Cavalcante – Lençóis, unter Grund in der faszinierenden Terra Ronca

01. – 17.11.2015. 1’099 km. 9’134 Höhenmeter. Nach der Chapada dos Veadeiros darf ich in ein weiteres Naturparadies abtauchen. Es geht unter Grund in die absolut faszinierende Höhlenwelt der Terra Ronca. Danach ist für eine Weile Schluss mit lustig, es folgen lange Tage auf der BR 242 mit viel Verkehr, Wind und Hitze. Dazu gesellt sich der absolut unnötige Besuch in Brasilia betreffend der Visumsverlängerung… aber zum Schluss erreiche ich die Chapada Diamantina, seit langer Zeit mein nördliches Ziel in Brasilen! 

Route: Cavalcante – Teresina de Goiás – Monte Alegre de Goiás – São Domingos – Terra Ronca – São Domingos – Roda Velha – Luis Eduardo Magalhães – Barreiras – (Brasilia) – Cristópolis– Javi – Ibotirama – Beira Rio – Seabra – Lençóis

02.11.2015. Nach einen guten Frühstück mit selbst gemachtem Brot verabschiede ich mich von Beatriz und Fernando. In den letzen Tagen hatte es in Cavalcante immer mal wieder geregnet. Heute ist der Himmel grau, aber es ist trocken. Bald fahre ich durch dichten, feuchten Nebel die bekannten Hügel wieder zurück nach Teresina. Kaum bin ich aus dem Dorf raus, beginnt es zu regnen. Heftig. Ich kann mich gerade noch in eine Baustelle retten. Nach 10 Minuten ist der Spuk vorbei. Hügelig geht’s weiter durch die Berge, ich komme gut voran. Bald erwischt mich eine nächste Gewitterzelle, die hier sehr lokal sind. Ich kann mich bei einem Haus unterstellen, esse eine Banane und einen Apfel. Da ist dann auch alles, bis ich sehr erschöpft und hungrig nach 107 km gegen 15 Uhr Monte Alegre erreiche. Bei einem Restaurant gibt es nichts mehr zu essen. Ich fahre zur Plaza, der Padre öffnet die Tür nicht, zudem ist Feiertag. Ich fahre etwas rum, dann zur Tankstelle am Dorfausgang. Im dortigen Lanchote gibt’s noch essen! Perfekt! Und mein Zelt kann ich da auch aufstellen. Tiptop! Hat mir der Typ gerade über die Hand gestrichen, als er mir den Teller gab? Und danach nochmals, als er mir ein Glas reichte? Definitiv! Ich könne mich am Buffet bedienen und falls ich Bedarf nach Sex hätte, würde er auch zur Verfügung stehen! Wie bitte…? Muss ich doch was anderes zum Schlafen suchen? Er sieht nicht gerade wie ein Triebtäter aus. Ich frage ihn direkt, obe er mich in Frieden lassen würde, wenn ich hier schlafe. Nun erklärt er mir, dass er nicht hier übernachte, er würde zu Hause bei Frau und Familie schlafen. Dann kommt die Bibel auf den Tisch und er würdigt mich keines Blickes mehr. So ein Arsch! Die Tankstelle ist 24 h besetzt, ich bleibe hier. Der Typ will dann später noch eine Umarmung und einen Kuss, die kann er sich sonst wohin stecken…!

