Chaiten – Coyhaique; Ratten, Regen und ein weinender Berg

17.04. – 04.05.2015. 452 km. 5’871 Höhenmeter. Nach Chaiten fahre ich drei Tage in störendem Regen durch die Gegend. Ratten zerfressen mir drei meiner Taschen und dann versperrt mir ein Bergrutsch den Weg. Aber ich erreiche Coyhaique, wo der Zwangshalt weitergeht, wieder einmal wegen einem Paket.

Route: Chaiten – Villa Santa Lucia – La Junta – Parque Nacional Queulat – Puyuhuapi – Ventisquero Colgante – Cruce Cisnes – Villa Amengual – Villa Mañihuales – Coyhaique

17.04.2015. Heute geht’s weiter. Die ganze Nacht über regnet es nicht, aber genau zur Aufstehzeit beginnt das Prasseln aufs Blechdach. Nun, wie gesagt, heute gibt’s keine Ausrede mehr. Aufstehen, frühstücken, Rad packen. Dann heisst es raus ins Nass! Raus aus Chaiten, dann geht’s auf Asphalt 25 km stetig leicht hoch bis El Amarillo. Die Termas 5 km weiter am Hang oben lasse ich sausen, biege ab nach Coyhaique. Auch die nächsten 20 km bis Puerto Cardenas sind noch asphaltiert, ich komme schnell voran. Unter der Brücke über den Rio Yelcho mache ich Mittagspause. Hier könnte man einigermassen trocken campen, doch der Boden bildet jetzt schon viele Pfützen. Mit dem Wind wird es bald kalt, aber heute habe ich heisses Wasser dabei. Ein heisser Tee tut gut! Danach geht’s auf Schotter weiter und der chilenische Fahrer zeigt wieder sein ganzen Können. Total respektloses Rasen. Die Steine fliegen und durch die diversen Pfützen blochen sie einfach durch. Mehrmals werde ich zugespitzt. Eine nettere Dame hält und fragt, ob sie mein Gepäck nach Santa Lucia mitnehmen soll. Die Steigung sei deftig. Ich lehnen dankend ab, denn ich werde die Steigung morgen fahren. Nach 59 km erreiche ich den Camping Ventisquero Yelcho. Aus dem Kamin der Hütte steigt Rauch. Ich fahre runter, schaue mir den Camping an. Etwas lumpig und heruntergekommen. Aber es hat ein Häuschen. Geschlossen. Ich laufe zur Hütte, dort wohnt ein Señor. Aber er hat den Schlüssel zu dem Häuschen nicht. Aber ich kann in einer gedeckten Holzkonstruktion eines Hauses im Bau übernachten. Auch ok, Hauptsache etwas trocken. Es schüttet immer noch in Strömen.

Der Ort ist mir nicht sympathisch, manchmal sehe ich Schatten, manchmal wackelt die Konstruktion. Oder bilde ich mir das ein? Das sind vielleicht die „Seres“, die Wesen. Weder gut noch böse. Über diese führte ich in Cochamo eine lange, philosophische Unterhaltung mit Manuel. Nun, immerhin ist es hier trocken. Ich verkrieche mich bald in mein Zelt. Der erste Besucher kündigt sich mit einer herunterfallenden Bierdose an. Dann huscht etwas hinter meinem Kopf durch. Ich lausche, doch das ist mit dem Regenprasseln und einem tosenden Bach in der Nähe schwierig. Ich vermute es war eine Ratte. Was sonst? Das wäre schlecht, denn die nagen Ortlieb-Taschen einfach durch. Ich leuchte raus, auf den Brot-Drybag. Scheisse! Zwei Löcher. Den nehme ich normalerweise ins Innenzelt, wie auch die kleinen Taschen, aber nach einem Tag Regen ist alles total nass. Ich klopfe rum, nehme nun doch Drybag und Taschen rein. Für alle Taschen habe ich keinen Platz, zudem würde so wirklich alles nass. Und die Ratten könnten einfach das Zelt durchbeissen. Auch schlecht. Soll ich nun die ganze Nacht wach bleiben und Wache schieben? Hören tue ich wie gesagt nicht so viel. Und ich bin müde. Ich leuchte oft raus, klopfe rum. Doch ich sehe nichts mehr. Und irgendwann schlafe ich einfach ein…

