Chile Chico – El Calafate; pura Pampa, puro Viento, Chica loca

17. – 27.05.2015. 527 km. 3’475 Höhenmeter. Nach fast drei Monaten in Chile fahre ich wieder nach Argentinien. Dort erwartet mich der verrückte Raul, viele hilfsbereite Menschen, die endlose Pampa und der eiskalte Wind. Das berühmt-berüchtigte argentinische Patagonien eben. Der Wind ist mir eine Weile gut gesinnt, doch dann zeigt er bald sein wahres Gesicht. Der Kampf beginnt. Doch es gibt Leute, die wollen mich nicht kämpfen sehen und so lande ich schneller und früher als erwartet in El Calafate.

Route: Chile Chico – Los Antiguos – Perito Moreno – Estancia Casa de Piedra – Bajo Caracoles – Estancia El Delfin – Tamel Aike – Gobernador Gregores – Estancia La Siberia – Tres Lagos – El Calafate

17.05.2015. Auf leeren Strassen verlasse ich Chile Chico. Es ist Sonntag, blauer Himmel, der eisige Wind weht aus Westen. Bald erreiche ich den chilenischen Grenzposten. Ich bin die einzige Person. Der Zollbeamte sucht vergeblich den nicht vorhandenen Einreisestempel im Pass. Aber das Polizeizettelchen ist gestempelt, mit einem Schulterzucken gibt’s den Ausreisestempel. Dann muss ich beim Aduana noch das Rad ausführen. Nun fahre ich eine grosse Kurve über den Rio Jeinemeni, in 6 weiteren km erreiche ich den argentinischen Grenzposten. Auch hier ist sonst niemand. Stempel rein in den Pass, diesmal schaue ich gut hin. Ich frage, ob ich zum Zoll muss. Nein, alles ok. So fahre ich mit Äpfeln, Bananen, Tomaten, Honig, Käse und Salami nach Argentinien. Nun geht’s wieder nach Osten, die schneebedeckten Berge verschwinden langsam im Rückspiegel, wie auch die Bäume.

Ich fahre in die Pampa. Dafür taucht wieder überall Gauchito Gil auf. Ich bin definitiv wieder in Argentinien! Lange ist es her. Fast drei Monate. Der Wind treibt mich an. Es geht zum See hin, der sich hier Lago Buenos Aires nennt. Der Wellengang ist wegen des Windes rau, sieht aus wie das Meer. Rauf und runter fahre ich durch die Pampa. Das hier gerast wird merkt man an den vielen überfahrenen Tieren. Ich zähle: 1 Stinktier, 3 Eulen, 5 Armadillos, 2 Hasen, 1 Fuchs und viele Blutlachen. Die Leichen werden hier schnell entsorgt. Auch die Greifvögel sind hungrig.

Gegen 15 Uhr erreiche ich Perito Moreno. Ich fahre zu den Bomberos. Der Chef wird angefunkt, negativo. Man schickt mich zum Camping Municipal. Ich gehe zuerst zur Touristeninfo, die sogar offen ist. Ich brauche Infos zur Versorgungslage auf der Ruta 40 nach Süden, die soll ich da bekommen. Man nennt mir einige Estancias und rät mir, Essen bis nach El Calafate mitzunehmen. Und den Minicamping Raul. Der Typ habe „Cara de Loco“, sei aber total nett. Ich fahre hin. Der Typ sieht wirklich etwas verrückt aus, aber er lädt mich gleich zum Kaffee ein. Und ich könne auch in der Küche schlafen. Ich frage nach dem Preis. Nichts, meine Gesellschaft sei schon genug. Später gibt’s eine heisse Dusche in einem geheizten Bad! Das ist was ganz Neues. Das gab’s in Chile nicht. Später bäckt Raul extra für mich Brot und Tortas, frittierte Brötchen. Dazu gibt’s Cazuela de Pollo, diverse Einladungen, hier zu bleiben, später folgen dann die Heiratsanträge und Gedichte. Ein bisschen loco ist er schon, der Raul, ein Mann zwischen Genie und Wahnsinn. Er redet ununterbrochen und so schlotet er auch. Na ja, draussen ist es kalt und es folgen noch viel Nächte im Zelt…