03.11.2015.  Bei der Tankstelle gibt’s Kaffee und kurz nach 7 Uhr mache ich mich bei strahlend blauem Himmel auf den Weg. Es ist jetzt schon heiss. 10 km fahre ich auf Asphalt, dann biege ich auf eine Schotterstrasse ein. Nach weiteren 9 km eine weitere Abzweigung nach links. Bald beginnt eine Baustelle. Hier wird eine Monsterautobahn in die Landschaft gehauen. Ab jetzt fahre ich mal hier, mal da, mal dort, mal keine Ahnung wo. Die verbleibende Strasse ist obermies, viel Waschbrett, Sand und Staub. Die Fahrer blochen mit dem üblichen brasilianischen Respekt an mir vorbei, lassen mich jeweils in einer dichten Staubwolke verschwinden. Auch das klägliche Mittagessen von Brot mit einer Tomate wird tüchtig mit Staub garniert. Hitze, Hügel und viel Gegenwind machen das Ganze nicht einfacher. So geht das bis Divinópolis, dort folgt wieder Asphalt und noch ein paar tüchtige Hügel bis São Domingos. Dort angekommen mache ich mich auf die Suche nach meinem Kontakt Zezão. Bald befinde ich mich bei Kaffee, Käse und Crackern im Hause seiner Schwester wieder, dann darf ich mir den Staub vom Körper waschen!

Gut eingestaubt in São Domingos

Gut eingestaubt in São Domingos

Nach einem Mandioka-Crepe-Früshstück geht’s los. Ich kaufe eine paar Sachen und für den Notfall decke ich mich mit einer neuen Sonnencreme ein. Die darf nie ausgehen… Es geht für 4 Tage in die Terra Ronca. Ein Sackgasse, 54 km lang. Aber bis auf eine Steigung soll der Weg flach sein. Auf hügeligem Schotter werde ich weiter gut eingestaubt, nach 8 km folgt der Pilger- und Pferde-Abzweig. Klar, den nehme ich. Die ersten Kilometer sind extrem sandig, dann wird die Piste besser und sie ist fast verkehrsfrei. Steil geht’s runter, steil wieder rauf, immer wider. Von wegen flach. Dann folgt eine lange Abfahrt zu einem Fluss. Den gibt’s zu überqueren. Ziemlich tief, die Rohloff steht komplett unter Wasser. Nun, jetzt heisst es so schnell wie möglich Öl wechseln, sonst gibt’s Haue von der Frau Rohloff.

Danach folgt die besagt saftige Steigung, ich stosse das Rad lange den steilen Hügel hoch. Puh! Ich hoffe, diese Anstrengung lohnt sich! Die Abkürzung ist bald zu Ende und ich fahre wieder auf der Hauptstrasse. Nun mit weniger Verkehr, aber die Strasse ist in furchtbarem Zustand. Waschbrett, tiefer Sand und weitere, viele Steigungen. Der Weg in die Terra Ronda hat’s in sich. und ist absolut nicht flach! In São João gibt’s eine Cola, dann fehlen noch 12 km. Die ziehen sich dahin, doch dann bin ich da, im Herzen der Terra Ronca. Ich fahre an dem gigantischen Eingang zur Terra Ronca I vorbei, weiter zum Camping von Ramiro. Der ist noch nicht da, ich warte. Dabei treffen kurze Zeit später zwei Motorradfahrer, Rosalvo und Bruno, und ein Paar aus Goiânia ein. Sofort ist klar, dass wir ab sofort eine Gruppe sind, die in den folgenden zwei Tagen zusammen zwei Höhlen besuchen wird. Perfekt! Und es eröffnen sich auch noch andere Wege. Dank des Autos von João und Jaqueliny endet mein Tag im Sonnenuntergang-Bad bei einem Wasserfall… dann darf ich mein Zelt auf dem Camping von Ramiro aufstellen. Mein gemütliches Heim für die nächsten drei Nächte. Danke Ramiro!

05./06.11.2015. In der Serra Geral, die die Staaten Goiás und Bahia trennt, befindet sich der 1989 gegründete Parque Estadual Terra Ronca (Peter). Diese spektakuläre Landschaft wurde vor ca. sechshundert Millionen Jahren geschaffen und ist eine der grössten Ansammlungen von Dolomitkalksteinhöhlen und Grotten Lateinamerikas. Es gibt etwa 200 trockene Höhlen, und ca. 60 nasse, von Flüssen durchzogene Höhlen. Davon sind nur fünf der Öffentlichkeit zugänglich. Terra Ronca, das schnarchende Land, erhielt seinen seltsamen Namen von den gurgelnden Geräuschen, die die unterirdischen Flüsse an der Oberfläche erzeugen können.