18.04.2015. Der Regen lässt nicht nach, der Morgen ist düster. Ich stehe auf, räume die Taschen raus. Jetzt sehe ich es! Schiiiit!!! In der grossen Tasche in riesiges Loch und diverse kleine Löcher. Nicht genug, auch die zwei Hintertaschen sind angefressen. Ausgerechnet bei den Verschlussstellen. Auch zig kleine Löcher. Es sieht so aus, als ob da einfach genagt wurde, denn Essen ist kaum angefressen. So ein Mist!!! Und das auf einem Camping. Ich hätte auf die Seres hören sollen… Das ist das am schlechtesten investierte Geld seit langem. Dem Typen sage ich was!

Ich verbringe eine lange Zeit mit Löcher zukleben. Doch mein Duct Tape klebt irgendwie sehr schlecht. Das ist bei dem Regen äusserst suboptimal. Ich muss die Löcher so schnell wie möglich richtig flicken. Das heisst heute in Santa Lucia bleiben. Nach dem Kleben frühstücke ich, das angefressene Brot und die Kekse werfe ich fort. Das andere Problem der Ratten hier ist, dass sie das Hanta Virus übertragen. Dann klettre ich aus dem Bau und lade mein Rad. Nichts wie weg von hier. Aber vorher noch dem Typen die Meinung sagen. Doch was ist das? Der ganze Zugang ist eine einziger See. Was für ein Scheiss-Camping. Was nun? Durch den See oder alles die Böschung hoch schleppen. Ich entscheide mich fürs Schleppen, dann nichts wie weg hier. Ich habe keine Lust, ins Wasser zu steigen. Geschehen ist geschehen. Campt einfach nie beim Camping Ventisquero Yelcho!

Die Camping-Ausfahrt

Die Camping-Ausfahrt

Ich fahre weiter im Regen und bald beginnt die deftige Steigung. Regen macht mir ja nicht so viel aus, aber das Klima hier ist etwas schwierig. Zu kalt um ohne Regenschutz zu fahren, zu heiss für die Regenjacke. Der Poncho ist ok, aber auch unter dem komme ich ins Schwitzen, bald bin ich total nass. Und diese Steigung bringt mich gut ins Schwitzen. Dann bin ich oben, ohne Kleider zu wechseln fahre ich runter. Nun wird es kühl. So erreiche ich Santa Lucia. Ich suche eine Hospedaje. Ich sehe nichts, in einem Fenster ein Zettel „se da Hospedaje“. Ich klopfe, eine Señora öffnet. Sie ist gerade am Gehen, doch mein triefender Anblick lässt sie fast die Meinung ändern. Wenn wir nichts anderes finden, dann bleibe sie. Doch in einem Restaurant bekomme ich auch ein Zimmer, dort kann ich auch all meine Sachen trocknen. Den Rest des Nachmittages verbringe ich mit Löcher flicken.

Ganz schön viele. Die zwei Hintertaschen erinnern an einen Schweizer Käse. Zum Glück habe ich die grossen Ortlieb-Patches dabei. Und zwei Tuben Kleber. Die sind bald aufgebraucht, danach klebe ich mit allem, was ich finde. Und ich hoffe, nie wieder auf Ratten zu treffen. Campen wird in der nächsten Zeit wohl etwas zur Härteprobe werden.

19.04.2015. Wahnsinn! Ich verlasse Villa Santa Lucia ohne Regen. Und zu meiner Überraschung fahre ich auf Asphalt. Das macht mein Tagesziel La Punta etwas realistischer. Weit komme ich aber nicht, als es wieder nass wird. Oben in den Bergen hat es geschneit, es ist kühl. Ich pedale weiter wie gewohnt durch den Regen. Aber heute ist der Himmel nicht ganz so düster und ab und zu hört der Regen sogar für ein paar Minuten auf. Ich passiere Villa Vanguardia und nach 32 km hört der Asphalt auf. Nun holpere ich weiter, langsam mit Hunger. Aber ein trockenes Plätzchen für die Mittagspause ist schwer zu finden. Ich fahre und fahre. Dann endlich ein Bushäuschen bei einer kleinen Ausfahrt. Perfekt! Raus aus der nassen Bluse, essen, wieder rein in die nasse Bluse. Langsam hört der Regen wirklich auf. Boahhh! Ich fahre weiter, heute ständig auf und ab. Bei einer Abfahrt sehe ich unten einen Ciclista am Wegrand stehen. Er schaut ein bisschen verdattert drein. Richard aus Holland. Und seit Porvenir stösst er sein Rad, irgend etwas am Rahmen bei der Pedalachse ist gebrochen. Und seine Motivation, einen neuen Rahmen zu organisieren nicht sehr gross. Irrer Typ. Nun will er noch bis Puerto Minnt stossen, dort hofft er, einen neuen Rahmen kaufen zu können. Nach einem langen Schwatz geht’s weiter, nun sehe ich seit 4 Tagen den ersten Sonnenstrahl.