18.05.2015. Pünktlich um 9 Uhr bin ich in Begleitung von Raul auf der Post. Die Ernüchterung folgt auch gleich. Auch von hier können keine Pakete ins Ausland verschickt werden. Die verarschen mich alle! Wer sich nun fragt, warum in aller Welt ich denn die alten Reifen zurückschicken muss… Schwalbe gibt mir neue Reifen, ich sende dafür die alten zur Analyse zurück. So ist das. Aber ich stehe nun wie ein begossener Pudel in der Post. Mitschleppen werde ich die Dinger nicht. Ich muss sowieso ein Päcklein nach Rosario schicken. So landet das Päcklein mit den Reifen in einer grossen Schachtel nach Rosario. Das Problem löse ich später. Ich hätte doch besser in Coyhaique auf die Riefen gewartet und sie von dort aus verschickt. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Na ja. Gegen 10 Uhr mache ich mich nach weiteren Heiratsanträgen und Liebeserklärungen von Raul auf den Weg. Nichts wie weg von hier! Bald geht’s hoch, die weissen Berge rücken immer in weitere Ferne. Ich fahre durch die Pampa. Pampa. Pampa. Wie unterschiedlich die Landschaften doch sind auf den beiden Seiten der Cordillera. Ich mag das pazifisch nass-grüne Chile lieber, aber ich hoffe hier auf etwas mehr Sonnenschein. Und heute bekomme ich diesen, der Wind ist auch gnädig. Zudem bläst er leicht aus dem Norden! Hi hi! So komme ich zügig voran in der Pampa. Verkehr hat’s fast keinen, dafür sichte ich Dutzende Guanacos und einen Fuchs. Zum Glück baut man hier teilweise richtige Häuschen für Gauchito Gil, Difunta Correa und Konsorten. So habe ich in der Mittagspause wenigstens ein bisschen Windschutz. Denn auch wenn der Wind aus Norden kommt ist er eiskalt. Die Strasse steigt oft an, dann wieder ist sie hügelig. Später wird’s bergiger, interessanter. Aber zelten wird hier schwierig, wie in Argentinien üblich ist alles verzäunt. Und ich hüpfe nicht so elegant über die Zäune wie die Guanacos.

Nach guten 80 km erreiche ich die Estancia Casa de Piedra. Oben an der Strasse ein Camping-Schild. Ein Gatter, zwei Gatter, drei Gatter. Sieben Hunde. Ich klingle, nach einer Weile taucht ein Señor auf, während ein Hund an meine Tasche pieselt. Der Camping sei seit März geschlossen. Hoppla! Aber ich darf trotzdem mein Zelt aufstellen. Es gibt einfach keine Dusche und nur ein Plumpsklo, dafür umsonst. Auch gut. Zudem lädt mich Hector in seine warme Stube ein. Noch besser!

19.05.2015. Ich verabschiede mich von Hector und verlasse die Estancia über die alte Ruta 40. So spare ich mir 3 km. Durchs Gatter durch und wieder auf die Asphaltstrasse. Es geht weiter rauf, doch der Wind ist mir auch heute gut gesinnt. Der Himmel ist grau verhangen. So fahre ich weiter durch die Pampa. Bald geht’s raus aus den Bergen in die flache Pampa. Die Strasse macht immer wieder Kurven, so bekomme ich den Wind von allen Seiten zu spüren. Seitlich drängt er mich von der Strasse ab, doch ich kann immer noch gut fahren.