Am ersten Tag machen wir uns in Begleitung von Ramiros Nichte Maria und Hund Liru auf den Weg in die Höhle Terra Ronca I. Eingang in die faszinierende Unterwelt ist der der beeindruckende Höhlenmund, 96 m hoch und 120 Meter breit. Hier können wir einfach in die Höhle reinlaufen. Dort werden beim Fluss die Karbidlampen in Betrieb genommen.

Dieser seltsame Geruch wird mich die nächsten zwei Tage begleiten. Nachdem alle Lampen angezündet sind – wie einfach doch Funken überspringen können – geht’s langsam im warmen Schein der Helmlampen in die Dunkelheit. Das erste Mal durchqueren wir den Rio da Lapa, viele weitere Durchquerungen werden folgen. Der Pfad führt über viele Steine, es gibt richtige Klettereinlagen zu bewältigen. Ein Erdrutsch teilte die riesige Höhle vor langer Zeit in zwei Teile, als auf weiten Teilen die Decke einbrach. Wir treten somit wieder ans Tageslicht, um nach einem erfrischenden Bad und weigern Klettereinlagen ins faszinierende Dunkel der Terra Rocca II einzutauchen.

Dieser erste Einblick in die absolut genial Unterwelt der Terra Ronca ist extrem beeindruckend! wir haben einen ganzen Tag in den Höhlen verbracht, die Wege und Klettereinlagen sind nicht immer einfach und nicht zu unterschätzen. Aber auf jeden Fall kann ich sagen: Ich will mehr!

Am nächsten Tag steht die Höhle São Bernardo auf dem Programm, Ramiro selbst ist unser Guide. Nach 10 km Autofahrt geht es bald steil runter zum Höhleneingang, wo gleich der Rio São Bernardo ein erste Mal durchquert wird. Im warmen Schein der Karbidlampen dringen wir weiter in die faszinierende Unterwelt der Stalagmiten und Stalaktiten ein. Tropfen für Tropfen geformt, über Millionen von Jahre. Ich muss gestehen, ich habe noch nie etwas so schönes unter der Erde gesehen. All die Farben, Formen, Muster, Strukturen. Ich bin tief beeindruckt von der Schönheit der Natur hier unten!

Mehrere Male löschen wir die Lichter aus und lauschen der absoluten Dunkelheit. Hier absolut kein „Sound of Silence“, sondern Dunkelheit mit Grollen und Rauschen des Flusses. Ja, ich höre ihn schnarchen! Und fühle mich absolut klein und unbedeutend in dieser ungewohnten dunklen Welt. Was für ein Gefühl! Auch hier werden wir durch ein Paradies von Formen und Farben, in Klein und Gross, geführt. Der Weg durch São Bernardo ist etwas einfacher zu bewältigen als die Terra Roncas, aber auch hier stehen diverse Flussdurchquerungen und Klettereinlagen auf dem Programm. Der Ausstieg aus der Höhle São Bernardo folgt über den gleich steilen Pfad wie der Einstieg. Je höher ich stiege, desto mehr spüre ich die Hitze. Wie angenehm war doch das Klima in der Höhle. Das merke ich erst jetzt.

Die Terra Ronca bietet einen absolut fesselnden und faszinierenden Einblick in die wunderschönen Eingeweide der Erde, die riesigen Hallen mit den atemberaubenden Kalksteinformationen lassen einem sprachlos, in der verrückten Kühnheit der Natur befindet man sich plötzlich auf der Reise in eine andere Welt, zum Mittelpunkt der Erde. Diese absolut charmante Unterwelt hypnotisiert und ich kann einen Besuch der Höhlen nur allerwärmstens empfehlen!