Gegen 16.30 Uhr erreiche ich La Junta. Der Bombero-Volontär ist gerade am Gehen und meint nur, hinter dem Haus könnte ich zelten. Nun, Wasser und Baño hätte es nicht. Ich schaue mir den Ort an. Da liegt gut Abfall rum. Nein, da bleibe ich nicht. Ich fahre zum von Richard empfohlenen Hostal Lago Rosselot. Dort gibt’s ein Zimmer und sehr nette Unterhaltung mit Señora Marie und Freunden. Ich darf die Restaurantküche benutzen und man serviert mir Dessert. In der letzen Zeit höre ich immer wieder: „Eres muy flaca.“ „Bist sehr dünn.“ Ich solle mehr essen. Ich esse doch die ganze Zeit. Wenn mir die Ratten nicht das Essen versauen…

20.04.2015. Wenn es heute regnen würde, würde ich einfach liegen bleiben. Netter Ort, bequemes Bett. Doch es regnet nicht, die nächsten zwei Tage soll das Wetter gut sein. Also nichts wie raus aus den Federn. Ich frühstücke, packe, erst da regt sich Leben im Haus. Marie klebt mir noch Duct Tape auf die Taschen, gibt mir welches mit. Sehr nett. Zudem schenkt sie mir frische Brötchen. Iss mehr! So mache ich mich auf den Weiterweg. Heute ohne Regenbekleidung. Schön! Dafür ist es ganz schön kühl, die Bergspitzen sind wieder eingepudert.

Ich fahre zügig voran auf der hügeligen Asphaltstrasse. Ich muss es vor 13 Uhr durch die Baustelle vor Puyuhuapi schaffen, danach ist die Strasse bis 17 Uhr gesperrt. Nach 28 km beginnt der Schotter und ich fahre in den Parque Nacional Queulat. Hier beginnt auch die Baustelle. Schon nach 12 Uhr. Und es fehlen noch 14 km. Ich gebe Gas, doch nun ist die Strasse schlecht, viel Schlamm, viel Geholper und viele steile Auf- und Abs. Zudem regnet es genau jetzt. 12.55 Uhr. Bauarbeiter auf der Strasse, einer macht mir das Zeichen „es ist vorbei“. Ich fahre etwas weiter. Ja, es ist vorbei! Genau vor mir ging ein Erdrutsch nieder. Und der Hang kommt weiter runter. Vor meinen Augen. Vor 10 Minuten war die Strasse noch passierbar, jetzt ist alles zugeschüttet. Kein Durchkommen mehr. „Si la montaña llora hay que djarla.“ Wenn der Berg weint, soll man ihn in Ruhe lassen. Man rät mir, nach La Junta zurückzufahren. Oder zu warten. Bis am Abend sei der Rutsch geräumt. Vielleicht. Ja, vielen Dank!

