El Calafate – Punta Arenas, von imaginären Türmen und Hörnern

28.05. – 11.06.2015. 690 km. 5’597 Höhenmeter. Nach El Calafate folgt weitere Pampa, aber die Aussicht wird immer besser. Ich sehe die Torres del Paine. Von Weitem ziehen sie mich in ihren Bann und lassen mich einen Umweg durch den Parque Nacional Torres del Paine fahren. Dort hingegen sehe ich nur noch imaginäre Berge. Dafür sehe und erlebe ich später ganz reales Eis und erreiche Punta Arenas schliesslich mit einem gut farbenfrohen Knie.

Route: El Calafate – El Cerrito – Tapi Aike – Cerro Castillo – Laguna Amarga – Torres del Paine – Puerto Natales – Morro Chico – Gobernador Philipi – Punta Arenas

28.05.2015. Die Wetterentwicklung von El Calafate war folgende: angekommen bei Sonnenschein und Sturmwind, dann Sonnenschein, Wind liess nach. Kein Wind mehr, dafür Nebel und verlassen tue ich die Stadt bei Regenfall und Null Wind. Allzu kalt ist es auch nicht. Über eine Steigung geht’s raus, dann folgt hügelige Pampa. Nach 32 km erreiche ich wieder die Kreuzung, ich biege in Richtung Rio Gallegos ab. Der Regen lässt langsam nach und bald ist es trocken. Nach 50 km beginnt eine 10 km lange Steigung, die sogar den Namen Cuesta verdient. Die Cuesta de Miguez. Die bringt mich wirklich ins Schwitzen. Das gab’s schon länger nicht mehr. Oben gibt’s den Ausblick über ein kleines Nebelmeer. Schön!

Bald fahre ich über eine Hochebene. Hier oben ist es kalt und bald setzt auch er eiskalte Wind ein und wird immer stärker. Hier oben liegt Schnee, alle Wasserpfützen sind gefroren. Ich packe mich gut ein. Nach der Ebene geht’s wieder runter und mit dem Wind komme ich gut vorwärts. Nach 95 km erreiche ich gegen 17 Uhr den Puesto Fijo der Vialidad „El Cerrito“. Ich fahre zur Tür, Hund Miguelito begrüsst mich schweigend, bald folgt Claudio. Ich sei etwas spät dran, es sei eiskalt. Hmm. Hier dürfen Ciclistas in einem leeren Häuschen übernachten. Doch weil’s so kalt ist und ich alleine bin gibt’s ein Zimmer mit Bett. Leider funktioniert in diesem die Heizung nicht. Wie tragisch! Dann offeriert mir Kollege Ivan Tee und eine heisse Dusche. Später gibt’s noch Besuch und dazu gibt’s Pizza. Es gibt schlimmere Orte.

29.05.2015. Kurz nach 9 Uhr verabschiede ich mich von Claudio und Ivan. In der Nacht hatte der Wind immer mal wieder gut gewütet und gerüttelt, jetzt bläst er relativ ruhig. Ich biege auf die Schotterstrasse ein. Hier ist die Strasse relativ gut, ich komme gut voran. Rauf und runter, immer wieder, ein paar Kurven.

Dann eine Abfahrt und nach 20 km die Polizeistation. Der Polizist war gestern bei der Vialidad zu Besuch, ist heute aber nicht da. Hier könnte man auch übernachten. Hier frischt der Wind nun gewaltig auf, es wird kalt. Ich fahre weiter durch die Pampa, nun mit deutlichem Windwiderstand. Bald folgt eine längere Abfahrt in ein Tal. Die Strasse ist nass, der Dreck spickt vom Vorderreifen hoch, bleibt auch kleben. Es tut und knattert. Im Tal wird es schlimmer, es schleift, dann geht absolut nix mehr. Totalblockade. Beide Reifen sind von riesigen Dreckklumpen blockiert. Das Zeugs klebt brutal, sogar mit einem Zelthering habe ich Mühe, es wegzukratzen. Was ist denn das für ein Mist? Haben sie da was auf die Strasse gestreut? Ich kratze, schiebe, kratze. Etwas mühsam bei dem eiskalten Wind. Ich stosse, dann wird es zum Glück etwas besser. Nur noch die halbe Strasse bleibt am Rad kleben. Nun ist die Strasse aber langsam mit grossen Steinen gespickt, es beginnt zu holpern und rumpeln. So geht’s eine Weile lang hoch, die Aussicht wird immer besser, rechts rücken schneebedeckte Berge ins Blickfeld. Immer wieder rennen Strausse oder Nandus davon.

