Osorno – Chaiten, ein bisschen Heimatgefühl

01. – 16.04.2015. 477 km. 5’145 Höhenmeter. Nach keinem einzigen Tropfen Regen in Chile verlasse ich Osorno bei strömendem Himmelswasser. Der Herbst ist da. Ich fahre ins triste Puerto Montt, wo ich endlich mein Paket abholen kann. Alles gut! Dazu gibt es einen Planwechsel, ich werde nicht direkt nach Süden, sondern einen Umweg über Cochamo fahren. Von dort geht’s ans Meer und mit zwei Fähren in den Parque Nacional Pumalin und nach Chaiten.

Route: Osorno – Puerto Octay – Frutillar – Puerto Montt – Puerto Varas – Ensenada – Ralun – Cochamo – Puelo – Puelche – Contao – Hualaihué – Hornopiren – Leptepu – Fiordo Largo – Caleta Gonzalo – Parque Nacional Pumalin – Caleta Santa Barbara – Chaiten

01.04.2015. An einem schönen Spätsommerabend bin ich in Osorno angekommen, an einem regnerischen Herbsttag verlasse ich die Stadt wieder. In diesen paar Tagen hat sich der Sommer verabschiedet und der April beginnt mit strömendem Regen. Ich verabschiede mich von der lieben Lydia und fahre in das Nass hinein. Aus Osorno raus und weiter in Richtung Puerto Orcay. Der Regen gibt alles, will nicht mehr aufhören. Immerhin hat es hier nicht so viel Verkehr, denn der Seitenstreifen ist meist nicht vorhanden. Ich pedale durch den Regen, dann geht’s runter nach Puerto Octay. Mittlerweile hat der Regen netterweise aufgehört, aber ich bin gut durchnässt. Ich würde mich gerne etwas in einem Café aufwärmen, aber ich finde nichts Gescheites. So fahre ich weiter, nun wird die Strasse gut hügelig mit vielen steilen Anstiegen. Nach 10 weiteren Kilometern halte ich bei einem Bushäuschen. Hunger! Zuerst aber raus aus der Regenbekleidung. Huhhhh! Hemd nass, Unterhemd nass, Hosen oben nass. Hat die Jacke durchgelassen oder ist es Schweiss? Keine Ahnung. Auf jeden Fall raus aus den Klamotten. Dann esse ich etwas und in den ersten Sonnenstrahlen muss ich mich aufwärmen. Mir ist kalt. Nun geht’s hügelig weiter, von dem Lago Llanquihue sehe ich nicht mehr viel. Immerhin wird der Himmel immer blauer und gegen 16 Uhr fahre ich in Frutillar ein. Bei den Bomberos ist niemand. Der Padre wohnt in Frutillar Bajo am See unten. Ich fahre zu den Carabineros. Nein, hier kann ich nicht übernachten, v.a. nicht als Frau, sagt man mir. Elende Machisten! Ich will wieder zu den Bomberos und warten, aber auf dem Weg lande ich in einem Hostal. Ich habe noch Zeit und will diese nicht mit Warten verbringen. Nach der heissen Dusche stelle ich fest, das ich in drei der vier Taschen Wasser habe. Das ist nicht gut, vor allem wenn ich bedenke, dass es in Zukunft noch viel mehr regnen wird… Ich will eigentlich nicht jeden Abend Taschen trockenen. Mal sehen, ob ich die Ursache finden kann. Ortlieb ist irgendwie nicht mehr das, was es mal war.