Nun wechseln hügelige Abschnitte mit flachen ab. Pampa, Pampa. Gegen Mittag erreiche ich Bajo Caracoles. Fast schon ein Minidorf. Im Restaurant darf ich drinnen meine Sachen essen, dafür leiste ich mir danach einen sauteuren Milchkaffee. Es ist noch früh, so fahre ich weiter. Nach 30 km soll das alte Hotel Olnie stehen. Die 30 km kann ich zügig fahren. Im Rio Olnie will ich Wasser holen, aber der Schaum hält mich davon ab. Ein paar Kilometer weiter das verlassene Hotel, doch das Gatter ist mit Kette abgeschlossen. Es ist kurz vor 16 Uhr. In 40 weiteren km folgt die Estancia El Delfin. Ich fahre weiter. Bald schaue ich mir einen der Tunnels, die unter der Strasse durchführen, an. Wäre perfekt. Kein Wind, Dach über dem Kopf, gross, hoch, sauber. Doch Madame fährt weiter. Der Wind treibt mich an. Der unerwartete Nordwind. Normalerweise soll er von Westen her blasen. Es geht hoch, dann wird die Strasse flach. Mit 30 – 35 km/h pedale ich dahin. Hi hi! Doch es zieht sich bis zur Estancia. Nach 120 km das Schild „El Delfin“. Doch die Estancia liegt ziemlich entfernt von der Strasse, immerhin ist das Gatter offen. Ich fahre weiter, bis zum nächsten Tunnel. Doch der ist winzig. Was nun? Ich fahre zurück zur Estancia, nun gegen den Wind. Wer’s nicht im Kopf hat, hat’s in den Beinen. Ich biege auf die Schotterstrasse ein, steil geht’s den Berg runter, dann wieder hoch. 2 km. Beim Haus kommt mir schon ein Joven entgegen. Paco, sein Kollege ist Francisco und die Estancia gehört Pacos Vater. Klar kann ich bleiben. Wie schon viele Ciclistas vor mir kann ich in einer „Garage“ mein Zelt aufstellen. Aber vorher gibt’s was zu Essen. Eintopf. Sehr lecker! Und ich hatte Glück, denn die drei Señores müssen gleich los nach Perito Moreno. Ich bleibe alleine zurück. Mit den Schafen, Pferden und Ratten. Wie immer frage ich, ob es die gäbe. Klar doch, die ganze Region sei  voller Ratten…. In der Nacht wird es still, der Wind ebbt total ab. Es ist ganz still. Oder höre ich da was? Ein Krabbeln. Ich hoffe jetzt, dass die Katze hier ihr Ding leistet, denn die wollte mich schon besuchen. Doch Katze und Zelt sind keine gute Kombination, so habe ich sie auf Mausjagd geschickt. Ab und zu ertönt das Geschnoddere, oder wie man das nennt, der Pferde. Das ist beruhigend, so fühle ich nicht ganz so alleine.

20.05.2015. Um 6 Uhr beginnt der Wind wieder an allem zu rütteln. Im ersten mimim erkennbaren Licht packe ich zusammen. Die Sicht aus dem Garagentor verspricht einen weiteren schönen Tag. Doch das täuscht, denn von hier sehe ich nicht die Gewitterfront, die von Norden herzieht. Bald höre ich Regen. Vom Wind hergetragen lange bevor die Wolken da sind. Doch die ziehen auch nach und ich verlasse die Estancia bei Regen. Wieder die Holperpiste runter, dann gegen den Wind den steilen Hang hoch. Der Regen wird mir ins Gesicht gepeitscht, eher unangenehm.