Die Arbeiter machen sich aus dem Staub und man lässt mich einmal mehr einfach stehen. Nett! Was nun? Nach La Junta fahre ich nicht zurück. Etwas früher fuhr ich an einem Guardaparque-Häuschen und an einem Camping vorbei. Ich fahre durch den Schlamm zurück. Zum Häuschen des Guardaparque. Der kommt auch gleich raus. Ich schildere mein Problem. Der Señor meint ziemlich arrogant, hier komme der Berg die ganze Zeit runter, ich solle zum Camping. Hier sein keine Hospedaje. Da hat er ja recht, aber er macht mich gerade etwas wütend. Ratten, gesperrte Strasse. Eine Pechsträhne. Gut, Glück, dass der Berg vor mir runter kam, und nicht über mir… Ja, viel Glück!! Zum Camping will ich nicht, da hat es bestimmt Ratten. Ich bin gerade etwas paranoid dies betreffend. Zumal mir der Guardaparque sagte, es sei Rattenzeit. Jetzt beginnt es wieder zu regnen, schmollend laufe ich einfach davon zum Rad, bleibe im Regen stehen. Der Typ verschwindet im Haus. Was nun? Überlegen. Doch zum Camping? Ich will nicht. Wenigstens zum Essen? Da ruft es von oben, ich solle doch rein kommen und hier warten. Na gut… Ich gehe rein in die warme Stube, es gibt Cafecito und ich esse meine Brötchen. Nun unterhalte ich mich gut mit Guardaparque Roberto und seinem Kollegen. Später kommt die Nachricht, dass die Strasse heute nicht mehr geöffnet werden kann. Der Berg weint immer noch. Na, dann doch Camping. Roberto meint, ich könne zum Camping oder auch hier bleiben. Ahhh?? Ich spaziere zum Camping. Hübsch. Im Sommer. Viel Grün, viel Vegetation. Sicher viele Ratten. Ich gehe zurück in die warme Stube, bleibe einfach da. Später fahre ich mit Roberto zur Rutschstelle. Es fallen immer noch Steine runter und ein riesiger Baum wird sicher in der nächsten Zeit noch stürzen. Nun rennen einige Arbeiter hin und her. Mutproben. Bis morgen Mittag, spätestens Abend soll die Stelle geräumt sein. Mal sehen. Nun gibt es Once und Roberto bietet mir sogar ein Bett an. So ändern sich die Dinge…

21.04.2015. So warte ich im Rangerhaus, der zweite schöne Tag geht einfach so flöten. Heute wollte ich zum Gletscher Ventisquero Colgante fahren und mir diesen ansehen. Ich erledige die Arbeiten am Fahrrad, Kette reinigen und nachspannen. Gegen Mittag laufe ich zu den nächsten Arbeitern. Immer noch kein Durchkommen. Vielleicht am Abend. Nun gut, carpe diem. Ich schreibe an meinem Blog, nutze die Zeit. Mal kommt ein Arbeiter und meint, um 18 Uhr würde die Strasse geräumt sein. Ich laufe gegen 16 Uhr nochmals zu dem Arbeitern, diese meinen, vielleicht heute nicht mehr. Der Informationsfluss ist genial! Aber kurz nach 18 Uhr fahren dann wirklich Autos am Haus vorbei, dann Laster und Busse. Die Strasse ist offen! Aber für mich ist es heute zu spät. Ich darf auch noch eine zweite Nacht bei Roberto bleiben. Wir verstehen uns ziemlich gut und unterhalten uns über seine Pläne und Ideen, meine Pläne und Ideen. Sehr konstruktiv!

22.04.2015. Auch heute schaut der Himmel nicht allzu trüb aus. Wäre schöne, wenn der für heute vorausgesagt Regen nicht fallen würde. Aber ich konnte das Wetter in den letzen Tagen nicht prüfen, manchmal ändern sich Dinge. Ich verabschiede mich von Roberto und gegen 9 Uhr mache ich mich auf den Weg. Überall rufen mir die Arbeiter zu, ich glaube, die ganze Baustelle kennt die gestrandete Ciclista. Aber heute geht’s voran, ich passiere die Rutschstelle. Mensch, da ist noch gut was runtergekommen. Aber heute fahre ich durch. Juheee! Aber da wird noch mehr runterkommen, der ganze Hang ist lose. Hangsicherung und sichere Arbeitsbedingungen kennt man hier glaube ich nicht. Hügelig geht’s weiter, dann folgt die Abfahrt nach Puyuhuapi. Eigentlich will ich hier einen Kaffee trinken und kurz ins Internet, doch das Dorf ist tot, alles zu. Zum Glück finde ich einen offenen Laden, wo ich meine Vorräte aufstocken kann. Der Señor meint, das Dorf sein nicht tot, die Leute seien einfach faul. Wie dem auch sei. Aber interessant, wie unterschiedlich die Leute die Nebensaison handhaben. Hier alles zu und ausgestorben, z.B. in Chaiten herrschte noch vielseitiges Leben, auch für Touristen.