Interessanterweise hat es hier keine Guanacos. Dafür Schafe. Viele Schafe. Und keine Zäune. Die Strasse führt wohl durch eine einzige Estancia. Verkehr hat’s keinen, ich sehe den ganzen Tag kein einziges Fahrzeug. Hier windet es nicht mehr, doch das Rumpeln bleibt und dann wechselt die Strasse noch zu einem grobkiesigen Schlitterfeld. Ich bin froh, als ich gegen 16 ihr die Kreuzung bei Tapi Aike erreiche. Ach hier gibt’s einen Puesto Fijo der Vialidad. Und wie schon viele Ciclistas vor mir lande ich in dem ungenutzten Wohncontainer. Schön! Und saukalt!

Wie immer habe ich bald Hunger und koche in meinem Eisschrank das Nachtessen. Ich gehe nochmals ins Haus ins Bad, da drinnen wird gerade eine Wahnsinnsasado zubereitet. Ein Reisenfeuer brennt in einer richtigen Kammer, davor ein Schwein. Ein Dutzend Männer will mich zum Essen einladen, doch das habe ich wie schon so oft schon getan. Ich lehne dankend ab.

30.05.2015. Ich erwarte eine kalte Nacht, mumme mich gut ein. Doch schon bald wird mir bei den 3°C zu heiss. Dafür bin ich froh über das Dach, denn bald beginnt es zu regnen und zu stürmen. Der Wind gibt auch diese Nacht alles, rüttelt und zettelt an meinem Heim. So geht das bis in die frühen Morgenstunden, dann wird’s ruhig. Bis um 7.30 Uhr der Generator angeschmissen wird. Aufstehzeit. Kurz nach 9 Uhr bin ich auf der Strasse. Und heute ist sie nun escarchada. Gefroren. Das Wasser des Regens hat sich zu einer dünnen Eisschicht verwandelt, die Strasse ist eine  einzige Eisfläche. Ein paar Mal komme ich gut ins Schlittern. Uhhhh! Die Autos rasen wie gewohnt, zum Glück hat es nicht allzu viele von denen. Ich suche die beste Spur, meist in meiner Seitenmitte. So geht’s weiter durch die Pampa. Rechts die Berge, die ich gestern schon gesehen hatte. Dann rückt das Paine-Massiv ins Bild. Wow! Ahhhh! Wie schön! Diese schneebedeckten Spitzten üben eine magische Anziehung auf mich aus. Schroff, kalt, wunderschön!

Aber ich schaue nur ab und zu hin, ich will ja nicht ausrutschen. Die Strasse taut zum Glück auch langsam auf. Langsam verschwinden die Torres wieder, ich fahre eine Kurve und dann folgt eine lange, schattige Gerade. Kalt hier. Nach 40 km der Abzweig zum Paso Internacional Puente Rio Guillermo. Ich biege auf die Schotterstrasse ab. Alles voller Pfützen, hier hat es wirkliche viel geregnet. Es geht gut runter, vorbei an einer Luxusestancia und nach 6 km der argentinische Grenzposten. Stempel in den Pass, fertig. Und man lässt mich drinnen essen, obwohl es auch draussen nicht so kalt ist. Ich fahre weiter, vor mir schleicht ein kleiner Fuchs bei den Gebäuden rum. Die Strasse ist nun etwas mühsam klebrig, ich muss gut in die Pedalen treten. Bald geht’s weiter runter, in der Ferne sehe ich schon Cerro Castillo.