02.04.2015. Als ich kurz vor 9 Uhr abfahrbereit bin, muss ich die Señora aus dem Bett rufen. Früh ausstehen ist in Chile nicht sehr üblich, oder zumindest nicht in der Nebensaison. Ich fahre in den grauen Tag hinein, rauf auf die Ruta 5. Auf dieser spule ich die guten 40 km bis Puerto Montt runter. In Puerto Montt muss ich zuerst runter ins Centro zum DHL Büro. Und siehe da, da wartet ein Paket auf mich! Einfach so bekomme ich es! Ohne einen einzigen Peso zu bezahlen! Oleeeee! Ich kann es fast nicht glauben, aber dann halte ich alles in meinen Händen. Eine kleine Odyssee nimmt ihr Ende. Die Fahrt hierher war kühl, gerne würde ich nun einen Kaffee trinken. Ich darf das Rad netterweise im DHL Büro stehen lassen. So läuft es ich einfacher durch die Stadt. Dann muss ich den Hügel wieder hochfahren, denn Warmshower Pablo wohnt in der Nähe der Ruta 5. Ich suche eine Weile nach dem Haus, kein Wunder, wenn die Hausnummer runtergefallen ist. Und Nummern folgen hier keiner Logik. Aber ich schaffe es. Ich komme an, zwei Franzosen machen sich gerade auf den Weg. So gibt man sich die Klinke in die Hand. Seit langem das erste Haus ohne Internet. Irgendwie seltsam. Bin ich etwa auch schon abhängig von all den Netzen?

03./04.04.2015. Mein einziges To-do in Puerto Montt war das Paket abholen, eigentlich wollte ich gleich weiter. Aber der vorausgesagte Regen trifft ein und so bleibe ich schlussendlich zwei Tage im grau-tristen Hafenort. Das ist aber definitiv genug.

Genug auch um meinen Wegplan zu ändern. Eigentlich wollte ich gleich weiter in Richtung Hornopiren und Chaiten, aber nun bin ich so nahe bei Cochamo, dass ich einfach noch meine Freundin Silvie besuchen muss. Wir haben uns im 2011 in Ecuador kennengelernt und waren immer wieder mal in Kontakt. Sie betreibt mittlerweile mit ihrem chilenischen Mann ein Eco-Hostal in Cochamo. Und dorthin werde ich nun fahren.

05.04.2015. Der Himmel ist noch grau, aber ich kann ein paar blaue Flecken erkennen. Gegen 9 Uhr verabschiede ich mich von Pablo und fahre wieder auf die Ruta 5, diesmal geht’s in Richtung Norden zurück nach Puerto Varas. Anstelle von mehr blau wird der Himmel immer trüber und es wird neblig und kühl. So setzte ich mich in Puerto Varas in ein nettes Café. Heute ist Ostersonntag, da gibt’s einen Oster-Latte.

Ein Oster-Latte zum Kartenstudium

Ein Oster-Latte zum Kartenstudium

Puerto Varas ist nett, sehr touristisch und erinnert mich an Bariloche oder auch an eine kanadische Stadt wie Banff. Schön, teure Cafés, teure Hotels. Nun drückt das Blau doch langsam durch und nimmt schliesslich Überhand. Dem Lago Llanquihue entlang fahre ich nun weiter. Auf einer Ciclovia! Und zwar von Puerto Varas bis nach Ensenada. Das ist echter Luxus. Der Herbsttag wird immer schöner und bald habe ich auch noch einen tollen Ausblick auf den Vulkan Osorno. Bei einem Mirador mache ich Mittagspause, auch mit bestem Ausblick. Dazu schwirrt fast alles um mich herum, was Flügel hat. Wespen, Bienen, Hummeln.

