Lençóis – Diamantina; hart verdiente Diamanten

08. – 23.12.2015. 938 km. 11’626 Höhenmeter. Abenteuer in Sand, Stein und Fels, lange Tage auf der Schnellstrasse, unzählige Hügel und Höhenmeter, Hitze und ein ausgesetztes Kätzchen machen das Leben auf diesem ansonsten nicht sehr nennenswerten Abschnitt anstrengend, schweisstreibend und etwas traurig. So geht’s von der Chapada Diamantina nach Diamantina in Minas Gerais.

Route: Lençóis – Andaraí – Mucugê – Barra da Estiva – Ituaçu – Tanhuaçu – Sussuarana – Anagé – Vitória da Conquista – Cándido Sales – Divisa Alegre – Medina – Itaobim – Itinga – Araçuaí – Virgema da Lapa – Lelivéldia – José Conçalves da Minas – Acauã – Posto Seabra – Couto de Magalhães de Minas – Diamantina

08.12.2015. Drei Wochen in Lençóis und der Chapada Diamantina vergingen wie im Fluge. Schön war’s hier, aber es wird Zeit für die Weiterreise. Zum ersten Mal in Brasilien mit Kurs Süd! Um mir einen langen Umweg über die geliebte BR 242 und andere Asphaltstrassen von 100 km zu ersparen, entscheide ich mich für die 30 km lange Abkürzung. Eine Piste, die man problemlos mit einem Mountainbike befahren kann. Schon die Ausfahrt aus Lençóis ist ziemlich holprig. Bald fahre ich auf einem schmalen Weglein dahin, schön im Schatten der Bäume. Immer wieder versinke ich in tiefem Sand, dann wieder geht’s über riesige Felsplatten und grosse Steine. Bald folgt auch der erste der sieben Flüsse, die es zu durchqueren gibt. Ich wollte diesmal die Pedalen abschrauben, doch das Wasser ist nicht so tief. Also durch. So holpere ich durch die Gegend, immer wieder muss ich schieben. Der Ribeirão do Baixo hat kein Wasser mehr. Ein trister Anblick. Nun wird der Weg noch sandiger, immer wieder folgen kurze, aber extrem fiese Steigungen, die alles fordern. Felsen führen fast treppenartig steil hoch. Ist das Vorderrad mit aller Kraft hochgehievt, fehlt diese für das Hinterrad. Die Steine sind rutschig. Ein Riesenkraftakt nach dem anderen. Und mein Notfallpedal von Seabra ist aggressiv. Sehr aggressiv sogar. Meine Schienbeine sehen bald aus wie nach einer Bodenschlacht. Ein toller Weg. Mit einem Mountainbike sicher sehr unterhaltsam, aber mit einem bepackten Lastesel? Na, immerhin hat es viel Schatten. Und keine Trucks! Dann wieder eine Flussdurchquerung. Hier ist das Wasser tiefer, grosse Steine im Bachbett. Aber an einer Stelle sollte ich es schaffen, ohne dass die Pedalen das Weser berühren. Ich hieve das Rad in diese Richtung, doch plötzlich blockiert ein grosser Stein das Hinterrad. Mitten im Wasser kippt mir das Rad um. Jeeeehhh! Die Steine sind rutschig, mit viel Kraft bekomme ich es irgendwie wieder hoch. Was für eine tolle Strecke. Dann wieder ein Fluss, der Rio Roncador. Hier könnte man in der Hitze wunderbar baden und rutschen, aber die Lust ist mir vergangen. Nach dem Fluss folgt noch eine lange Sandbank, auf die ich fast nicht hochkomme. Zweimal lande ich kniend im Sand, das Rad auf mir drauf. Mit aller Not schaffe ich es irgendwie doch noch, dann noch lange Meter schieben durch den tiefen Sand. Puuuuh! Das waren die ersten 18 km knallhart. Nun wird der Weg etwas besser, ich muss kaum noch schieben. Und beim letzen Fluss, am Ende der Sandbank gibt’s sogar noch einen finalen Schub von zwei Mountainbikern. Danke! Noch eine letzte, fiese Steigung und bald erreiche ich die Asphaltstrasse.