Beim Dorfeingang der chilenische Grenzposten. Die Beamten sind seit gestern nicht mehr im Streik. Schritt 1: Migration. Stempel in den Pass, fertig. Schritt 2: Aduana. Hier muss das Rad nicht eingeführt werden. Schritt 3: Lebensmittelkontrolle. „Hast du Essen dabei?“ „Klar.“ „Kreuze „ja“ an und fertig.“ Kein Röntgen, kein Reinschauen. Der Typ fragt noch, wohin ich hinwolle. Ich würde heute hier was zum Übernachten suchen. Und schon lädt mich Carlos vom SAG in sein Haus ein. Es gibt ein Zimmer mit Bett, heisse Dusche und einen vollen Kühlschrank. Wow! Vielen Dank! Die drei Beamten haber hier alle ihr Haus, die drei Häuser sind mit per Gang dem Zollgebäude verbunden. Doch jeder verbringt die Stunden alleine in seinem Haus, mit Fernsehen. Zumindest in der jetzigen Saison. Na ja. Im Café Ovejero daneben gibt’s von Juan Carlos Informationen zum Parque Nacional Torrres del Paine. Ich glaube, diese Berge rufen mich…

31.05.2015. Es regnet und auch nach 9 Uhr ist es noch finster. Ein trauriger Anblick. Aber es ist nicht so kalt, die Strasse nicht gefroren. Und nun liegt die Kreuzung vor mir. Links Puerto Natales, 65 km. Oder Torres del Paine? Ich biege nach rechts ab. In Fahrtrichtung hellt sich der Tag etwas auf, der Regen lässt auch nach und links erscheinen Berge. Was will Frau mehr? Und netterweise windet es auch heute fast nicht. Fast. Auf einer langen Gerade habe ich plötzlich Gegenwind, so wird es schnell saukalt. In einem der Luxusbushäuschen esse ich ein paar Kekse. Nun beginnt es wieder zu regnen. Bald folgt eine grössere Kreuzung. Links Porteria Sarmiento, rechts Cerro Guido. Ich weiss nur, dass ich nicht zur Porteria Sarmiento, sondern zur Porteria Laguna Amarga will. Im Regen klaube ich ganz kurz die Karte raus, fahre weiter in Richtung Cerro Guido. Weiter durch die Pampa, der Regen hört auf und es gibt sogar etwas Sonnenschein. In den Wolken versteckt sich scheu ein Berg, ein grosser Berg.

Die Strasse beginnt anzusteigen, steigt immer mehr an. Dann Häuser, Carabineros, ein Puesto de Salud, Cerro Guido. Hmm? Komisch. Ein Carabinero kommt raus, fragt, wo ich hin will. In den Park. Tja, das sei ich falsch, die Abzweigung wäre vor 18 km gewesen. Shiit! So ein Mist! Ich habe Hunger, aber ich bin gerade so genervt, das ich umkehre und davonflitze. Zum Glück geht’s nun eine Weile runter und dann fliege ich über den Schotter. So schnell bin ich wohl noch nie über Schotter gerast. Nach ca. 15 km wieder die Kreuzung. Die Saukreuzung. Ich schaue die Karte genauer an, ich hätte in Richtung Sarmiento fahren müssen. Mein Abzweig folgt erst später. Wer’s nicht im Kopf hat hat’s in den Beinen. Zur Sicherheit halte ich noch einen vorbeifahrenden Pick-up Fahrer. Der will mich auch gleich mitnehmen, das ist unnötig. Ich muss was essen. Die Pause ist kurz, dann bin ich wieder auf der Strasse. Die Schotterstrasse nach Cerro Guido war wenigstens gut, nun folgt Waschbrett. Fieses Waschbrett. Vor allem wenn man in Eile ist. Nach 12 km der Abzweig zur Porteria Sarmineto, der Abzweig zur Laguna Amarga folgt etwas später. Die erreiche ich bald. Wow! Die ist wunderschön! Dahinter sind in den Wolken Berge zu erkennen. Mit etwas Vorstellung sehe ich auch die Torres.