07.11.2015. Nach zwei wunderbaren Tagen in der Terra Ronca folgt der gleiche Weg wieder zurück nach São Domingos. Wie schon die Hinfahrt hat es auch die Rückfahrt in sich und erst gegen Mitte Nachmittag erreiche ich wieder das Haus von Zezão. Aber die Anstrengung hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die Terra Ronca ist ein absolut empfehlenswertes Naturparadies!

08.11.2015. Es ist Sonntag, da stehen alle etwas später auf. Ich auch, ich möchte ja mit meinem Rumgenusche niemanden stören. Gemütlich frühstücken, die heutigen 100 km sollen gemäss Profil gut zu bewältigen sein. Dies kann nur einer versauen. Der Wind. Ich fahre die 5 km wieder zurück zur Hauptrastrasse, dort erwischt er mich voll von vorne. Auf flachen Abschnitten krieche ich mit 8–9 km/h voran. Hügelig führt die Strasse der wunderschönen Serra Ceralde de Goiás entlang. Es folgt eine brutale Steigung hoch auf ein Plateau.

Plötzlich hat es überall riesige, fliegende Heuschrecken. Mit dem Wind wird die Flugkoordination oft etwas gestört, ein Riesending landet mitten in meinem Gesicht! Autsch! Zwei weitere knallen an den Arm und wollen dann per Anhalter mitfahren. Die Beine sind mit vielen Widerhaken versehen und sie lassen sich kaum abschütteln. Dann kommen die Fliegen dazu. Dutzende. Keine Ahnung, woher die plötzlich kommen, aber sie kriechen in Augen, Ohren, Nase, Mund…. ehhhhh! Lästig! Nicht einmal der starke Wind kann sie abschütteln! Nach 40 km biege ich auf die BR 020 ein. Stillschweigend habe ich die Grenze nach Bahia überquert. Ab jetzt ist das ruhige Leben vorbei, wieder viel Verkehr, Trucks, Trucks, Trucks und natürlich habe ich nun Seitenwind. Die Fliegen verfolgen mich weiterhin. Der Seitenstreifen ist eher schlecht als recht. Nach ein paar Hügeln wird es flach und monoton. Ich fahre wieder durch trostloses Monokulturland wo kein Hälmchen den Wind aufhalten kann. Gnadenlos pustet er mich an, anstrengend. Nach 50 km soll ein Posto folgen. Soll. Nach 60 km nix, dann die Tafel. Posto in 10 km! Ayyy, mir geht das Wasser aus und ich komme nur langsam voran. Das sind lange 10 km, aber gegen 15 Uhr erreiche ich den Posto. Nun, hier 14 Uhr, Bahia hat keine Sommerzeit. Es gibt noch Essen, aber irgendwie habe ich keinen Hunger mehr. Danach fehlen noch 30 windige und fliegengeplagte Kilometer nach Roda Velha. Ich lande bei Schwester Maria. Sie ist sehr nett und gesprächig, Abe rich muss auf die Chef-Schwester warten. Der ist es dann lieber, mich in einem Hotel unterzubringen. Inklusive Nachtessen und Frühstück! Auch nicht schlecht. Vielen Dank Raquel!

09.11.2015. Beim Frühstück hydriere ich mich schon mal gut mit drei Gläsern frischem Guavensaft. Dann geht’s auf in einen weiteren Hitzetag. Flach, ab und zu ein paar Hügel, totes Monokulturland, Wind, schlechter Seitenstreifen, viel Verkehr. Und die Fliegen. Die sind auch heute da. Nach 50 km erreiche ich Pasteles e Caña. Das muss jetzt sein. Ein Pastel und Zuckerrohrsaft. Gute Energie. Zudem verfügt die winzige Bar über extrem gutes Wi-fi. Interessant, zumal sie nicht mal ein Klo hat… Nach weiteren 27 km erreiche ich Luis Eduardo Magalhães. Ich nehme die direkte Durchfahrt nach Barreiras. Hier macht die Strasse eine 90 Grad Drehung und ab jetzt fahre ich auf der BR 242 in Richtung Osten. Sprich mit Gegenwind. Der Seitenstreifen bleibt auch hier saumies, ich fahre ab und zu auf der Strasse, immer sprungbereit. Auch das ist anstrengend. Nach 100 Tageskilometern erreiche ich den Poste Cerradão. Danach soll’s nichts mehr geben. Die Tankstelle ist riesig, nicht gerade einladend. Aber gerne kann ich mein Zelt aufstellen. Ich habe noch Zeit, fahre etwas rum. Hinter der Tankstelle hat es ein Minidorf inklusive Schule. Und die Direktorin ist sofort bereit, mir ein Schulzimmer zu geben. Viel besser! Vielen Dank! Ich übernachteimmer gerne in Schulen, die könne so herrlich inspirierend sein!