Noch ein paar hügelige Kilometer und ich erreiche Andari. Hier gibt’s bei der Tankstelle erst mal eine Cola. Die muss jetzt einfach sein! Dann suche ich eine Bicicleteria. Das rechte Pedal der Schit-Pedalen von São Jorge beginnt mit den gleichen Kapriolen wie damals das Linke und fängt an zu blockieren. Um mir einen Tag wie damals zu ersparen, muss ich mir wohl eine neues Schrottpedal zutun. Ich kaufe ein Paar, das rechte montiere ich gleich. Wieso das Linke nicht auch gleich, das werde ich mich später noch des Öfteren fragen…

09.12.2015. Es erwartet mich ein weiterer, heisser Tag. Bald beginnen die ersten guten Steigungen. Immer weiter rauf geht’s, ich krieche von Baumschatten zu Baumschatten, doch der ist sehr spärlich gesät. Ich hatte gestern bei google maps das Profil der Strecke angeschaut (cycleroute.org funktioniert leider wegen übermässigem Gebrauch nicht mehr…), 1’000 Meter soll es heute hochgehen. Puh! Ich strample weiter. Hm, da ist doch was im Rückspiegel, das etwa so rumschlingert wie ich. Ein Ciclista! Beim nächsten Baum warte ich. Ja ja, ein Ciclista! Ein Pole. Wir unterhalten uns kurz, dann fahren wir weiter hoch. Nun, er fliegt so quasi davon… ist noch frisch, der Junge… Irgendwann sehe ich im Rückspiegel… noch einen Ciclista? Nein, das kann fast nicht sein. Nun, es ist wieder der Pole, er hatte in einem der Flüsse ein Bad genommen. Die Steigungen werden immer steiler und länger. Ein Kampf. 1’000 m und weiter hoch geht’s. Dann ist es geschafft! In der Ferne sehe ich Mucugê. Ich sause runter, doch nun eröffnet sich der Blick auf die finale Steigung. Ihhhhh! Ich treffe wieder auf den Polen, er hat einen Platten. Hilfe braucht er keine, so mache ich mich bald auf den Weiterweg. Ich habe Hunger und will nur noch da hoch. Diese letzte Steigung fordert nochmals alles und zum Schluss waren es 1’300 m! Hatte cycleroute die Tendenz, immer zuviel Höhenmeter anzuzeigen, untertreibt google maps wohl eher… Aber nun bin ich hier, in Mucugê. Ich suche nach einem Restaurant. Es ist teuer hier, aber heute ist mir das egal. Es ist noch früh, so suche ich mir eine ruhige Pousada im auf über 1’000 m gelegenen Mucugê. Und heute komme ich tatsächlich auf die Idee, das Notpedal von Seabra auch noch auszuwechseln. Wahnsinn! Aber… es löst sich nicht. Auch die Kraft eines Mannes hilft nicht, ebenso versagt WD40. Das Ding sitzt bombenfest. Nun, man sollte ja immer etwas zu tun haben…

10.12.2015. Nach einer schlaflosen Nacht wegen einer Armee von Mücken, die sich auch durch Repelente und Ventilator nicht abschrecken liessen, mache ich mich auf den Weiterweg. Auf der BA142 fahre ich auf eine Art Hochplateau. Nun, Plateau… Flach existiert in Brasilien sozusagen nicht. Es geht hügelig rauf und runter durch wüstenartige Gegend, die Chapada bleibt langsam im Hintergrund zurück. Einige Steigungen sind lang und steil, geschätzte 15%. Ich halte des Öfteren, um Wasser zu trinken und etwas zu verschnaufen. Ich halte wieder einmal mitten im Nichts. Höre ich da etwas? Miauen? Ich schaue auf den Boden und sehe etwa 1,5 m von meinem Fuss entfernt ein winziges Kätzchen. Klein, wohl nur ein paar Wochen alt. Ich nehme an, ausgesetzt. Ausgeworfen. Bald sitze es auf meinem Schuh, dann setzt es sich demonstrativ zwischen die Speichen des Vorderrades. Achhh…! Ich verstehe die Menschen manchmal einfach nicht. Wie kann man ein Lebewesen einfach so wegwerfen, mitten im Nichts? Wenn man es nicht will, dann soll man es töten, wenn möglich schnell und schmerzfrei. Nun, das ein Wunschdenken. Aber vor allem hier, wo die Leute brutal religiös sind und ohne Gott nichts funktioniert. Wie kann man da ein Lebewesen wegwerfen? Nun, dies andere Fragen… Ich kann das Kätzchen auf jeden Fall nicht hier lassen. Ich weiss, dass in ein paar Kilometern ein Posto folgt. Dahin werde ich es sicher mitnehmen. Obwohl es mir jetzt schon ans Herz wächst. Aber reisen mit Katze ist nicht einfach, mit Monika zusammen hatten wir mal für eine Woche eine Katze. Nicht einfach. Und bei dieser Hitze noch weniger… Ich packe das kleine Ding in die Lenkertasche, doch da will es natürlich nicht bleiben. Also wieder raus. Ruhig ist die Katze nur, wenn sie bei mir ist. Doch das ist schwierig, vor allem wenn es steil den Berg hochgeht. So halte ich sie mit einer Hand irgendwie beim Lenker fest, immer wieder halte ich und streichle sie. So erreiche ich nach einer Weile den Posto Cascavel I. Ich packe das Rad im Schatten eines Baumes. Und jetzt? Die Katze klettert mir auf die Schulter, schmiegt sich an mein Ohr. Ich höre und fühle das sanfte Schnurren des kleinen Dinges. Ochhhh….!!!! Wie gerne würde ich es mitnehmen. Doch das geht nicht.