Ich überlege, bei der Laguna zu zelten. Doch ich brauche Wasser und die Laguna heisst nicht umsonst amarga. Ich fahre weiter. Eine steile Steigung! Puh! Ich bin kaputt. Dann eine geschlossene Estancia und nach einer weiteren Steigung die Porteria Laguna Amarga. Dort erwarten mich ein junger Chico und eine Überraschung. Wegen des Dia del Patrimonio ist der Eintritt heute gratis! Yeahh!!! Fürs Zelten muss ich auf den Chef warten. Der eher unterkühlte Señor kommt nach einer Weile, weist mir den Rasen neben dem Haus zu. Oben hätte es ein Häuschen mit Veranda, doch ich frage nicht weiter. Und hoffentlich kommt kein Puma, die würden hier manchmal einfach so rumspazieren. Ich sehe nur ein rumschnüffelndes Stinktier. Das ist genug. Immerhin werde ich später vom jungen Chico zu Brot und Tee in die warme Stube eingeladen. Der Chef lächelt doof und widmet sich dann wieder der Flimmerkiste und Silvester Stallone. Nach dem Brot habe ich keinen grossen Hunger mehr, beschliesse noch ein paar Haferflocken zu essen. Die verstreue ich gleich noch in der ganzen Tasche und im Zelt. Es gibt einfach schwierige Tage…

01.06.2015. Am Morgen habe ich ziemlich viel Kondensation im Innenzelt, dass Aussenzelt ist innen total nass. Ich packe, dann trete ich raus in eine dichte Nebelsuppe. Auch nass. Ich packe den feuchten Zeltlappen zusammen, derweil lichtet sich der Nebel ein wenig. Aber die Torres gibt’s auch heute nicht zu sehen. Ich weiss von Juan Carlos, dass nun 8 km Steigung folgen, mit bissigen 14%-Abschnitten. Da hatte er absolut recht. So fahre ich keuchend durch die Nebellandschaft, Zeugen sind wieder die Guanacos. Aber im grossen Unterschied zu den bisherigen Strassen rennen sie hier nicht gleich weg, sondern heben kurz den Kopf und fressen dann weiter. Nationalpark? Nach der anstrengenden Steigung folgt eine Abfahrt, bald kommt der Lago Nordenskjöld in Sicht. Irgendwo hier soll man eine wunderbare Sicht auf die Cuernos del Paine haben, ich sehe nur die Nebelgrenze. Und stelle sie mir vor. Wunderschön! Nun wird die Strasse mühsam, grosser, loser Kies lässt mich gut schwaddern und langsam vorankommen. Die Strasse führt hügelig weiter und von den unmenschlichen Steilsteigungen folgen noch viele. Sie sind kurz und heftig. Ich frage mich gerade etwas, was ich hier mache. Die Berge sehe ich nicht, die Lagunen und Seen sind hübsch, aber ob sich der Umweg lohnt? Ich bin gerade etwas frustriert. Nun fahre ich dem Lago Pehoé entlang, der ist wirklich wunderschön. Sogar bei Nebel. Natürlich geht’s auch hier nicht flach dem Ufer entlang, es folgen weitere Steigungen. Beim Camping lässt mich ein junger Chico im Laden zu Mittag essen. Allzu kalt ist es draussen nicht, aber drinnen ist es doch gemütlicher. Und Wind ist heute auch kein Thema. Das ist nett! Gestärkt geht es weiter, es folgen noch ein paar fiese Steigungen. Der Lago Pehoé wird zum Rio Paine und der Himmel wird heller und heller. Will da die Sonne durchdrücken?