Danach nehme ich noch die letzen Kilometer bis nach Ensenada unter die Räder. Dort hat es ein Restaurant nach dem anderen, Cabañas am See, aber ein richtiges Dorf ist es nicht. Nun, Bomberos sind vorhanden, aber das Gebäude wird geschlossen und am Montag nicht geöffnet. Die Zuständigen der Casa Comunal sind nicht zu Hause. Also zu meinen Freunden, den Carabineros. Ich gebe es nicht auf… „Du willst hier übernachten?“. „Ja, genau hier.“ Hm, der Chef hätte dies verboten, aber ich könne auf ihn warten. Aber ich will auf keinen Carabinero-Chef warten, ich frage nach einem offenen Camping. Gleich gegenüber gibt es so etwas und ich bekomme einen Carabinero-Rabatt. Na, 3’000 Pesos ist kein Wahnsinnsrabatt, wenn überhaupt. Ich suche mir ein Plätzchen gleich bei See, auch hier ein toller Blick auf den Osorno auf der einen Seite, auf der anderen thront der Calbuco. Genau dieser bricht am 23. April 2015 nach einer mehr als 40-jährigen Ruhepause mit einer kilometerhohen Rauch- und Aschewolke aus. Von hier hätte ich eine spektakuläre Aussicht auf das Geschehen gehabt, ist Ensenada der nächste Ort beim Vulkan.

Ich gehe einkaufen, heute gibt’s ein Bier. Wieder zurück lädt mich Nachbarin Gabriela zum Essen ein. Ein Asado mit Salat. Da kommt mein Bier gut zum Einsatz und in netter Gesellschaft trinkt es sich noch besser. So vergeht die Zeit und die Sonne geht langsam unter. Es wird schnell kühl und sehr feucht und bald bleibe ich alleine auf dem Camping zurück.

06.04.2015. In der Nacht setzt starker Wind ein und rüttelt heftig an den Bäumen. Aufstehen ist im Moment etwas schwierig, so dauert es öfters etwas länger. Wie heute. Die Luft ist immer noch feucht, alles ist nass, aber es ist nicht kühl. Der Wind ist warm, muss der Puelche sein. Über dem See steht der noch fast volle Mond, die Sonne bescheint langsam die Südseite des Osorno. Gegen 9.30 Uhr mache ich mich auf den Weg. Der warme Wind bläst mir von vorne entgegen. Nach ein paar Kilometern hört die nette Ciclovia für mich auf, ich biege ab in Richtung Cochamo. Der tropische Wald wird dichter, am Wegrand Farne und wie schon gestern Nalcas. Die ersten, die ich diesmal sehe. Die Strasse ist gut hügelig, Verkehr hat es fast keinen mehr. Aber auch sonst ist nicht los, alle Restaurants und Kioskos am Wegrand sind geschlossen. Da wird nichts aus Kaffee und Kuchen, wie er überall angeboten wird. Schade. Ich erreiche das ausgestorbene und zerstreute Ralun. Nun folge ich dem Estuario de Reloncavi und bald beginnt der Schotter. Die Hügel werden steiler, im Wasser reihen sich Lachs- und Muschelfarmen.

Gegen 13.30 Uhr erreiche ich Cochamo. Ich ignoriere den Hunger, es fehlen nur noch 3 km zum Haus von Silvie. Ich biege ab, gleich ist die Strasse so steil, dass ich schieben muss. Puh! Bald eine nächste brutale Steigung und so geht’s die 3 km weiter den Berg rauf. Hätte ich das gewusst, hätte ich im Dorf etwas gegessen. So dauern die 3 km etwas länger als geplant, aber dann ist es geschafft. Ich stehe schweissgebadet vor dem Eco-Hostal Las Bandurrias. Es folgt ein schönes Wiedersehen und bald sitze ich mit bester Aussicht bei meinem verdienten Mittagessen. Die Saison ist vorbei, ich bin der einzige Gast. Und es gibt viel zu erzählen. Schön!

07./08.04.2015. Es sind wieder zwei Regentage vorausgesagt. Die werde ich nochmals im Warmen und Trockenen verbringen. Diesen Luxus werde ich bald nicht mehr haben, so muss ich ihn noch geniessen. Ich verbringe zwei ruhige und entspannte Tage mit Silvie und ihrer Familie. Schwatzen, Kaffee trinken, Film schauen und lange schlafen. Ein Spaziergang im Regen, danach Caotina trinken! Jaaaaaa, Caotina!! Zum Frühstück gibt’s frisch gebackenen Butterzopf und selbst gemachte Brombeermarmelade. Wie schön doch solche Dinge sind. Da kommt richtiges Heimatgefühl auf.