Ich fahre weiter, bald treffe ich auf einen kalifornischen Ciclista. Infoaustausch und dann geht’s hügelig dem Fiordo Queulat entlang. Eigentlich könnte ich mir verspätet zum Geburtstag die Thermen gönnen, die 6 km südlich von Puyuhuapi direkt an der Strasse liegen. Aber natürlich sind auch die geschlossen. So fahre ich weiter bis zum Abzweig zum Ventisquero Colgante. Kurz nach dem Abzweig ist die Strasse wieder von 13 bis 17 Uhr gesperrt. Ich biege ab, bald das Parkgate. 4’000 Pesos kostet der Eintritt für Ausländer, 2’000 für Chilenen. Ich frage wieder nach der Erklärung, die ist wieder sehr schwammig. Man will die Ausländer einfach ausnehmen, wie in vielen anderen Ländern auch. Und Campen kostet hier 6’000 Pesos, egal ob 1 oder 6  Personen die Site nutzen. Das kennen wir von Kanada. Auf jeden Fall ist es zuviel. Zudem meint die Señora:“Klar hat es Ratten. Es ist Ratten-Saison.“ Die Ratoncitos hätten Hunger, finden nichts mehr zu fressen und gehen halt dahin, wo sie etwas riechen. Ich müsste meine Sachen halt aufhängen. Für 6’000 Pesos lasse ich mir sicher keine neuen Löcher in die Taschen fressen! Ich fahre in den Park, esse etwas und lasse das Rad stehen. Dann erklimme ich den steilen Pfad zum Aussichtspunkt. Dichter, grüner Regenwald, herbstliche Farbtöne. Eine schöne Wanderung. Die Aussicht ist auch gut, zumal das Wetter auch heute wirklich gut ist. Was für ein Glück!

Dann wieder runter und raus aus dem Park. Beim Haus beim Abzweig kann man auch zelten, für 2’500 Pesos. Oder noch besser, im Magic Bus schlafen. Dann gibt es hier tatsächlich eine heisse Dusche. Und ich hoffe, die Ratas und Ratones lassen mich hier in Ruhe. Ich müsste ja alle Taschen aufhängen, denn ich habe oder hatte in jeder Essen drin. Und Ratten sollen auch Essen riechen, selbst wenn es nicht mehr da ist. Oder einfach aus Spass Taschen verkauen. Ich bin wirklich paranoid. Bald lege ich mich schlafen, ich bin müde. Ich höre aber lange hin, hier ist es zum Glück total still.