Mit dem Kätzchen auf dem Arm laufe ich in den Posto. Nicht viel los, drei Leute stehen rum und sehen mich etwas verwundert an. Ich erkläre die Situation und frage, ob sie hier nicht ein Plätzchen für die Katze hätten. Die drei schauen sich an und dann kommt ein Nicken! Oh, was für ein Glück! Mir fällt ein Stein vom Herzen! Als mir der Mann die Katze aus der Hand nimmt, rinnen mir doch ein paar Tränen runter… traurig! Ich esse einen Kuchen und später höre ich miauen aus der Küche. Ich hoffe, es geht der Katze gut hier… nun, so gut wie eben in Brasilien möglich. Was hätte ich denn sonst tun sollen? Ich fahre weiter und fühle mich für den Rest des Tages schlecht…

11.12.2015. Die Ausfahrt aus Barra da Estiva beginnt gleich mit einer Steigung und in der Ferne sehe ich eine steile Strasse, die sich den Berg hochzieht. Meine Hoffnung, dass es vielleicht ja nicht meine ist, scheidet bald dahin. Brutal steil geht’s hoch, und zwar eine ganze Weile lang. Puhhhh….! Doch dann ist der höchste Punkt erreicht. Nun geht’s runter, und zwar gut. Die vorgestern gestiegenen Höhenmeter schwinden dahin und aus Kaffeepflanzen wird wieder Wüste. Dann folgen die normalen brasilianischen Hügel. Ich passiere Ituaçu und fahre prompt an einer Bicicleteria vorbei. Das ist Schicksal. Ich halte und mit einem Hammerschlag ist auch das Seabra-Pedal gelöst. Und die sollten so fest sitzen, das sei besser… Ich montiere das andere neue Pedal, nun fahre ich mit zwei gleichen und minim bequemeren. Mal sehen, wie lange diese halten… Ab jetzt ist die BA142 in hundemiesem Zustand.

Holpriger kann eine Asphaltstrasse kaum sein. Alles voller Flicken, Wellen und Schlaglöchern. Seitenstreifen gibt’s natürlich auch keinen und der Verkehr donnert wie üblich. Zudem habe ich heftigen Gegenwind. So ziehen sich die weiteren 25 km bis Tanhuaçu gut dahin. Dort gibt es eine gutes Mittagessen, danach fehlen noch 25 rumplige Kilometer bis Sussuarama. Der nächste Ort liegt 55 km entfernt, das spare ich mir für morgen…