Bald bin ich wieder auf der Ruta 40, nun schifft es in Strömen. Der Wind bläst nicht mehr aus Norden, sondern aus Nordwesten. Ich komme immer noch gut voran auf der flachen, schnurgeraden Strasse. Doch der Wind dreht weiter, bald kommt er wirklich aus dem Westen. Immer wieder werde ich auf die andere Strassenseite geblasen, des Öfteren lande ich im Kiesbett. Mühsam kämpfe ich mich wieder auf die rechte Strassenseite, um bald wieder im linken Kiesbett zu landen. Nun bläst der wirkliche, patagonische Wind. Die Kapuze bleibt nicht mehr auf dem Kopf. Dann macht die Strasse eine minime Kurve nach rechts. Ich werde gleich von der Strasse gefegt. Und kann nicht mehr weiterfahren. Unmöglich! Mit aller Kraft stemme ich mich gegen das Rad, damit es nicht umgeblasen wird. Wow! Was für eine Wucht der Wind hat! Ich schreie in den Wind, nützt nichts! Wegen der Kälte rinnt die Nase, doch der Schnudder wird einfach so weggeblasen. Ich stosse seitlich gegen den Wind, ich in einem ca. 45° Winkel zu Strasse und Rad. Schritt für Schritt geht’s langsam vorwärts, bei den Böen muss ich stemmen. Aber in der Ferne sehe ich die Kreuzung, dort macht die Strasse eine 90° Drehung nach links. Doch die rückt nur sehr langsam näher. Ein Pick-up fährt vorbei, hält. Der Fahrer fragt, ob ich Hilfe brauche, er würde nach Gregores fahren. Nett! Danke, aber ich schaffe es bis zur Kreuzung. Irgendwie. Die Kurve zieht sich noch dahin, dann kann ich langsam wieder fahren. Und dann schiebt mich der Wind an! Yeah!!!! Mit 40 – 45 km/h flitze ich über die flache Gerade! Hi hi! Das ist cool! Mittlerweile ist es schön, der Himmel blau. Nach 50 km folgt der Puesto Fijo der Vialidad Tamel Aike. Ich biege nach links ab und werde fast von Rad gehauen, kann mich gerade noch vor dem Umfallen retten. Ich klopfe beim Haus und frage, ob drinnen zu Mittag essen darf. Klar. Ich frage nach dem weiteren Weg nach Gregores. 60 km würde ich wohl noch geblasen werden, aber dann geht’s 50 km gegen den Wind weiter. Und dazwischen hat es nichts, nun, nach 40 km ein paar Bäume bei einem Fluss. Roberto meint, ich könnte hier übernachten und morgen früh losfahren. Wohl das Beste, wenn ich mich auch gerne noch etwas schieben lassen würde. Draussen versucht ein junger Spanier Autostopp zu machen. Seit 11 Uhr stehe er hier. Nun ist es 16 Uhr. Er wartet schlussendlich bis 18 Uhr, als in ein Wagen der Vialidad mitnimmt… Nicht sehr vielversprechende Aussichten fürs Autostoppen. Für mich gibt’s nun aber eine heisse Dusche und typisch Argentinien wird Abends ein Lamm-Asdado zubereitet. Den geniesse ich in Gesellschaft diverser Strassenarbeiter, die kommen und gehen. Vielen Dank Roberto!

Asado mit Roberto und zwei weiteren Arbeitern der Vialidad in Tamel Aike

Asado mit Roberto und zwei weiteren Arbeitern der Vialidad in Tamel Aike

21.05.2015. Um 8.45 Uhr verabschiede ich mich von Roberto. Es ist knapp hell. Nun habe ich sogar leichten Gegenwind. Nichts mehr mit Dahinfliegen. Schade! Die endlose, flache Gerade geht weiter, links geht langsam die Sonne auf. Nach einer Weile eine erste sanfte Kurve. Der Wind dreht auch langsam und wird stärker. Nun bläst er von der Seite. Es folgen weitere Kurven, ich spüre den eiskalten Wind mal von da, mal von da. Aber er lässt mich fahren.

Kurz vor Sonnenaufgang Abfahrt in Tamel Aike

Kurz vor Sonnenaufgang Abfahrt in Tamel Aike

Der Himmel verdunkelt sich immer mehr, ab und zu fallen ein paar Tropfen. Dies nun wohl mein Glück, denn mit dem Regen lässt der Wind etwas nach. Ich erreiche den Abzweig nach Süden, doch ich fahre weiter den Umweg nach Gregores. Keine gute Entscheidung, wie sich herausstellen wird… Ich komme gut voran. Die Gegend wird kurviger und bergiger, es geht rauf und runter. Ich habe Hunger, aber alle Tunnels unter der Strasse sind nun klein und nicht sehr einladend. So esse ich im Schutze des Rades ein paar Kekse. Das muss bis Gregores reichen. Nun geht’s gut runter und gegen 14 Uhr erreiche ich Gregores viel früher als erwartet. Bei der Vialidad frage ich nach den Versorgungsmöglichkeiten auf dem Weiterweg, dann fahre ich zur Kirche. In der Parroquia ist niemand, in dem kleinen Haus neben der Kirche macht mir eine junge Nonne auf. Ich erkläre mein Anliegen, sie muss nachfragen. Im Garten könnte ich zelten, denn der Padre sei genau heute nicht da und die Nonnen in Klausur. Ich meine, ich würde weitersuchen, denn heute wäre ein Dach über dem Kopf schön. Die Nonne will nochmals nachfragen. Der Nachbar würde Zimmer vermieten und man würde mir eins bezahlen. Wow! Nonne Carolina begleitet mich zum Nachbar, wir müssen eine kurze Weile waren. Carolina ist Mexikanerin und nicht das erste Mal stelle ich fest, dass die jungen Nonnen extrem neugierig sind. Sie hätte wohl noch tausend Fragen, aber wegen der Klausur muss sie zurück. Ich folge dem Señor zu den „Zimmern“ etwas weiter die Strasse runter. Wow! Das Zimmer ist eine kleine Cabaña mit Tisch, Stühlen, Bad, Mikrowelle, Wasserkocher, Kaffee, Mate, Keksen, Badetüchern und Heizung! Ich bin sprachlos! Ich esse gleich ein paar Kekse. Gesunde Ernährung heute.