Auf der Wiese um das Haus sehe ich überall Pilze. Sehen aus wie Champignons. Ob man die wohl essen kann? Meine Mutter ist eine begeisterte Pilzsammlerin und ich bin früher oft mit ihr durch die Wälder gestrichen, auf der Suche nach den kleinen und grossen Leckereien. Daher ist mein Interesse geweckt. Ich recherchiere etwas, es sind wahrscheinlich weisse Champignos und essbar. Aber ganz sicher bin ich mir nicht. Zu dritt studieren wir Formen und Farben, suchen nach allenfalls giftigen, ähnlichen Pilzen. Wir kommen zum Schluss, dass man sie essen kann und später sammeln wir welche. Ich koche, auch die Pilze. Dann stehen sie auf dem Tisch. Etwas argwöhnichs betrachtet von allen. Manuel isst als erster, dann folgen die Damen. Aber nach einer Weile geht es uns allen noch gut, wir fühlen uns wohl. Nach dem Essen telefoniert Manuel noch etwas rum. Wäre sowieso zu spät, aber man kann diese Pilze essen. Man sollte einfach nur die neuen, noch geschlossenen Hüte nehmen. Soviel zum Pilz-Abenteuer.

09.04.2015. Wir frühstücken gemütlich und so wird es nach 10 Uhr, bis ich bei bewölktem Himmel die Weiterfahrt antrete. Verabschieden, dann den steilen Hang runterfahren. Das geht deutlich schneller als rauf.

Dann geht’s weiter in Richtung Puelo. Ich folge weiter dem Estuario de Reloncavi, die Strasse bleibt gut hügelig. Puelo erreiche ich gegen 13.30 Uhr. In einer Tienda finde ich Brot, davor einen Tisch mit Stuhl für das Mittagessen. Perfekt! Bald fahre ich weiter, für kurze Zeit auf Asphalt. Die Strasse steigt lange sanft an, dann beginnen die längeren Auf und Abs. Der Abschnitt nach Puelo ist deutlich anstrengender, die Steigungen länger und oft sausteil. Dem Wasser entlang fahre ich rauf und runter, die ganze Zeit.

Es wird immer später, das Gelände der Steilküste eignet sich schlecht zum Zelten. Bei ein paar Häusern treffe ich auf einen unsympathischen Typen. Ich fahre weiter. Kurz danach noch ein Haus. Es ist nach 18 Uhr, das muss es sein. Da kommt auch schon eine Señora raus. Klar kann ich zelten. Ich stelle das Zelt auf, dann werde ich von Rafaela in die warme Stube zu Cafecito und Pan amasado eingeladen, während draussen die Hunde ans Zelt pieseln. Das ist der Preis dafür, neben einem Haus zu zelten. Später wird dann der Generator angeworfen, denn Strom gibt’s hier keinen, warmes Wasser nur vom Herd. So ist das.