23.04.2015. Gegen Mitternacht ein Kratzgeräusch. Es hält an. Ich leuchte rum. Nichts. Dann wieder. Ich leuchte, vor mir im Bus eine riesige Maus. Oder Ratte. Was auch immer. Neeeeeeein!!!!! Ich stehe auf, klopfe mit dem Besen rum. Immer wieder. Mit dem Besen bewaffnet lege ich mich wieder hin. Diese Nacht werde ich nicht schlafen. Nach einer Weile wieder Geräusche. Noch ein paar Mal stehe ich auf und klopfe mit dem Besen rum. 1 Uhr, 2 Uhr, 3 Uhr, 4 Uhr. Irgendwann nicke ich ein, ich bin todmüde. 5 Uhr. Es beginnt aufs Dach zu trommeln. Regen. 6 Uhr, 7 Uhr, 8 Uhr. Aufstehen. Der Himmel ist trüb, aber es regnet nicht mehr. Und all meine Taschen sind noch ganz. Uffff….!!!! Kurz nach 9 Uhr fahre ich etwas gerädert weiter. Ich muss es bis 13 Uhr durch die beiden nächsten Baustellen schaffen und eine lange Steigung erklimmen. Nach knappen 3 km die erste Baustelle. 20 Minuten Wartezeit. Nicht gut. Und Kaffee wird auch nicht serviert. Roberto sagte mir, die Baustelle nach der Steigung sei nur noch phasenweise gesperrt, die Señora meint nun, auch diese werde um 13 Uhr gesperrt. Nicht gut. Dann kann ich endlich weiter, dem Fiordo Queulat entlang fahre ich durch tiefen Schlamm und holpere vor mich hin. Schliesslich ist die Baustelle durchquert. Es geht weiter ins Tal hinein, steil rauf und runter. Nun beginnt die eigentlich Steigung. 11 Uhr. Von 0 m geht’s auf 500 m rauf. Und genau jetzt beginnt es zu nieseln. Ich fahre ohne Regenschutz, bald bin ich schweissnass. Kurve um Kurve arbeite ich mich hoch, schneller als gewünscht. Aber ich will durch die Baustelle. Nun regnet es so stark, dass ich doch den Poncho überziehe. Weiter hoch, die Steigung zieht sich dahin und ist steil. Dann ist der Portachuelo Queulat auf 500 m erreicht, doch es geht weiter rauf und runter. Dann endlich beginnt die Abfahrt. Ich bin nass, es ist kalt, ich habe Hunger. Aber ich fahre runter wie ich bin. Roberto hatte recht, hier wird nichts mehr gesperrt, ich passiere einige Baustellen, eifach so. Hätte ich das gewusst… Bei der Kreuzung beginnt der Asphalt und nun muss ich dringend Kleider wechseln. Ein Oben-ohne Totalstrip, aber es hat ja fast keinen Verkehr. Noch 34 km bis nach Villa Amengual. Uffff, das ist noch weit. Beim Piedra del Gato mit Blick auf den Rio Cisnes esse ich zu Mittag, mir ist kalt. In Fahrtrichtung regnet es, ich montiere sämtlich Regenbekleidung. Aber bald wird mir zu heiss, ich strippe zurück ins nasse Unterhemd. Leicht rauf und runter geht’s weiter. An gewisse Abschnitte erinnere ich mich gut, an andere nicht. Dieser gehört zur zweiten Sorte. Ich erinnere mich nur an eine Brücke über den Rio Cisnes, wo es Kuchen gab. Davor folge damals eine gute Abfahrt. Diese Brücke folgt viel später, Kuchen gibt es keinen und die nun folgende Auffahrt raubt mir jede Motivation. Die wird mich killen! Ich bin kaputt, doch ich will nicht zelten. So kämpfe ich mich die lange Steigung hoch, bald folgt noch eine. Puhhh! Dann noch ein paar Hügel und schneller als erwartet folgt Villa Amengual. Beim Puesto de Salud ist jemand, aber Leher oder Padre wohnen nicht hier. Man schickt mich zum Hostal El Indio. Auch gut. Dort gibt’s eine lauwarme Dusche und eine sehr warme Stube, wo ich alle Kleider trockenen kann. El Indio betatscht mich etwas zu oft, was mich schnell in mein Bett kriechen lässt. Aber Ratten sollte es hier keine geben. Zumindest keine kleinen. Aber interessanterweise schlafe ich in Betten nicht wirklich gut. Ich schlafe viel besser in meinem Zelt oder auf meiner Matte, selbst wenn ich von Ratten umgeben bin. Eine seltsame Erscheinung. Wahrscheinlich ist das Zelt einfach schon mein wirkliches Daheim, wo ich mich am wohlsten fühle…

24.04.2015. In der Nacht regnet es, doch am Morgen höre ich nichts mehr. Ich mache mich bereit und mit Liebeserklärungen und Kusshänden von Indio mache ich mich bei Nieselregen auf den Weg. Der alte, fette Geiferer soll sich lieber um seine kranke Frau kümmern. Nichts wie weg hier. Runter, rauf, immer wieder.

 

 

Die Carretera bleibt hügelig. Der Nieselregen hält an. Wie gehabt, aussen nass, innen nass. Nach einer Steigung eine Abfahrt und mit einem Mal ist alles trocken. Nach knappen 60 km erreiche ich kurz vor 14 Uhr Villa Mañihuales. Zeit fürs Mittagessen. Brot, Käse, Tomate? Wie so oft? Nein, heute nicht. Ich setze mich in ein warmes Restaurant. Darf auch mal sein. Ein Hamburger, danach ein riesiges Stück Lemon Pie. Sehr lecker!

Uhhhh.... was für ein Dessert. Leeeecker!

Uhhhh…. was für ein Dessert. Leeeecker!