Genau! Lesen ist fliegen auf unendlichen Wegen. Lesen und Reisen mit dem Rad!

Genau! Lesen ist fliegen auf unendlichen Wegen. Lesen und Reisen mit dem Rad!

10. – 12.11.2015. Frühzeitig breche ich auf, vom Schulpersonal ist noch niemand da. Bei der Tankstelle gibt’s Kaffee und Kuchen, dann gibt’s wieder Wind, Hitze und den schlechten Seitenstreifen. Ich fahre weiter durch das Monokulturland. Schon eine triste Sache. Aber das ändert sich zum Glück bald, die Gegend wird bergiger, der Cerrado ist zurück. Es geht kurvig runter, dann bin ich bei einem grossen Fluss. Hier finde ich die PRF, die Policia Rodoviaria Federal. Schon öfters habe ich von einem gefährlichen Strassenabschnitt vor der Chapada Diamantina gehört. Da sollen Trucks überfallen werden. Wer weiss da besser Bescheid, als die PRF? Der junge Polizist Canario ist sehr zuvorkommend und versichert mir, das ich da ohne Probleme durchfahren kann. Irgendwie kommen wir auf das Visum zu sprechen. Nach dem gescheiterten Versuch, mein Visum in Goiânia zu verlängern, ist es nun an der Zeit. In einer Woche läuft es aus. Meine Idee, von hier nach Brasilia zu fahren, um das zu erledigen. Aber Canario telefoniert hier schon rum, wir fahren zur Policia Federal in Barreiras. Dort gibt’s keine Verlängerung, aber der Herr ruft in Brasilia an. Es wird immer von einer Schweizerin gesprochen… Ich muss nach Brasilia. Mein Rad kann ich bei der PRF lassen. Danke! Irgendwie geht alles ganz schnell, aber bis zur Abfahrt des Busses habe ich noch etwas Zeit. Derweil erfahre ich von einem anderen Ciclista, dass es für Europäer nur noch 3 Monate gibt in Brasilien, Schengen sei dank. Ausser für Portugiesen und Engländer. Ich recherchieer etwas nach, finde nichts. Ein Polizist ruft extra in Brasilia an, spricht mit einer Roberta, die versichert, dass es für Schweizer möglich sei. Ich war schon nahe daran, einfach weiter zu fahren und allenfalls die Strafgebühr fürs Überziehen zu bezahlen…

Eine unbequeme Nachtbusfahrt später komme ich in Brasilia an. Dort streiken gerade die Metrofahrer, ich muss ein Taxi an den Flughafen nehmen. Dort zur Policia Federal und nochmals 1 Stunde warten, denn die Ausländer werden erst ab 10 Uhr empfangen. Dann ist es soweit, ich bin an der Reihe. Der Herr nimmt meinen Pass in die Hand, schüttelt den Kopf. Nein, für Schweizer gibt es keine Verlängerung! Ähhh… kann ich mit Roberta sprechen. Vielleicht will sie mir die Busfahrt zahlen. Aber Roberta hat Glück und ist nicht da. Ich hätte ihr wahrscheinlich den Kopf abgerissen! Ich diskutiere noch eine Weile mit dem Typen, dann schmeisst er mich sozusagen raus. Was für eine Geld- und Zeitverschwendung! Und was für eine riesige Kette von unfähigen Personen bei der Policia Federal. Unglaublich! Nun, mich selbst reihe ich am Schluss auch noch an. Hätte ja besser recherchieren können…. Nicht aufregen! Per Taxi wieder zur Busstation. Der erste Bus fährt erst um 17 Uhr. Ich überlege, ob ich mir das Zentrum ansehen soll, aber mit den ganzen Streiks lasse ich es sein. Ich hänge stundenlang im Busterminal rum, dann geht’s unbequem wieder 10 Stunden zurück nach Barreiras, wo ich gegen 2 Uhr nachts wieder bei der PRF eintreffe. Netterweise darf ich dort in einem Zimmer übernachten.