10.04.2015. Nachts beginnt es zu regnen, morgens regnet es immer noch. Wie war das mit dem guten Wetter für die nächsten drei Tage? Ich bleibe etwas liegen, gegen 8 Uhr packe ich zusammen. Nun hört auch der Regen auf. Ich packe das Rad, esse ein Brötchen, den Kaffee lasse ich heute sein. Ich bin gerade startklar, als die Türe des Hauses aufgeht. Ich solle doch auf einen Cafecito reinkommen. Na, das sage ich doch zu, dazu gibt es noch selbst gemachte Apfelempanadas. Dann geht’s los. Nach 2 km erreiche ich Caleta Puelche und Asphalt. Noch 60 km bis Hornopiren auf der Ruta 7. Das sollte zu schaffen sein. Da kommen mir zwei Ciclistas entgegen. Ein kurzer Schwatz. Sie kommen von der längeren Küstenstrasse. Von der hatte ich gehört, dass sie extrem schlecht sei, aber die beiden empfehlen sie sehr. So biege auch ich in Contao auf diese Route ab. Bald folgt die Strasse dem Meer. Ab und zu folgen ein paar giftige Steigungen, der Gegenwind wird immer stärker. Nun, Südwind soll ja schönes Wetter bringen. Die Strasse ist ziemlich holprig, das geht in die Arme. Die Nebensaison ist deutlich zu spüren. In all den kleinen Fischerdörfern, die ich passiere, ist kein Laden offen. Auf einer kleinen Anhöhe mache ich Mittagspause mit Aussicht auf das Meer. Herrlich! Hm, höre ich da Schnaufen? Ha! Tatsächlich! Ein Schwarm von 5 – 6 Delfinen bewegt sich vor meiner Nase durchs Wasser. Wow! Ich schaue den Tieren fasziniert zu. Das ist so cool! Lieber schauen als Fotos machen.

Dann folge ich weiter der Küste. Das Ziel Hornopiren hat sich in die Ferne gerückt. 82 km auf Rumpelpiste. Das ginge, aber ich würde wieder spät ankommen. Ich nehme es nun gemütlich, geniesse die tole Aussucht. In Hualaihue versuche ich Brot zu kaufen, erfolglos. Ich fahre weiter nach Hualaihue Estreno. Dort sehe ich einen winzigen, offenen Kiosko. Auch dort kein Brot, aber die Señora hocherfreut, einen Touristen zu sehen. Genau die richtige Person, um nach einem Zeltplatz zu fragen. Klar, bei ihrem Haus sei das möglich. Durch diverse Gatter geht’s diversen Häusern entlang zum Haus von Hildas Mutter. Dort gibt’s Cafecito, Brot und Wärme. Später stelle ich mein Zelt im Garten auf. Es steht gerade alles, als Hilda meint, ich könnte auch im Haus schlafen. Ich lehne dankend ab. Zelt steht, alles ist parat. Ich geniesse noch lange den wunderschönen Sternenhimmel, dann verkrieche ich mich in meinem Heim.

11.04.2015. In der Nacht stülpt sich eine triefende Nebelhülle über die Landschaft, ich mitten drin. Ich stehe gemütlich auf, heute habe ich es nicht eilig. Es ist alles nass. Und es wird nass bleiben, die Sonne lässt auf sich warten. Ich frühstücke, Avena. Ich bevorzuge immer noch Brot. Gegen 10 Uhr verabschiede ich mich von Hilda und der Familie. Die Strasse biegt von der Küste weg und bald erreiche ich wieder die Ruta 7, die Carretera Austral.

Mittlerweile hat sich der Nebel verzogen, ein weiterer, wunderbarer Herbsttag erwartet mich. Und eine gut hügelige Strasse. Das wäre gestern noch sehr anstrengend geworden. Bald fahre ich wieder auf Asphalt, das Panorama wird bergiger, ich sehe diverse Gletscher. Schön! Gegen 13 Uhr erreiche ich Hornopiren. Als erstes kaufe ich Brot. Dann fahre ich ins Dorf. In der kleinen Bomberostation ist niemand. Nun, beim Meer esse ich zu Mittag, dann suche ich eine Bleibe. Beim Residencial Nicol kann man für 2’000 Pesos campen. Inklusive Dusche, Küche und Wi-fi. Das ist nicht schlecht. Bald habe ich einen treuen Begleiter, einen weissen Hund. Der folgt mir ab sofort auf Schritt und Tritt.

Abends treffen dann noch 2 Ciclistas ein. Ha, die kenne ich! Solene und Guillaume, die beiden Franzosen habe ich in Cusco kennengelernt. Sie kommen nun aus dem Süden, haben von Bariloche einen Bus nach El Calafate genommen. Wir können viele Infos austauschen. Dazu gesellen sich dann noch 4 chilenische Mochileros. Auf die hätte ich gut verzichten können, die grölen noch bis um 1 Uhr Nachts rum.