Ich fahre an der Parkadministration vorbei, dann folgen noch ein paar flache, mühsame Kilometer auf frischem, losem, grossen Schotter. Der soll seit etwa 4 Tagen da liegen… Dann verlasse ich den Park bei der Porteria Serrano. Und tschüss! Nun ist die Strasse wieder asphaltiert, die Steigungen bleiben. Bald sehe ich links den Lago Toro. Und da? Da ist etwas! Tatsächlich ein paar Berge! Ich sehe die Spitzen der Cuernos del Paine aus den Wolken ragen. Schööööön! Die Strasse steigt wieder länger an, die Aussicht wird immer besser. Ich fotografiere die ganze Zeit. Zum Schluss doch noch ein toller Anblick! Beim Mirador Cuernos del Paine könne man sogar zelten. Etwas sehr ungeschützt. Etwas weiter oben führt ein Weg etwas von der Strasse weg, Nun, bis zum nahen Zaun. Zeltplatz? Die Strasse steigt noch weiter an und es ist 16.30 Uhr. Geniesse ich doch noch etwas die Aussicht. Den Zaun denke ich mir einfach weg. Dazu gibt’s einen Kaffee. Danke!

02.06.2015. Die ganze Nacht über regnet es, am Morgen ist es netterweise trocken. Im Dunkeln packe ich – die Stirnlampe ist in den letzten Tagen zu einem guten Freund geworden – und um 9.30 Uhr mache ich mich bei immerhin etwas Licht auf den Weg. Die Tage sind kurz, 9 Stunden Tageslicht, und die tiefhängenden Wolken helfen dem nicht. Die Cuernos sind nicht mehr sichtbar. Die Strasse steigt weiter an, wird immer steiler. Oben erreiche ich den Mirador Grey, mit Aussicht auf Nebel. Nun geht’s runter, dann wird die Strasse sehr hügelig. Schliesslich geht’s runter zum Lago Porteño und fertig ist der Asphalt. Auf Schotter geht’s dem Wasser entlang. Das Menu nun: grober loser Kies; feiner, loser Kies; Matsch und Dutzende fieser Steigungen. Der Himmel bleibt grau, immerhin regnet es nicht. Gegen Mittag will mich ein Señor mitnehmen, ich lehne dankend ab. Ich habe wieder mal Hunger, doch nun ist natürlich nicht eines der schönen Bushäuschen in Sicht. Eine Abfahrt, in Fahrtrichtung sehe ich wider eine längere Steigung. Oben ein Haus. Das schaffe ich noch. Die Steigung kostet nochmals. Ich schiebe eine Weile, aber eher um die Füsse etwas zu bewegen. Die sind heute wieder so kalt, dass ich die Zehen nicht mehr spüre. Das Gehen hilft ein wenig. Oben dann tatsächlich ein Haus, ein Restaurant. Geschlossen. Daneben die Conaf-Gebäude der Cueva del Milodon. Ich frage, ob ich im Ausstellungsraum essen darf. Klar. Nur ist es dort nicht viel wärmer als draussen. Das ändert sich schlagartig, als die Chica aus der Mittagspause zurückkehrt und mich ins Büro einlädt. Dort ist es schön warm. Ahhh! Dann muss ich leider wieder raus. Noch ein paar Kilometer bis zur asphaltierten Ruta 9. Nun beginnt es zu regnen. Nach weiteren 16 km erreiche ich ziemlich durchnässt Puerto Natales. Ich suche die Bomberos. Das Quartel im Centro brannte kürzlich ab. Welch Ironie! Ein Bombero, den ich auf der Strasse treffe, schickt mich zum Cuartel 1 am Ende der Stadt. Niemand da. Also wieder alles zurückk und zur Parroquia. Dort empfängt mich Padre Bernardo, doch man habe nichts, nur grosse Säle. Aber man würde mit der Alcaldia sprechen. Derweil bekomme ich Kaffee und Brot serviert und lande im Häkelkränzchen. Um 18.15 Uhr frage ich die Sekretärin, ob man denn jetzt was habe. Öhhhh, nein! Schöne Vögel. Auch der Padre verzieht sich nun eiligst. Auch ein Vogel. Ich habe zum Glück ein Empfehlung für das Hostal Gloria und das ist netterweise ganz in der Nähe, wie sich herausstellt. Dort wäre ich besser gleich zu Beginn hingefahren… Nun gibt’s eine heisse Dusche. Die Radreparatur verschiebe ich auf morgen. Ein Ruhetag kann nicht schaden, zumal es auch noch regnen soll.