Und jetzt brauche ich einen Tag Pause. Das ganze war ziemlich anstrengend und nervraubend, zudem bin ich todmüde. Die Polizisten empfehlen mir ein Hotel. Doch weit komme ich nicht. Ein Platten. Ich pumpe nach, hoffe bis zum Hotel zu kommen. Ich nehme eine falsche Abzweigung und frage nach dem Weg. Bei einer Bicicleteria. Die Herren sind sehr hilfsbereit und reparieren gleich noch meinen Platten. Danke! Dann noch zum Hotel. Der erste Luxus in Brasilien, den ich mir leiste. Ein Zimmer mit Klimaanlage. Bei der Hitze eine Wohltat! Und jetzt heisst es ausruhen! Und diesen Misserfolg verdauen!

13.11.2015. Nach einem leckern Frühstück geht’s wieder in die Hitze raus. Nach Barreiras folgt bald eine längere Steigung, dann wird’s hügelig. Der Wind bläst weiterhin aus Osten, heute aber etwas gnädiger. Gegen 14 Uhr erreiche ich Cristopolis. Ich frage bei der Tankstelle nach den nächsten Postos. Nach 14 und nach 40–50 km würden zwei weitere folgen. Klingt gut. Meist flach geht es weiter, durch Monokulturland, der Seitensteifen gehabt mies und voller kaputter Truckreifen. Ein wahrer Reifenfriedhof. Ich halte den hinteren Reifen gut im Auge. Hmm…. verliert der Luft? Ja!! Nicht schon wieder! Ist der Patch von gestern schlecht? Ich pumpe, hoffe den nächsten Posto zu erreichen. Es geht und nach 110 km bin ich da, bei Java II. Klar kann ich zelten. Man bietet mir gleich auch noch ein Räumchen an. Inklusive Klo und Dusche. Sehr nett, vielen Dank! Aber zuerst muss ich den Platten reparieren. Heute kooperiert sogar die hintere Felge. Danke! Der Patch von gestern ist es nicht, aber natürlich wieder ein Drähtchen. Wenn das so weitergeht… Zwei Trucker schauen mir interessiert zu, laden mich sogar zum essen ein. So sind sie ja ganz nett, aber sobald sie wieder in ihrer Metallbox sitzen, konvertieren sie zu Monstern. Es ist schon dunkel, als ich mich im Schein der Stirnlampe endlich duschen kann. Die Elektrodusche ist auf „off“ gestellt, heisses Wasser braucht hier niemand. Ich stelle mich darunter… bzzzzzzzz! Strom fliesst, über meinem Kopf blitze es! Shiiiit! Die Dusche hat mich fast geröstet! What the F…! Ich dusche mit dem kleinen Schlauch neben dem Klo fertig. Sicherer. Und dann stelle ich doch noch mein Zeit draussen auf, in dem Raum ist es viel zu heiss und die Moskitos schwirren jetzt schon rum. Aber die Geste war sehr nett, vielen Dank!