12.04.2015. Auch heute Morgen kann ich es gemütlich nehmen, die Fähre legt um 11 Uhr ab. Kurz nach 10 Uhr begebe ich mich zur Fährrampe. Und stehe fast eine Stunden fürs Ticket an. Fast als letzte fahre ich auf die Fähre. Dort muss ich nun einen Transport für das Strassenstück zwischen Leptepu und Fiordo Largo suchen. Mit dem Rad schaffe ich die 10 km nicht und die Fähre wartet nicht auf Ciclistas. Ich frage gleich zwei Typen in einem grossen Camion. Kein Problem. Sehr gut. Dann suche ich mir ein Plätzchen für die dreistündige Fahrt. Draussen ist es trüb und bald beginnt es zu regnen. Kurz vor dem Anlegen kommt das Schiffspersonal auf mich zu. Ob sich schon einen Transport hätte. Ich könne sonst mit der Furgonetta mitfahren, die sei leer. Das ist sehr aufmerksam. Ich bestätige meinen Transport, aber irgendwie landet dann doch alles in der Furgonetta. Auf dem Weg nach Fiordo Largo wird der Regen immer stärker. Dort werde ich abgeladen und bald bin ich auf der zweiten Fähre.

Das Laden aller Fahrzeuge dauert eine Weile, die Überfahrt ist dann kurz, nur 1/2 Stunde. In Caleta Gonzalo regnet es in Strömen. In dem edlen Restaurant frage ich nach dem Camping und gönne mir ein edel-teueres Stück Kuchen. Zum Mitnehmen. Ich befinde mich nun im Parque Nacional Pumalin, der North Face Mitbegründer Douglas Tompkins gehört. Es gibt viele verschiedene Meinungen über den Park. Einerseits ist er Arbeitgeber, andererseits wird der Kauf von so viel Land von einem Privaten als falsch angesehen. Ich kann nur beschreiben, was ich sehe. Und der Park ist weitaus besser unterhalten als die chilenischen von der conaf geführten. Der Camping ist schön, mit grossen, überdachten Sitzgelegenheiten. Aber radfreundlich ist er nicht, gleich zu Beginn eine Treppe. Und ich bin nicht alleine hier. Bei einer anderen Sitzgelegenheit treffe ich auf einen Backpacker. Ein Deutscher. Der Typ isst eine Karotte und nimmt sie auch während des Sprechen nicht aus dem Mund. Später läuft seine Freundin zweimal an meinem Zelt vorbei. Ohne einen Ton zu sagen. Na, es gibt Leute und Leute. Ich stelle mein Zelt unter dem Dach meines Häuschens auf, die beiden stellen ihr Zelt ins Gras neben ihrem Häuschen, wie ich später sehe. Nun, ich geniesse das Dach, denn es regnet in Strömen weiter. Und da niemand vorbeischaut, kann ich auch die 2’500 Pesos nicht bezahlen…

13.04.2015. Es regnet die ganze Nacht über weiter, die Luft ist feucht. Ideales Klima für Nacktschnecken. Eine finde ich im Deckel einer Vordertasche, eine andere im Pfannendeckel, weitere auf dem Footprint. Mal sehen, ob ich eine einpacke. Aber nun ist es trocken. Ich mache mich auf den Weg, wieder zur Treppe und auf die Strasse hoch. Der Rio Gonzalo, gestern ein schöner, türkisfarbener Bach ist heute eine reissende, braune Brühe. Und los geht’s. Nun fahre ich wirklich auf der Cafeteria Austral, der Ruta 7. Die 1’200 km lange Strasse beginnt in Puerto Montt und führt bis nach Villa O’Higgins. Lange Zeit war der Süden Chiles auf Strassen nur über Argentinien erreichbar. Im Jahre 1976 begannen unter Diktator Pinochet die Arbeiten an der Strasse durch den Süden Chiles. Der Strassenbau erwies sich als sehr schwierig, da das Gebiet von Förden, Gletschern und Bergen durchzogen ist. Das genau macht die Carretera Austral für Radler so attraktiv. Der Bau dauerte mehr als 20 Jahre und es wird immer noch gebaut. Momentan wieder sehr intensiv, denn die Ruta 7 wird asphaltiert. Eines Tages soll sie sogar bis nach Puerto Natales führen, aber das dauert noch.