Dann laufe ich zum Internet. Ich will Wetter und Wind prüfen. Ich muss eine Weile auf eine der zwei Maschinen warten, auch danach geht das Warten weiter. So langsames Internet hatte ich schon ewig nicht mehr. Ich gebe auf und gehe lieber in meine tolle Bleibe. Die muss ich geniessen! Zumal der Wind nun tüchtig aufgefrischt hat, der Himmel ist mittlerweile blau. Duschen, mehr Kekse essen, Kaffee trinken. Und heute stelle ich sogar den TV ein. Nach 20 Kanälen mit einer labernden Kirchner und Sport finde ich einen Film. Den schaue ich in T-Shirt und barfuss auf dem Bett fläzend. Es ist heiss hier drinnen. An eine Heizung bin ich definitiv nicht gewöhnt… Argentinien zeigt sich beim zweiten Besuch von einer ganz anderen Seite. Schön! Vielen Dank!

22.05.2015. Die ganze Nacht über stürmt es draussen wie wild. Ich träume von Wind. Ich sehe mich im Wind. Denn der Weg zurück auf die Ruta 40 ist eine 70 km lange pure Ost – West Strasse. Beim ersten Tageslicht verlasse ich meine Luxusbleibe. Der Wind wütet immer noch. Ich biege auf die Ruta 29 ab. Die ersten Kilometer geht’s tendenziell nach Süden, dann folgt der fatale Abzweig nach rechts auf die Ruta 29. Voll in den Wind hinein. Zu Beginn ist die Strasse noch kurvig und hügelig, ich komme noch einigermassen voran. In einem winzigen Strassentunnel mache ich immerhin etwas windgeschützt Mittagspause. Bald höre ich, wie oben ein Wagen hält und hupt. Ich schaue. Ein Señor steigt mit einer Wasserflasche aus. Ob ich Wasser brauche. Danke, ich habe genug. Er meint, sie seien von einer nahen Estancia, ob ich sonst etwas bräuchte. Jemanden, der den Wind abstellt, sonst sei ich ok. Danke! Später denke ich, ich blöde Kuh, hätte doch fragen sollen, von welcher Estancia und wie nahe… Na ja. Es folgt eine kleine Steigung und dann die Hölle. Eine flache, endlose Gerade. Horror! Der Wind pustet, ich schaffe nur noch 4 – 6 km/h. Das ist so frustrierend! Flache Strasse, aber man kommt kaum voran. Die Gerade nimmt kein Ende. Der Wind macht mich fertig. Und die Zeit läuft. Hier gibt es absolut nichts, wo ich windgeschützt campen könnte. In 30 km folgt die Estancia La Siberia, doch das schaffe ich nie. Ich muss einen Wagen anhalten. Mal sehen, bis anhin passierte alle 1 bis 2 Stunden ein Fahrzeug. Der erste, ein PW, hält nicht. Ok. Bald folgt ein Pick-up. Ich mache Zeichen, der Fahrer hält. Ich frage, ob sie mich mitnehmen können. Sie würden nur zu einer nahen Estancia fahren, La Siberia. Und klar können sie mich mitnehmen. Ha! Manchmal hat Frau auch einfach Glück. Rad aufladen und weiter geht’s. Autostoppen mit Rad scheint einfacher als mit Rucksack… Bald folgt der Abzweig zum Lago Cardiel und der Schotter. Wir sind wieder auf der Ruta 40. Hier wäre ich gestern wohl etwas schneller angekommen. Der Umweg nach Gregores hat sich wirklich fast nicht gelohnt. Die Gegend wird bergiger und bald erreichen wir die Estancia. Auch hier ist die Saison schon lange vorbei. Weil es so kalt ist, lässt man mich in einer unbenutzten Küche übernachten. Das ist eine Wohltat nach einem Tag im Wind. Später gibt’s Tee und Asado im Haus der Besitzer. Auf den Asado verzichte ich, denn ich habe schon gegessen. Viel! Wind macht hungrig!