14.11.2015. Der Frühstückskuchen ist so trocken, dass ich einen zweiten Kaffee bestellen muss. Dann geht’s wieder in die Hitze, heute mit einem starken Nordwind. Wie sich bald zeigt, hat es der in sich. Jeder entgegenkommende Truck verleiht mir einen heftigen Schlag, die überholenden reissen mir fast die Klamotten vom Leib. Ich werde richtiggehend geschlagen und zerrissen! Bald folgt eine längere Abfahrt und da unten ist es deutlich um einige Grade wärmer. Der Seitenstreifen ist gehabt mies. Ich fahre oft auf der Strasse und springe bei jeden Truck in den drätchenverseuchten Graben. Nicht verwunderlich, das der hintere Reifen schon bald wieder Luft verliert! Neeeeein! Ich pumpe und hoffe. Nach einer flachen Strecke folgt ein längerer Aufstieg. Es ist heiss, trocken und Schatten gibt es hier nirgends, ich hoffe, der Reifen hält. Das Salz klebt mir im Gesicht, schmerzt in den Augen. Es folgt eine Abfahrt und dann noch eine seitenstreifenloser Horror bis nach Ibotirama. Wo soll ich den bitte hin, wenn es wirklich keinen Platz hat? Das verstehen einige Vollidioten immer noch nicht!

Total erschöpft erreiche ich nach 107 km Ibotirama. Bombeiros hat es keine, in den Strassen laute Musik. Ich frage nach dem Wochentag. Samstag, die Musik würde bis 5 Uhr morgens dauern. Ihhhh! Ich suche mir ein ruhiges Plätzen, dass ich im Hotel Velho Chico finde. Nun, wenn man einmal ein Hotel bezahlt hat, senkt sich die Schmerzgrenze… aber heute ist die Gold wert. Und erstaunlicherweise überhaupt nicht teuer! Im klimatisierten Zimmer repariere ich den Reifen, fange mir eine Erkältung ein, dann gibt’ es zum Tagesabschluss doch noch einen Lichtblick. Ein Sonnenuntergang am Rio São Francisco. Schön!

15.11.2015. Bei bedecktem Himmel geht’s weiter, nun ist zum Glück auch wieder ein Seitenstreifen vorhanden. Mies wie immer, aber besser als keiner! Es geht lange sanft hoch, dann wird es flacher. Nach 70 km erreiche ich Beira Rio. Dort esse ich zu Mittag und frage nach den weiteren Postos. Nach 20 und 40 km gibt es zwei weitere. Danach beginnt die Steigung in die Berge. Aber jetzt fahre ich langsam in die Wüste. Kakteen, Dornen und Ziegen wechseln das Landschaftsbild des Cerrados aus. Immer wieder pinke Tupfer. Die Wüste erwacht zum Leben! Schön!

Vor dem ersten Posto fallen sogar ein paar Tropfen. Ich halte kurz, fahre weiter. Vor dem zweiten Posto wieder Regen, diesmal etwas stärker. Ich werde nass. Beim zweiten Posto frage ich nach einer Zeltmöglichkeit.  Auch hier bemüht man sich sehr darum, einen guten Platz für mich zu finden. Dabei treffe ich auf einen Trucker. Der gibt mir genaue Anweisungen, wie ich die Steigung zu fahren habe, denn die Trucker würden nicht für mich bremsen. Arschloch! Das weiss ich schon lange! Ein anderer Herr schüttelt mir die Hand. Was, du schon hier? Er hätte mich am morgen in Ibotirama gesehen… Ich werde zu einem überdachten Platz geführt. Perfekt! Ich bekomme mein Zelt aber nicht aufgestellt, als der Posto-Chef wieder auf mich zukommt. Haben sie noch ein Cuartito gefunden? Nein! Viel besser. Der andere Herr ist der Besitzer des Hotels Velho Chico, wo ich die letze Nacht verbrachte. Und heute lädt er mich hier ins Hotel ein. Wow! Danke! Was für ein Luxus! Und noch eine Klimaanlage, die meine Erkältung nicht besser werden lässt…