Ich komme nun ganze 2 km weit, bis der Regen wieder einsetzt. Regen und kein Regen wechseln sich nun alle 10 Minuten ab. Etwas lästig für die Kleiderwahl. Zudem schwitze ich bei den steilen Auffahrten ziemlich in der Regenbekleidung. Na, ein Fall für den Poncho. Für etwas habe ich den ja auch noch dabei und bei dem Klima ist er genau richtig. So ist es viel angenehmer, obwohl ich bei den vielen Steigungen auch so ins Schwitzen kommen. Am Wegesrand dichtes Grün. Es ist schön hier. Weder Hunde noch sonstige Viecher sind zu sehen. Das ist noch ein Nationalpark. Die Beschilderung ist schön gemacht, wie auch einige überdachte Sitzhäuschen bei Aussichtspunkten. Bei so einem mache ich Mittagspause. Gut so, denn kaum stehe ich unter dem Dach, beginnt es heftig und lange zu regnen. So wird es richtig kühl. Danach erklimme ich noch den Rest der Steigung, auf der anderen Seite scheint schon wieder die Sonne. Schön! Nun wechseln sich Sonne und Regen ca. alle Stunde ab. Ich hatte einen Regentag erwartet, so ist das doch ganz nett. Gegen 14.30 Uhr bin ich beim Camping El Volcan, dem letzten im Park. Ich will ihn mir ansehen. Eine rechte Zeit- und Wegverschwendung, 4 km rein und raus. Der Camping ist schön, aber alle Häuschen sind klein und mit Tisch und Bänken besetzt. Aber hier würde man sicher den Vulkan sehen, im Moment sehe ich einen Gletscher aus dem Nebel fliessen. Also wieder auf die Strasse, weiter hoch und runter. Nach weiteren 18 km fahre ich aus dem Park raus. Hier beginnt Asphalt und nach ca 1 km biege ich nach Santa Barbara ab. Zum Meer und dort noch etwas weiter. Das ist mein heutiger Campspot. Wunderschön mit Stereosound der Brandung auf beiden Seiten und nun ein paar Sonnenstrahlen. Das macht Lust auf einen Kaffee. Den geniesse ich mit Blick aufs Meer und spielende Seehunde. Ein wirklich schönes Fleckchen.

14.04.2015. Bis Chaiten fehlen noch gute 10 km, ich nehme es gemütlich. Dann geht’s gleich gut den Berg hoch. Es ist noch kühl, der Himmel grau. Gegen 11 Uhr erreiche ich Chaiten. Ich fahre einmal kreuz und quer durchs ganze Dorf, dann zum Touristeninfo. Dort treffe ich auf Tommy. Wir unterhalten uns ziemlich lange über dies und das. Als ich los will, meint er noch, er hätte einen Kollegen, der am Nachmittag kayaken will. Doch alleine sei das Kayak zum schwer, um es alleine zum Meer zu tragen und er müsse arbeiten. Ob ich mitwill, dann könnten wir abwechselnd raus. Klar. Ich fahre zum Hostal Las Nalcas. Dort kann man für 4’000 Pesos campen, aber heute möchte ich ein Zimmer. Ich muss all meine Sachen trocknen, denn nun ist wirklich fast alles nass. Die nette Señora Margarita gibt mir ein Einzelzimmer. Ich hänge alles zum Trockenen raus, die Wäsche landet in der Waschmaschine. Gegen 17.30 Uhr mache ich mich auf zur Touristeninfo. Da wartet bereits Seba, aber es gibt einen Palnwechsel. Tommy kann doch weg und ein Kollege hat Kanus. Da können wir zu viert raus aufs Meer. Die Kanus befinden sich im Hotel Mi Casa und gehören Santiago. Und sie müssen zur Muelle getragen werden. Das ist ein ganz schönes Stück Weg. Bei der Muelle werden die zwei Kanus zusammengebunden und los geht’s, inklusive der drei Hunde. So herrscht ein schönes Durcheinander, denn Rüde Roberto will immer fliehen. Einmal tut er dies auch, was zu einer Rettungsaktion führt. Wir paddeln gemütlich dem Sonnenuntergang entgegen und zum Schluss sehen wir auch noch ein paar Toninas, Delfine. Ein schöner Ausflug!