23.05.2015. Bei Dunkelheit stehe ich auf, um 9 Uhr bin ich wieder auf der Schotterpiste. –5°, das hintere Bremskabel ist gefroren. Kein Problem, denn nun geht’s eine gute Weile hoch. So kommt Wärme in den Körper. Oben habe ich nochmals Aussicht auf den Lago Cardiel, die schneebedeckten Berge und die Pampa. Runter, dann wieder hoch. In den Bergen war ich noch etwas geschützt, nun fahre ich in die offene Pampa. Und hier weht bereits der Wind. Der wird schnell stärker und in dem flachen Gelände zur Plage. Heute kommt er von seitlich-vorn und ist eiskalt. Zudem holpert es auf dem Schotter auch noch gewaltig. Für 18 km kam ich einigermassen gut voran, nun werde ich wieder auf 5 – 7 km/h abgebremst. So schaffe ich die 85 km nach Tres Lagos nie. Scheisse! Ich fluche und brülle in den Wind, der ist unbeeindruckt. Es ist einfach frustrierend, wenn man in so flachem Gelände kaum vorwärts kommt. Zudem zehrt der Wind an physischen und mentalen Kräften. Ist das noch Radfahren oder Masochismus? Macht das noch Spass? Ich sinniere dahin, und kämpfe gegen das Element. Immer wieder lande ich im linken Strassengraben. Die Strasse wird hier gerade gebaut, oben die neue Strasse gespickt mit grobem Kies, unten die provisorische, festere Piste. Ich fahre auf dieser, während oben Baustellenlaster vorbeistauben. Und ein weisser Pick-up. Der bleibt etwas weiter vorne stehen. Der Typ steigt aus, zieht seine Jacke aus, steigt wieder ein. Dann setzt der Wagen zurück, das Beifahrerfenster geht runter. „Soll ich dich mitnehmen, der Wind ist brutal stark hier?“. Hmm, hmmm? „Wohin fährst du denn?“ „El Calafate.“ Hmm, hmm, überleg. Der Tag ist noch lange und eigentlich kann ich ja fahren. Nur langsam. Hmmm, hmmm. „Ja, der Wind macht mich fertig!“. Wir laden das Rad mit Gepäck auf, zurren es fest, die kleinen Taschen kommen ins Auto. Los geht’s. Kurze Zeit später öffnet sich die Ladeklappe, der Fish will fliehen. Ein Zeichen? Ich lade alles Gepäck ab, so kann das Rad besser festgemacht werden. Dabei merke ich, wie eiskalt der Wind ist. Weiter geht’s auf der Schotterpiste, die erst nach vielen Kilometern wieder zu Asphalt wechselt. Ich höre, wie der Wind am Fahrzeug zerrt und rüttelt. Da hätte ich wohl eher 5 als 3 Tage nach El Calafate gebraucht. In Tres Lagos lädt mich Omar zu einem Kaffee ein. Sehr nett, der Señor! Vielen Dank! Ich überlege, ob ich hier bleiben soll. Ein kleines Dorf, mit Bomberos und allem Drum und Dran. Irgendwie fühlt es sich falsch an, hier nicht per Rad zu landen. Aber ich verwerfe die Idee und weiter geht die Reise. Bald folgt der Abzweig nach El Chalten mit wunderbarem Blick auf den Fitz Roy. Wow! Ich wusste nicht, das man ihn von der Ruta 40 aus sieht. Omar hält für ein Foto. Ich bekomme die Autotür fast nicht auf wegen des Windes, draussen bläst es mich fast um. Der Wind gibt heute wirklich alles. Hier hätte ich nicht mehr fahren können.