12.12.2015. Eigentlich wollte ich heute früh aufstehen, denn der Weg nach Vitoria da Conquista ist lang. Doch irgendwie bin ich total müde, komme kaum raus aus den Federn. Ich mache Frühstück und gegen 8 Uhr mache ich mich auf den Weg. Es folgen unendliche Hügel durch die Wüste, die Sonne brennt. Einmal hält eine Ambulanz vor mir. Der Fahrer fragt, ob er mich mitnehmen soll, er hätte niemanden hinten drin… Ich überlege kurz. Ambulanz? Doch es ist noch früh, noch komme ich gut voran. Ich fahre weiter, Hügel um Hügel. In Anagé gibt es nach 56 km ein gutes Mittagessen, ein PF für 10 Reales. Gut gestärkt mache ich mich an die nun folgende, lange Steigung. „Inicio da Serra“ heisst es auf einer Tafel. Es geht in die Berge. Und zwar lange. Ich fahre lange den Berg hoch, aber die Steigung ist angenehm. Ein Motorradfahrer will mich ziehen, doch auch das lehne ich dankend ab. Dann bin ich oben, in den „Bergen“. Dort geht’s wie gehabt hügelig weiter. Diese Hügel kosten langsam, es wird immer später. Wieder eine Abfahrt, wieder eine längere Steigung. Und nochmals und nochmals. Puh! 17.30 Uhr. Ich fahre langsam gegen die Zeit, gegen das Tageslicht. Ich hätte wirklich früher aufstehen sollen! Der Wind war den ganzen Tag mehr oder weniger gnädig, doch nun macht die Strasse eine gute Kurve und ich habe vollen Gegenwind. Als ob ich nicht sowieso schon mit der letzten Reserve fahren würde. Ich komme kaum noch voran. Was für ein Kampf. Kilometer um Kilometer kämpfe ich mich vorwärts, langsam wird es dunkel. Dann eine Tafel, in 2 km ein Hotel in Richtung Iheus. Das liegt auf der Umfahrung von Vitoria und auf meinem Weg. Denn um diese Uhrzeit möchte ich nicht mehr in die riesige Stadt fahren. Im Dunkeln erreiche ich schliesslich das Hotel Boneario. Puhhhh! Und hier bleibe ich, so oder so! Mitten im Nichts, kein Restaurant oder Laden in der Nähe. Immerhin gibt’s im Hotel eine Cola. Und es ist angenehm frisch hier. Nach 106 km, 1’600 Höhenmeter und 9 Stunden im Sattel tun mir die Beine weh. Eigentlich wäre ein Pause nicht so schlecht…

13.12.2015. Und die mache ich. Hier, im Mitten im Nichts. Aber es ist ruhig, ich kann meine Kleider waschen, das Rad erhält auch eine Dusche. Bremsen nachstellen, Kette nachziehen. Ausruhen. Und um die Ecke hat es doch einen winzigen Laden, dort gibt’s heute Erbsen, Bananen und ein paar Kekse. Die originelle Diät von heute…

14.12.2015. Auf der Umfahrung geht’s weiter und bald biege ich auf die BR 116 ab. Sozusagen die Zielgerade nach Rio de Janeiro. Sozusagen… Und welch Wunder, hier ist der Seitenstreifen in einwandfreiem Zustand. Herrlich! Es hat viel Verkehr und wie sich bald zeigt ist der noch verrückter als normalerweise. Von links und rechts wird überholt, vielleicht auch von oben und unten. Der Gegenverkehr überholt, auch wenn Fahrzeuge entgegenkommen. Diese weichen dann einfach auf MEINEN Seitenstreifen aus. Mit dem habe ich nicht gerechnet. So irre war der Verkehr noch nie! Macht mir fast ein wenig Angst. So geht das den ganzen Tag weiter. Hügelig wie immer, heiss wie immer. So pedale ich den ganzen Tag dahin, Hügel um Hügel wird erklummen. Gegen den späten Nachmittag überfahre ich die Grenze von Bahia nach Minas Gerais und bald erreiche ich nach 116 km Divisa Alegre. Dort frage ich gleich nach der Uhrzeit. Hier ist man wieder eine Stunde voraus, also ist es schon 18 Uhr. Die Parroquia ist schon zu, der Padre wohnt nicht hier und die Schule ist auch schon geschlossen. Also suche ich das billigste Hotel, wo es vor Verrückten nur so wimmelt. Angefangen mit dem Jüngling, der mir mir heruntergelassener Hose im Gang begegenet, dann ist da die hochnervöse und hochschwangere Tochter der Besitzerin, die sich nur mit einer Zigarette beruhigen lässt… na dann, gute Nacht!