03./04.06.2015. Und es regnet. Den ganzen Tag. Ich muss die Kette nachspannen, dabei sehe ich, dass die beiden Schrauben schon wieder verbogen sind. Das erklärt, warum das Rad fast nicht mehr auf dem Ständer steht… Die im Norden Chiles gekauften Schrauben sind wohl nicht allzu stark. Eine Ersatzschraube habe ich noch, eine zweite zu finden ist ein anderes Thema. Von der berühmten Bicicleteria „Rey de la Bicicleta“ über alle Ferreterias lande ich in einem Autoersatzteilgeschäft. Und werde tatsächlich fündig. Glück gehabt! Die Schrauben sind schnell ausgetauscht, Kette spannen und reinigen. Ich bin wieder startklar. Aber wie das manchmal so ist, bleibe ich schlussendlich noch einen Tag in Puerto Nasales.

Und wie schon so oft gibt es auch hier einen Ort, den ich erwähnen möchte. Die Frutas Secos von Mauricio „Itahue“ an der Calle Esmeralda #455. Ein Paradies für den Viajero!

05.06.2015. Bei bedecktem Himmel verlasse ich Puerto Natales gegen 9.30 Uhr. Hier sind die Strassen nass, nicht gefroren. Doch kaum bin ich der Stadt raus, erwartet mich die Eisbahn. Hier haben die Betonplatten der Strasse ganz feine Rillen, das gibt etwas besseren Halt. Nur ein paar angreifende Köter bringen mich einmal ins Schlittern. Es geht hoch, dann am Strassenrand ein Pet-Flaschen-Depot. Nein, ein Difunta Correa Schrein! Es wird endlich Zeit, meine seit Längerem kaputte Flasche zu opfern. Im 2009 in Uruguay gekauft hat sie mir viele Jahr gute Dienste geleistet. Vielen Dank! Nun bleibt sie mit wenigsten etwas Wasser gefüllt in Chile. Adios! Que te vaya bien!

Die Strasse steigt weiter an, ich lasse Natales und die verschneiten Hügel hinter mir. Eine Camionetta hält und der Fahrer will mich mitnehmen. Nein, vielen Dank! Oben fahre ich bald in dichten Nebel. Nun ist die Strasse zum Glück nur noch nass. Aber es ist saukalt. Hände und Füsse sind kaum noch fühlbar. Die nächsten Winterhandschuhe werden Fäustlinge sein, keine Fingerhandschuhe mehr. Man kann auch mit vier Fingern bremsen. Ich mache die Finger zur Faust, das hilft ein wenig. Hände und Füsse leiden in den letzen Tagen unter der Kälte. Beine und der Oberkörper sind irgendwie in Bewegung, ich friere nie. Aber Hände und Füsse sind meist eiskalt. Ein weiteres Problem der Kälte ist die genügende Hydratation. Das Wasser in dem Bidon ist so kalt, dass Trinken schwierig ist. Ich versuche es mit viel heissem Tee am Mittag und beim Ankommen abends. Ich pedale durch das Nass, wieder will mich ein Señor mitnehmen. Nein danke! Seht nett! Genau zur richtigen Zeit erscheint ein Bushäuschen, oder besser eine Busbox, am Strassenrand. Zeit für die Mittagspause. Ich habe gerade alles ausgepackt, Tee ist eingeschenkt, als ein Señor von der Estancia „Jimmy“ gegenüber erscheint. Ich solle doch im Arbeiterhaus was essen. Das Wetter sei übel. Auch auch hier lehne ich dankend ab, alles ist draussen und allzu lange möchte ich nicht Pause machen. Eine warme Stube würde dem sicher entgegenwirken… Ich fahre bald weiter, nun regnet es richtig, zudem ist Wind aufgekommen. Leichter Gegenwind. Ich fahre an Lagunen, Sümpfen und moosbewachsenen Bäumen vorbei. Bäume mit Bart. Bartbäume.

