 1 Stunde bis zur Zoll-Mittagspause. Um 12 Uhr erreiche ich die Migration. Geschlossen! Wie? Ich klopfe, rüttle an der Tür. Nada. Ich halte einen Wagen und frage, wo die Beamten seien. In der Mittagspause. Wie? Ja, es sei 13 Uhr… Shiiiit! In Bolivien ist man eine Stunde voraus. Das habe ich total versäumt. Na ja, ich fahre zur Plaza, tausche meine restlichen Soles in Bolivianos und mache auf der Plaza unter einem grossen Bauen etwas regengeschützt Mittagspause. Ich studiere die Karte, ein paar Mamitas fragen, was ich mache. Ich sage, ich müsse auf die Beamten der Migration warten, die eine verdammt lange Mittagspause machen würden. Darüber lachen sich die Damen fast schief. Dann packe ich mein Mittagessen aus, bald habe ich Gesellschaft von einer Señora. Alle wollen hier wissen, wie es in Peru ist. Und natürlich ist in Bolivien alles besser. Aber so weiss ich wenigstens nun, was Brot, Milch etc. kostet. Auch gut. Mittlerweile hat der Regen aufgehört und um 14.30 Uhr mache ich mich auf den Weg zur Migration. Ich habe öfters gelesen, dass die Beamten hier etwas schwierig tun und Geld verlangen. Der Beamte studiert meinen Pass genau, fragt, ob ich ander Tür gerüttelt hätte. Ich labere vor mich hin und bekomme einfach einen Stempel in den Pass gedrückt. Einfach so. Ich bin fast ein wenig enttäuscht, ich hätte gerne etwas diskutiert. Aber auch gut. Der Beamte schiesst ein Foto von mir und weg bin ich. Bis auf einige Hügel ist die Strasse nach Escoma flach. Und sandig. Das bekomme ich auf die harte Weise zu spüren, denn plötzlich liege ich am Boden. Das Hinterrad ist ausgebüxt und ich wurde abgeworfen. Die Regenhose hat ein Loch am Knie. Nochmals Shiiit!! Bolivien will mich wirklich nicht.

Die neue, teure Regenhose kaputt

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Ich raffe mich auf, fahre weiter, nun auch noch mit starkem Gegenwind. Vor Escoma eine gesperrt Brücke, ein Herr will Kohle. Der kann mir mal. Ich sage ihm, er solle mich gefälligst so schnell wie möglich durchlassen, bevor ich hier an Ort und Stelle erfrieren würde. Der Wind ist nämlich eiskalt. Das tut der Zahnlose dann auch. Danke! Nun wollen einige Mamitas, dass ich was für Weihnachten gebe. Für die Kinder. Hasta luego! Oder auch nicht. Ich fahre zur Plaza, suche die Parroquia. Doch der Padre ist nicht da. Das Spiel beginnt wieder. Dann zur Schule, dort ist gut was los, es wird gesoffen. Ich mache Halt bei der Polizei, dort bietet man mir gleich ein Cuarto an. Das ist nett. So endet die erste Nacht in Bolivien besser als die letzten zwei in Peru. Aber sicherheitshalber verbarrikadiere ich die Türe des Cuartos ziemlich gut, denn der Suboficial wird etwas zu anhänglich.

28.11.2014. Quedate! Meint der Suboficial am Morgen. Ich mache mich lieber auf den Weg. Hinter mir schwarze Wolken, es nieselt leicht und es windet. Gegenwind. Der Wind hatte schon die ganze Nacht wie wild am Gebäude gerüttelt und ist immer noch in voller Aktion. Den Tag beginne ich gleich mit einer Supersteigung raus aus Escoma. Dann geht’s hügelig weiter nach Puerto Carabuco. Der Wind bläst meist von seitlich vorn oder vorn und macht mir das Fortkommen schwer. Vor Ancoraimes folgt eine längere Steigung, dann wird die Gegend flacher. Der Wind bläst heute gnadenlos, ich kämpfe. Aber die Wolken um die Cordillera Real bläst er leider nicht weg. Von hier hätte ich einen wunderbaren Blick auf diese Berge, doch ich sehe nur eine Wolkenwand und ein paar Spitzen. Schade.