Schon bei Dunkelheit geht’s zum Stand, nun ist es kalt, meine Füsse in den nassen Sandalen Einsklötze. Nun müssen wir die Kanus wieder den Berg hochschleppen. Puhhh! Anstrengend! Und nun habe ich Hunger. Nach dem Schleppen gibt’s im Bus von Tommys deutscher Frau Lotta zwei Completos, Hotdogs, dann ein Stück Streuselkuchen. Sehr lecker! Meine Füsse sind immer noch kalt, so mache ich mich bald auf den Weg ins Hostal, wo ich sie am Holzofen aufwärmen kann. Schöööön! Und dort treffe ich wieder auf drei Ciclistas. Drei Franzosen, die ihre Räder in Puerto Montt gekauft haben und nun auf dem Weg nach Süden sind. Ich bin also nicht die einzig Verrückte. Aber meinen Plan von der morgigen Weiterfahrt verwerfe ich, vom Kanu schleppen tut mir der Rücken weh. Und es ist sehr gemütlich im Las Nalcas. Obwohl eigentlich müsste  ich ja weiter, den morgen ist der letzte schöne Tag. Danach soll es regnen.

15./16.04.2015. Ich verweile ich Chaiten. Dieser Ort hat auch eine bewegte Geschichte. Am 12. Mai 2008 brach der nahe gelegene Vulkan Chaiten aus. Grosse Teile der Stadt wurden durch einen Lahar überschwemmt. Später bahnte sich der Rio Blanco ein neues Bett, was zu noch mehr Zerstörungen führte. 2009 wurde ein neues Dorf, 10 km weiter nördlich errichtet. Mittlerweile kehren die Leute aber auch ins ursprüngliche Chaiten zurück. Der Ort blüht auf und der Tourismus nimmt Einzug. Ich verbringe einen gemütlichen Tag im Hostal und gönne mir nochmals Kaffee und Kuchen bei Lotta. Ein wirklich toller Ort, die Leckereien selbst gemacht. Bei einem Besuch in Chaiten, gönnt euch was im grünen Natour-Bus von Lotta!

Der besagte Regen setzt ein, als ich es am Morgen aufs Dach prasseln höre, bleibe ich einfach liegen. Diesen Luxus gönne ich mir einfach. Schon wieder… Margarita lädt mich zum Mittagessen ein, ein typisch chilenisches Gericht. Ein Bohneneintopf mit Spaghetti. Ein seltsame Mischung, aber gut. So vergeht auch dieser Tag ziemlich schnell und ich bin froh, dass ich ihn in der schönen warmen Stube verbringen kann. Morgen gibt’s dann keine Ausrede mehr. Morgen geht’s weiter!

2 Gedanken zu “Osorno – Chaiten, ein bisschen Heimatgefühl

    • Hallo ihr zwei! Ich hoffe, euch geht es gut in Chaitén und die Projekte laufen… Ich hatte eine tolle, wenn auch kalte Zeit in Patagonien :-) Ist aber schon wieder eine Weile her. Jetzt weile ich im heizen Brasilien. Liebe Grüssen aus Bonito!

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