Nun ist es fast 15 Uhr, zudem hat meine hintere Bremse schon den ganzen Tag geklimpert. Die muss ich mir heute ansehen. Der Regen holt von Norden her auch auf. Und Lust auf campen habe ich nach wie vor nicht. Das ist schlecht fürs Budget. Das Budget geht so quasi vor die Ratten. Oder so. Ich suche mir eine Bleibe. Ich denke, ich finde das Hostal von 2010 ganz einfach, aber dem ist nicht so. Ich lande wieder bei einer schrecklichen, alten Dame. An die erinnere ich mich. Da wollten wir im 2010 schon nicht bleiben. Ich fahre rum, alles voll. Die Minen besetzen hier einfach alle Hostales. Irgendwie lande ich bei einer jungen Señora, die gerade ein Hostal renoviert. Das kommt mir bekannt vor. Ja, genau, hier wohnten wir im 2010. Bei ihrer Mutter. Nun mache ich mich hinter die Bremse. Die hinteren Pads sind wieder total abgefahren. Aber diesmal lassen sie sich netterweise ganz einfach auswechseln. Justieren, fertig!

25.04.2015. Wieder eine Nacht in einem Hostal. Bett, Dach, keine Mäuse. Aber ich schlafe auch hier schlecht. Nun, heute kommen noch ein paar lärmende Chilenen an. Die lärmen so sehr, dass es mir reicht und ich um Ruhe bitten muss. Später beginnt es neben mir dröhnend zu schnarchen. Hostal eben. Ich vermisse das Zelt und die Ruhe. Immerhin ist der Morgen schön, nur ein paar Wölckchen überziehen den blauen Himmel. Ein wunderschöner Herbsttag erwartet mich. Wow! Schönes Wetter, Wind aus Süden. Mit gut aufgedrehter Düse. Ich habe heftigen Gegenwind auf den hügeligen Kilometern bis zur Kreuzung. Hier nehme ich die längere, asphaltierte Strasse nach Coyhaique. Weiter fahre ich gut hügelig durch die Herbstlandschaft, die heute in allen Farben leuchtet. Schön! Einmal muss ich vom Rad absteigen, um durch die gelben Blätter zu schlurfen. Ich liebe das! Herbst!

Ich erreiche die Kreuzung nach Puerto Aysen. Bald fahre ich dem schönen Rio Simpson entlang durch das schattige Tal. Und nach einer fast 180 Grad Kurve der Strasse weht der Wind nun tendenziell von hinten. Bei einer Bushaltestelle mache ich Mittagspause. Ohne Bewegung wird mir schnell kalt, ich packe mich gut ein. Gegenüber höre ich ein klägliches Miauen. Laut und andauernd. Ich gehe nachsehen, vielleicht braucht die Katze Hilfe. Aber das Kätzchen sitzt einfach so auf der Treppe und schreit. Gatico loco. Kurze Zeit später kommt eines angerannt. Ein anderes. Scheint sehr hungrig zu sein. Ich gebe ihm etwas Brot, dass es gierig verschlingt. Dann streue ich noch etwas uraltes Brot hinters Bushäuschen. Die Katze isst immer noch gierig, dann kommt sie wieder. Nun will sie schmusen. Ist wirklich süss die Kleine. Und wäre gut gegen die Ratten. Dann setzt sie sich auch noch demonstrativ aufs Rad. Mitnehmen?

Wäre schön, aber aus Erfahrung auch sehr schwierig. Ich trage sie über die Strasse und lasse sie im eingezäunten Gelände bei dem Schreihals. So wird sie wenigstens nicht gleich überfahren. Ich mache mich auf den Weiterweg weiter dem Fluss entlang. Dann folgt die lange Steigung. Nun werde ich teilweise richtig vom Wind angeschoben. Yeahhh! Dann wieder runter nach Coyhaique. Dort nehme ich die Nordausfahrt. Die Casa de Ciclista von Boris liegt weiter weg vom Zentrum, ich steige nochmals gut hoch. Puhhh! Dann ist es geschafft! Ich bin da! Ich bin im Moment die einzige Ciclista und mein neuer Schlafplatz ist der Küchenboden. Ich unterhalte mich gut mit Boris und nach einer heissen Dusche bin ich auch wieder aufgewärmt. Es ist kühl hier.