Am Strassenrand hat es nun sehr viele Guanacos. Hunderte. Das ein Zeichen, dass es oben in den Bergen schon viel Schnee hat. Gegen 15.30 Uhr erreichen wir El Calafate. Omar fährt mich zum Hostal Mochileros, die Señora gibt mir einen 4er Dorm für mich alleine. Ich bleibe und verabschiede mich von Omar. Paff!!! Hier bin ich nun also. Viel zu schnell, viel zu unerwartet! An diesem Ort, wo am 01.01.2010 die Reise nach Norden begann. Irgendwie fühle ich mich schlecht, das ich per Auto hier angekommen bin. Ein ganz seltsames Gefühl. Verrücktes Mädchen! Später sehe ich auf windfinder (den finde ich ja grafisch etwas ansprechender als den windguru. Und wenn wir schon bei den Seiten sind, hier noch eine wirklich gute Wetterseite aus Norwegen), dass genau in diesen Tagen der Wind besonders stark ist. Am Montag soll er bis auf Weiteres abebben. Das beruhigt mein Gewissen nicht im Geringsten… Nun denn. Ich werde noch mehr Wind und Pampa erleben. Ich werde einfach ausruhen und den letzten Abschnitt in Angriff nehmen. So soll es sein!

24. – 27.05.2015. Im Hostal ist es schön warm, auch in den Zimmern. Jedes verfügt über eine Heizung. Ich bin mich das wirklich nicht gewohnt, ich frage die Señora, ob man die nicht abstellen kann. Kann man nicht. So wechsle ich vom 4er in einen 7er Dorm für mich alleine. Dort ist es mimim kühler. Aber interessanterweise gibt es zum Schlafen dann nur ein Laken und eine feine Decke. Das wiederum ist zu kalt. Am Besten ist’s doch einfach im Zelt. Da weiss ich, was ich habe. Auch sonst fühle ich mich nicht besonders wohl in dem Hostal-Hostal. Zu sehr Hostal. Ich mag die kleinen, familiären, schrulligen Hospedajes viel lieber. Aber ich bin zu faul, um was anderes zu suchen, zumal der Preis hier ok ist.

Ansonsten fühle ich mich etwas verloren in El Calafate. Der Touristenort ist in den letzten 5 Jahren noch touristischer geworden. Nun, es wurde hier auch sonst viel Geld investiert, besitzt die Señora Kirchner doch hier ein Haus… Die Preise haben europäisches Niveau erreicht. Da ist der Spassfaktor relativ klein. Vor allem bei all den Leckereien. Aber wie immer gibt es einen Ort, dem es besonders zu widerstehen gibt. Die Panaderia Don Luis. Gutes Brot, ganz viele tolle Leckereien und nette Señoritas. Die meisten Teilchen schaue ich mir nur an, aber ein paar Facturas dürfen es ab und zu sein…

Einen grossen Unterschied gibt es zwischen Chile und Argentinien. In Chile haben die Autos bei einem Zebrastreifen, falls vorhanden, meist angehalten, aber dieses Verhalten hat auch das touristische El Calafate noch nicht erreicht. Als Fussgänger ist man hier einfach der letzte Abschaum. Keine Sau hält und würde einem wohl eher überfahren als anhalten. Auch sonst gehe ich immer noch mit bedrücktem Gefühl durch die Strassen. Echt komisch! Chica loca! So werde ich übrigens oft bezeichnet, aber nicht nur, weil ich jetzt noch auf dem Weg nach Süden bin, sondern meist schon vorher, wenn man oder vor allem Mann mich und dann mein ziemlich bepacktes Rad sieht…

Ansonsten mache ich das, was man immer macht. Wäsche waschen, mich über die unzähligen blauen Flecken an meinen Beinen wundern, essen, nichts, dann sollte ich einen Ölwechsel der Nabe vornehmen. Und natürlich schaue ich mir die Route nach Süden etwas genauer an. Dieses eine Stück, dass mir noch fehlt. Mal sehen, was der Winter weiter unten macht. In Ushuaia soll es schon seit Tagen schneien.

Die Hauptattraktion der Region, den Perito Moreno Gletscher, habe ich schon im 2010 gesehen. Das Einzige, was mich noch reizen würde, wäre ein Minitrekking über den Gletscher. Doch 1’100 Pesos (120 CHF) sind mir viel zu teuer, zumal man hier in Riesengruppen losgeht. Das ist kein Erlebnis mehr, das spare ich mir. Ich hätte mir gerne den Exploradores Gletscher bei Rio Tranquilo angesehen, doch da stimmte das Wetter nicht. Dort gibt’s das gleiche Abenteuer zum halben Preis und wenn’s sein muss auch für eine Person. So lasse ich den Perito Moreno bleiben, was den Aufenthalt hier noch etwas unnötiger macht.

Auf geht’s zum Last Frontier des Südens!

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