Wäre sicher noch schöner hier bei etwas Sonnenschein. Der Nebel lässt etwas nach, wird wieder dichter, ich komme gut voran. Es folgen ein paar Estancias, doch ich pedale weiter. Ich weiss, dass nach 103 km eine Carabinero-Station folgt. Ich strample und strample und im letzten Tageslicht erreiche ich Morro Chico. Die Carabineros lassen mich im verlassenen Haus der Vialidad übernachten. Das Dach leckt, doch in einem Raum ist es trocken, dort hat es sogar Matratzen. Die benutze ich, seit ich den Poncho als wunderbaren Überzug für Schmuddelmatratzen entdeckt habe. Und man kann die Türe abschliessen. Für alle Fälle.

Mein Heim in Morro Chico. Ich brauche mal eine Kerze...

Mein Heim in Morro Chico. Ich brauche mal eine Kerze…

06.06.2015. Der Wind rüttelt die ganze Nacht über leicht an meiner Hütte, am Morgen trete ich wieder in eine graue, feuchte Suppe. Bei den Carabineros hole ich noch Wasser und frage nach dem kommenden Profil. Alles flach! Ich fahre nun ziemlich lange leicht hoch, dann wird’s gut hügelig, immer wieder hat’s lange steigende „Planos falsos“. Man könnte also eine Wellenlinie zeichnen und zwischen den Kurven eine Gerade durchziehen. Flach! Im Gesamten vielleicht schon. Wie gesagt, ich steige langsam hoch. Am Strassenrand liegen immer grössere Schneeklumpen, dann fahre ich langsam in eine weisse Winterlandschaft. Hier hatte es vor zwei Tagen viel geschneit.

Die Nebelsuppe wird wieder dichter. Interessanterweise machen die Fahrzeuge gerade im Nebel riesige Bogen um mich. Bis auf eins. Die Carabineros. Ich werde rausgewunken. Ob ich nicht was reflektierendes hätte, man würde mich nicht sehen. Ich verspreche, in Punta Arenas eine Leuchtweste zu kaufen. Und ein neues Rücklicht, das ist nämlich kaputt, wie ich in Puerto Natales feststellen durfte. Im Nebel pedale ich weiter am Schnee vorbei. Das wäre idealer Schneemann-Schnee… Hmmmm, ein ander Mal. Gegen Mittag erreiche ich Villa Tehuelches. In einem warmen Café lässt man mich zu Mittag essen. Doch trotz Heizung wird mir immer kälter. Hm? Weil alles nass ist. Schnell Kleider wechseln und ab auf die Heizung. Nach dem Essen gibt’s noch einen guten kolumbianischen Bohnenkaffee, dann muss ich wieder raus. Der Nebel ist noch dichter geworden, es geht rauf, runter, rauf. Die Zeit schreitet voran. Bei km 75 hat’s eine Estancia und da steht sogar ein Mann! Ich fahre weiter. Manchmal weiss ich nicht, welch Teufel mich reitet… Hügel um Hügel fahre ich durch den Nebel. In 20 bis 30 km hat’s eine Tankstelle. Oh Mann, das schaffe ich nie in 45 min. Immerhin lässt der Nebel nach. Ich fahre so schnell wie ich kann, komme richtig ins Schwitzen. Und dann: Tataaaaaa! In 1 km Bencina! Vieeeeel früher als erwartet erreiche ich Gobernador Philipi! Was für eine Erleichterung. Manchmal ist es nicht so schlecht, wenn sich Strassenschilder und Karte gemeinsam in der Kilometerangabe irren. Bei der Tankstelle ist man sehr nett und last mich in einem Container übernachten. Glück gehabt!