26.04 – 04.05.2015. Ich verbringe einen faulen Sonntag in Coyhaique in einem Café im Centro. Boris hat kein Internet, das treibt mich aus dem Haus. Am Montag mache ich mich gleich auf den Weg zur Post. Schon wieder erwarte ich ein Paket. Neue Reifen von Schwalbe, mit der normalen Post unterwegs. Mein Plan: heute die Reifen abholen, montieren, Dienstag oder Mittwoch weiterfahren. Doch da ist noch nichts angekommen. Das überrascht mich ein wenig, ist das Paket doch schon 2,5 Wochen unterwegs. Am nächsten Tag immer noch nichts. Der Postbeamte findet raus, dass das Paket gerade den Zoll verlassen hat und auf dem Weg ist. ist. Bis Freitag, allenfalls Montag soll es ankommen. Ich rufe auch noch bei der chilenischen Post an. Die erzählen mir dann noch Schlimmeres. Bis zu 10 Arbeitstage kann der Versand nun dauern. Bis am 12. Mai sollte das Paket da sein… Die chilenische Post ist wohl mitunter eine der langsamsten. Sogar in Peru dauerte dies nur 2 Wochen. Das bringt meine Pläne wieder mal etwas durcheinander…

Ein anderes Problem versuche ich auch noch zu lösen. In einer Vordertasche habe ich bei Regen immer ziemlich viel Wasser am Boden. Und bei Boris gibt es eine Dusche mit Schlauch. Ich versuche das Leck zu finden. Doch ganz klar. Nun dringt kein einziger Tropfen Wasser ein. Ich dusche und dusche, nichts. Das ist echt fies. So gebe ich es auf. Der nächste Regen wird sie bestimmt wider füllen.

Ich versuche auch etwas mehr Information über die Rattenplage zu erhalten. Die Sachen aufhängen lautet es meist. Und ja, es herrscht Ratten-Hochsaison im Herbst. Pfefferminzöl wird noch erwähnt, wir sprechen über Chlor. Ein Radler empfiehlt Baby-Puder. Das werde ich als nächstes versuchen und halt aufhängen. Dafür kaufe ich mir ein Seil. Ich mache mich rattenklar.

Ebenfalls ist meine Ausrüstung langsam am Auseinanderfallen. Handschuhe und Schuhe sind am schlimmsten dran. Sogar die Polizei, meine geliebten Carabineros, hat mir empfohlen, neue zu kaufen. Aber die wichtige Seite ist noch ganz, also keine Eile. Die Schuhe werden auch nicht mehr ewig halten, aber ein Schuhmacher klebt und näht sie fürs Nächste zusammen. Mal sehen, wie lange sie noch durchhalten.

So ziehen wunderschöne Herbsttage an mir vorbei, die ich eigentlich auf der Strasse verbringen sollte. Das ist etwas schmerzlich. Die Morgen werden immer kühler, wie meine Nächte auf dem eiskalten Küchenboden. Wenn ich noch lange warten muss, muss ich mir eine wärmere Bleibe suchen. Eine neue Blasen-Infektion kann ich nicht gebrauchen…

Die Tage verbringe ich oft im Café de Mayo, einer meiner Lieblingsorte hier. Guter Kaffee, nettes Personal, Internet, Wärme, man lässt mich in Ruhe arbeiten. Ein optimaler Aufenthaltsort. Ich weiss nicht mehr, wieviele Stunden ich in dem Café verbringe. Aber es sind viele. Falls ihr euch nach Coyhaique verirrt, das Café der Mayo in der Calle de Mayo 543 ist absolut einen Besuch wert!

So vergehen die Tage in Coyhaique, in der Casa de Ciclistas. Zum Glück treffen dort noch zwei französische Radler ein, sonst wäre ich wohl die meiste Zeit allein in dem Haus. Aber mit Mariette und Benjamin verbringe ich eine gute Zeit in der Kälte der Casa, Feuerholz ist ausgegangen. Wir kochen, trinken, lachen, tauschen Infos aus. Die zwei reisen seit längerem durch Südamerika, aber erst seit Punta Arenas auf Rädern. Die haben sie dort gekauft und mit Bidons für die Reise ausgestattet. Benjamin ist ein begeisterter Bastler, so fertig er dann in zwei Tagen noch einen Anhänger an! Wow, ich bin sehr beeindruckt. Dies verschiebt ihren Start noch um einen Tag wegen einem restlichen Problem, was mich natürlich sehr freut!

Nach mehr als einer Woche Warten in Coyhaique ist es genug. Die Informationen auf der Post lauten immer etwas anders, aber das Paket ist anscheinend immer noch in Santiago. Nun hoffe ich auf die Hilfe einer der Jungs der Casa de Ciclistas, die mir das Paket nachschicken können. Denn ich muss meine Reise in den Süden fortsetzen…

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