15.12.2015. Das Frühstück wird immer kläglicher, heute gibt es nur noch Brot und Kaffee. Nun, das Hotel war billig, die Nacht nicht gerade ruhig… Bald mache ich mich auf den Weiterweg auf der BR 116. Bald ändert das Landschaftsbild total, ich habe das Gefühl, in eine anderes Land zu fahren. Nach tagelanger Wüste wird’s bergig, grün, überall Bäume, Bananenpalmen, Pflanzen, Blumen, Wälder. Und dann sind da plötzlich diese riesigen Felsen, die erinnern mich irgendwie an… Elefanten. Es geht immer weiter runter, wird immer wärmer. Natürlich geht dies nicht ohne unzählige Zwischensteigungen. Am Tagesende bin ich 1’015 m hochgefahren und von 1’000 m auf 200 m gefallen. Das waren dann also Abfahrten von ca. 1’800 m? Oder so? Nun, der Tag endet in Itaobim, wo ich schlussendlich wieder in der Wüste bin und auf 200 m ist es heiss, sehr heiss!

16.12.2015. In der brutalen Hitze der Wüsste verlasse ich Itaobim und die BR 116. So schnell geht’s doch noch nicht nach Rio. Nun fahre ich weiter auf der MG367. Eine schmale Strasse, Zustand miserabel. Und gleich beginnen die Hügel. Rauf, runter, rauf, runter, unzählige Male. Bin ich oben, erhasche ich kurz die Aussicht auf eine unendliche, hügelige Gerade… In Itinga stärke ich mich mit einer Cola, Hunger habe ich noch keinen. Dann geht’s weiter auf der hügeligen Gerade, die Hitze hier unten kostet mich. Puh! Der Schweiss rinnt in Strömen, mit dem Wasser trinken komme ich kaum nach. Zudem nimmt plötzlich der Verkehr zu, und hier wird wie Überich gerast, zudem weicht jeder den Schlaglöchern aus… Anstrengend! Gegen 15 Uhr erreiche ich Aracuai, hungrig und kaputt. Heute gönne ich mir eine Pousada, die Pousada das Araras, wo es zum Glück bald ein Sandwich gibt. Auch hier ist es heiss, denn trotz 1’076 m Steigung habe ich an Höhe nichts gewonnen…

17.12.2015. In der Pousada das Araras gibt es ein Super-Frühstück, dann hat der Hotelbesitzer noch tausend Fragen… Ein Bike-Fan. Nach einer Foto-Session mache ich mich endlich auf den Weg in die Bruthitze. Auf holprigen Asphalt geht’s hügelige 40 km nach Virgem da Lapa. 11.30 Uhr. Heute bin ich schlauer und esse hier zu Mittag. Stärkung für die nun folgende, lange Steigung. Nun, ich muss noch 20 Minuten warten, aber dann gibt’s für 10 Reales einen Super-PF mit einem riesigen Teller Salat. Ich schaffe die Portion kaum. Noch ein Kaffee und etwas ausruhen… Wie so oft werde ich gefragt, ob ich niemals per Anhalter fahre. Ich erkläre wie immer, nur wenn das Rad oder ich ein Problem hätten. Aber heute wüsste ich die Antwort nicht, wenn mir in der Steigung jemand eine Mitfahrgelegenheit anbieten würde… Dann mache ich mich auf in die mittägliche Bruthitze. Noch etwas Holperasphalt, dann beginnt der Schotter und bald die Steigung. Nach den ersten paar hundert Meter hochfahren stürzen schon Sturzbäche an meinem Gesicht herunter. Paaaahhhh! Das kann ja heiter werden. Ich werde von diversen Autos überholt und eingestaubt. Ich werde heute als ausgelaugtes Zimtküchlein in Lelivéldia enden, meinem Ziel von heute. Es überholt ein Pick-up, etwas weiter oben hält er. Hm, ich kenne das Signal. Was soll ich sagen? Ein Mann steigt aus:“Soll ich dich mitnehmen?“ „Hm, vielleicht für die Steigung, die Hitze bringt mich um. Danke!“ Pablo versucht, das Rad zu heben und verzerrt sich gleich was am Rücken. Oh jeeh! Ich hebe das Rad selbst hoch, dann geht’s weiter. Pablo meint, er würde mich bis zum Asphalt mitnehmen, denn es hätte noch eine Steigung, zudem sei die Piste schlecht. Wie einfach es sich in einem Auto über das Waschbrett fährt… Nach der Steigung folgt eine Art Plateau, Ananasanbaugebiet. Die Früchte werden auch frisch am Strassenrand verkauft. Wir halten, aber die Frucht hat überhaupt keinen Geschmack… seltsam. Es geht weiter, Pablo fragt, ob er mich nicht nach Diamantne mitnehmen soll, er fahre dahin. Ich ja auch, aber das wäre mir dann wieder zu schnell. Diese unvorhergesehenen Frühankünfte bringen mich aus dem Konzept. Die Holperfahrt geht weiter, wir passieren Lelivéldia, mein Ziel von heute… und erreichen den Asphalt und José Conçalves da Minas. Pablo hat hier zu tun, aber ich könne warten und er würde mich nach Aracua fahren. Zwei Stunden warten mit in sich im Bier trinken übenden Männern? Nein, danke. Ich fahre einfach weiter, der Asphalt ist nun gut. So gut, dass ich fast dahinfliege. Auch die Hügel sind kleiner geworden, was auch hilft. Nach 30 km überholt mich Pablo, aber die restlichen 10 km bis Aracua schaffe ich auch so. Vielen Dank! Gegen 16.30 Uhr erreiche ich Aracua. Ein winziges Kaff. Gleich bei Dorfeinfahrt spreche ich eine Gruppe Leute an. Es wird hin und her diskutiert, wo ich denn übernachten könnte. Schlussendlich lande ich in der Estacion ecologica, wo man mir ein ganzes Haus anbietet. Wow, was für ein Luxus! Vielen Dank! Ich gehe noch kurz etwas im Supermercado einkaufen, wo man mich natürlich schon kennt und bei der Rückkehr erwartet mich die nun schon viel grössere Gruppe von Dorfbewohnern mit frischem Agua de Coco! Dazu sage ich nicht nein. Später weder ich vom Nachbar noch zum Kaffee eingeladen und begleitet von diversen Moskitos und viel Repelente endet dieser nicht so geplante Tag.