16.11.2015. Gestern erfuhr ich auch noch, dass die Chapada Diamantina brennt! 30% des Nationalparkes sollen schon zerstört sein. Das eine sehr traurige Nachricht. War die Chapada Diamantina nach Iguazu doch mein eigentliches Ziel. Und nun zerstört menschliche Dummheit noch mehr von der wunderbaren Landschaft, denn die Feuer sind nicht natürlicher Natur! Nun, ich mache mich an die Steigung, die mich langsam in die Berge führt. Nach weiteren drei Kilometern beginnt sie, der Seitenstreifen wird zur dritten Piste. Die Trucks ziehen an mir vorbei, einer nach dem anderen. Dann, paff! Mein linker Fuss blockiert total, ich falle fast vor einen Truck. Zum Glück steigen die langsam… Dieses Scheisspedal! In São Jorge gewechselt, und nach nur zwei Wochen totaler Schrott. Auch dies totale Geldverschwendung! Das Zeugs ist einfach nicht für Staub- und Wasserabenteuer gemacht… Das Pedal blockierte schon längere Zeit, aber heute hätte es mich fast umgebracht. Scheissding! Ich kämpfe mich weiter den kurvigen Berg hoch, immer wieder muss ich das Pedal lösen. Die Strasse wird flacher, steigt wieder an. Gegen 11.30 Uhr erreiche ich Lagos do Dioniso. Ich habe Hunger, esse hier schon zu Mittag. Ein sehr guter Entscheid, denn danach gibt’s nichts mehr. Obwohl mir die Dame versicherte, es hätte bis Seabra ganz viele Postos. Falsche Person gefragt, dies immer bei Tankstellen tun. Die Jungs wissen Bescheid. Es folgen Abfahrt und Steigungen, nach 40 km habe ich schon mehr als 1’000 Höhenmeter geschafft. Für brasilianische Verhältnisse ist das sehr bergig. Die Pedale macht mir immer mehr zu schaffen, immer wieder blockiert sie total. Die Zeit läuft, ich komme langsam voran. Steigung um Steigung erklimme ich. 16.30 Uhr. 17 Uhr. Nun blockiert das Pedal die ganze Zeit, mal kann ich einen Kilometer fahren, mal 20 Meter. Mehrmals falle ich fast um. Und dies ausgerechnet in dieser besagten Zone, die als unsicher gilt… Ich fluche und schreie, nützt nichts. Und dann, dann… in der Ferne… eine „Shell“. Noch nie in meinem Leben war ich so glücklich, eine Tankstelle zu sehen. Man lässt mich auch sofort in der Mechanik zelten. Morgen ist ein neuer Tag…

17.11.2015. Und der neue Tag beginnt mit einer Steigung. Nun heisst es schieben, denn mit dem Pedal geht absolut nichts mehr. Zum Glück folgt danach die Abfahrt nach Seabra, wo ich die lokale Bicicleteria suche. Dort gibt’s natürlich auf nichts Gescheites, aber in einer Kiste findet sich ein gebrauchtes, nicht ganz ganzes, linkes Pedal, das seine Dienste an meinem Rad tun wird. Zumindest für eine Weile. Ich komme wieder vorwärts, wie schön! Auch heute gibt es ein paar lange Steigungen zu bewältigen und langsam fahre ich in die Chapada Diamantina. Schöne Berge, aber überall steigen Rauchwolken empor! Es brenn hier wirklich und an sehr vielen Orten! Bei einem Posto mache ich Mittagspause und treffe auf einen argentinischen Ciclista. Er war schon in Lençóis, so trennen sich die Wege bald wieder. Nun folgt eine längere Abfahrt, überall verbrannte Erde, verbrannte Pflanzen. Ein trauriger Anblick! Dann der Abzweig nach Lençóis. Nochmals 12 km geht’s mehrheitlich runter und dort gönne ich mir nach den ganzen Strapazen eine Posusada, zumal sich auch die Erkältung verschlimmert hat. Diese Klimaanlagen sind einfach nicht gut… Aber ich bin angekommen. In Lençóis, in der Chapada Diamantina, meinem nördlichen Ziel in Brasilien. Es war ein langer, schöner und anstrengender Weg hierher!

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