In Bolivien gibt es noch einer andere interessante Erscheinung. Hunde liegen massenhaft einfach am Strassenrand. Manchmal in ganzen Rudeln. Das macht mir zu Beginn etwas Bammel, ich fahre grosse Bogen um sie. Doch sie scheinen „harmlos“. Später erklärt mir jemand, das viele Autofahrer Essensreste aus dem Fenster werfen würden… Ahh. Zum Glück finde ich bei einer ausgestorbenen Plaza einen eingermassen windgeschützten Platz für die Mittagspause. Danach macht die Strasse ein Kurve und… ich fliege. Rückenwind! Wow! Kurz nach 14 Uhr erreiche ich Ancoraimes. Auf der Plaza will ich Brot kaufen. 50 Cents. „Teuer“, sage ich. Die Señora fühlt sich ertappt, dann gibt’s die üblichen 5 Brötchen für 2 Bolivianos. Da habe ich gestern gut was gelernt. Ich fahre weiter, nun erhasche ich doch noch einen Blick auf den Illampu und den Ancohuma. Etwas spät, denn die Berge verschwinden langsam hintern den Hügeln. Vor mir wird der Himmel immer dunkler, zudem habe ich nun wieder Gegenwind. In Huarina suche ich den Padre. Nicht da. In der Alcaldia sind sie gestresst. Die Polizei hat fast keinen Platz, aber rum 19 Uhr könnte ich kommen. Hm. Ich fahre zum Puesto de Salud, dort bietet man mir nach einer Weile und etwas widerwillig einen Campspot vor der Tür an. Gut, ich warte den nächsten Regenschauer ab, dann baue ich mein Heim auf. Schlafplatzsuche scheint hier schwieriger zu werden…

29.11.2014. Man merkt die Stunde, die Bolivien voraus ist. Es ist morgens dunkler und kühler. Und mein Zelt steht im Schatten, ansonsten strahlt der Himmel blau. Ich mache mich auf den Weiterweg. Heute sehe ich sogar die Cordillera Real inklusive Huayna Potosi.

Flach geht’s nach Batallas, es folgt Patamanta und immer mehr Verkehr. Zudem wir hier gebaut. Immer wieder gibt’s Umleitungen über Schotterstrecken. Selbst hier überholen und blochen die Chauffeure wie die Irren. Schlimmer als die Peruaner, wenn das überhaupt geht. Ich werd tüchtig eingestaubt. Langsam steigt die Strasse an und ich erreiche El Alto. Es folgen 10 km durch absolutes Verkehrschaos. Es wird überholt, geschnitten, gehupt ich ich werde mit Abgasen nur so zugedröhnt. Furchtbar. Ich würde gerne mal mit Evo sprechen. Der soll mal einen Tag per Rad durch El Alto fahren. Und zwar ohne Begleitschutz. Den haben ein paar Rennradfahrer, die sich durch den Verkehr schlängeln. Hier findet tatsächlich ein Radrennen statt! Bald fahre ich auch durchs Ziel. Und weiter. Ich biege auf die Autopista ein und runter geht’s in den Talkessel von La Paz. Leider sind mittlerweile viele Wolken aufgezogen, vom Illimani sehe ich nichts. Schade.

Die Autopista führt in grossem Bogen in die Stadt runter. Genässt Schild sind hier Radfahrer nicht erlaubt. Den am Strassenrand stehenden Polizisten winke ich fröhlich zu, sie winken lächelnd zurück. Bei Stadteinfahrt kommt mir ein Ciclista entgegen. Ich rufe ihm zu. Es ist der Holländer Tijs, den ich schon in Cusco getroffen hatte. Auch er will zur Casa de Ciclistas. Eh? Da verlässt man sich besser nicht auf das Handy-GPS… Zusammen fahren wir weiter runter und bald stehen wir vor der Casa. Doch da ist niemand. Zum Glück sind wir zu zweit. Ich lasse mein Rad stehen und laufe zu einem Telefon, um Cristian anzurufen. Er will bald hier sein, aber zum Glück lässt uns sein Bruder Ariel schon vorher rein. Und so bin ich wieder in der Casa de Ciclistas in La Paz (nun, es ist ein andres Appartement), nach 4,5 Jahren. Seltsam. Und bald treffe ich auch wieder auf Cristian, nach ebenso langer Zeit. Ein nettes Wiedersehen. Später treffe ich auf einer Schmuckmesse auch noch Luisa wieder. Auch schön! Mensch, was damals alles passiert ist… Später gönnen Tijs und ich und dann doch noch etwas Ruhe in der Casa und der Holländer entpuppt sich als sehr guter Koch. Herrlich!

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