07.06.2015. Die Nacht ist ziemlich kalt, der Wind frischt gewaltig auf und bläst die Wolken weg. Es ist klar und kalt. Das Wasser vor meinem Container ist nicht gefroren, doch sobald ich auf die Strasse fahre, lande ich auf einer spiegelglatten Eisfläche. Vorsichtig fahre ich über das Eis. Zum Glück hat es wie meist wenig Verkehr. Der Wind bläst von der Seite, und zwar merklich. Konzentriert fahre ich dahin. Doch wie das so ist, plötzlich schweifen die Gedanken eine Sekunde ab… Paff! Ich liege am Boden! Autsch! Voll ausgerutscht. Mein rechtes Knie ist irgendwie etwas verdreht und eingeklemmt, der linke Oberschenkel hat einen ziemlichen Schlag abbekommen. Ich versuche aufzustehen. Uhhhh! Das tut weh! Ich kann kaum auftreten. Irgendwie hebe ich das Rad hoch und bringe es an den Strassenrand. Tief durchatmen. Bis 10 zählen. Und noch ein bisschen weiter atmen. Zähne zusammenbeissen, weiterfahren. Aber nun fahre ich auf dem Kies am Strassenrand. Auf Kies greifen die Räder besser, wenn ich auch nur langsam vorankomme. Ich hätte mir von Schwalbe besser Spike-Reifen schicken lassen… Aber wer dachte damals schon daran. Nach einer Stunde beginnt das Eis auf der Strasse zu tauen. So fährt es sich besser. Nun macht mir nur noch der Wind etwas zu schaffen, bläst mich immer wieder in die Strassenmitte. Langsam fahre ich ans Meer, in der Ferne sehe ich Punta Arenas. Doch es fehlen noch 15 km. Lange 15 km. Hügel, Wind und viel Verkehr auf der zweispurigen Einfahrtstrasse machen das Ankommen etwas ungemütlich. So viel Verkehr hatte ich schon lange nicht mehr. Dann erreiche ich die Stadt. Lange fahre ich rein, dann… hoch. Steil hoch. Couchsurfer Claudio wohnt weeeeit oben. Aber dann gibt’s ein herzliches Willkommen und eine warme Stube. Schön!

08. – 11.06.2015. Vom Berg aus geht’s runter ins Centro auf Einkaufstour. Leuchtweste. Jaaaa, kann nicht schaden, Carabineros hin per her. Neue kleine Lichter. Warme Socken. In der Nacht in Philipi schmerzten mir plötzlich drei linke Zehen. Die ich auch jetzt noch nicht spüre. Wohl schon erste, leichte Erfrierungen. Wie erwähnt waren Hände und vor allem Füsse meist eiskalt. Und die Füsse bewegen sich auf dem Rad eben nicht. Ich hatte immer extra dicke Socken übergezogen, die Sealskinz, doch wahrscheinlich war es mit denen zu eng im Schuh. Auch kontraproduktiv. Nicht so einfach, das Thema.
Mein Knie ist mit einer Schwellung und einer guten Beule davongekommen, der Oberschenkel hat in etwa dieselbe Farbe. Das wird wieder, aber ein paar Tage können nicht schaden.

Ein anderes Thema beschäftigt mich ebenfalls. Die Spikereifen. Doch solche gibt’s hier nicht. Wäre auch etwas blöd, für die paar fehlenden Kilometer noch welche zu kaufen. Doch Claudio von der Bicicleteria „Bike Service“ rät mir, im Autogeschäft eine Dose Sprühkette zu kaufen. Das tue ich. Mal sehen, wie das geht.

Das Haus von Claudio verlasse ich nach zwei Nächten. Zum Glück muss er auf Reise, denn auch sonst wäre ich gegangen. Ich mag es nicht, wenn ich als Gast im verrauchten Wohnzimmer schlafen muss. So ziehe ich ins bei Ciclistas berühmte Hostal Independencia. Von dort aus ist auch die Stadt besser erreichbar. Und von dieser warmen Stube aus sehe ich den fallenden Schneeflocken zu. Es wird wirklich Winter. Und saukalt. Beim Spaziergang dem Meer entlang muss ich aufpassen, damit ich nicht ausrutsche. Dieses Meer. Dieses Wasser, die Magellan-Strasse, trennt mich noch vom letzten Abschnitt. Tierra del Fuego. Feuerland. Vamos!

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