18.12.2015. Nach einem Extrakaffee inkl. Schwatz mit den Mitarbeitern der Estacion mache ich mich auf den Weiterweg. Leicht hügelig, entlang von gigantischen Eukalyptusplantagen, fast kein Verkehr. Nach 32 km der erste Posto. Der nächste folgt erst in 85 km. So esse ich hier ein Pao de Queijo, dazu nehme ich zwei mit auf den Weg. Die Kilometer ziehen dahin, rauf und runter, ich schwitze wie gehabt und langsam tut mir der Hintern weh von diesen langen Tagen auf dem Sattel. Der besagte Regen braut sich auch langsam zusammen. Bei einer letzten kraftraubenden Steigung zucken die Blitze, ein Donner knallt genau über mir. Aber ich erreiche den Posto Seabra. Dort darf ich nach etwas rumfragen mein Zeit in einem offenen Gerümpelschuppen mit Blechdach aufstellen. Für eine Dusche reicht es auch noch. Dann kommt der Sturm. Mit voller Wucht! Ich befürchte, eine Blechplatte auf den Kopf zu bekommen, mehrmals gehe ich raus, um zu sehen, ob sie gut festgemacht sind… Sand wirbelt umher, das arme Zelt. Sieht bald aus wie nach einem… Sandsturm. Dann beginnt der Regen. Es schüttet und tut. Ich mache es mir im Zelt gemütlich, es hat so stark abgekühlt, dass ich mich mit dem Schlafsack zudecken kann. Herrlich! Und nun heisst es ausruhen und dem Gewitter lauschen. Schön!

19.12.2015. Am Morgen ist es noch bewölkt, doch bald verziehen sich die Wolken. Gut hügelig geht es weiter bis nach Couto de Magalhães de Minas. Dort kaufe ich in einer Panaderia ein frühes Mittagessen, in einem Posto gibt es noch ein Sprite. Dann geht’s wieder in die Mittagshitze. Die Strasse steigt längere Zeit an, ich denke, das ist die lange Steigung. Doch dann geht’s wieder runter. Dann beginnt sie wirklich, die lange Steigung. 9 km steht da auf der Tafel. Einige Abschnitte sind wieder brutal steil, ich schwitze vor mich hin und steige langsam empor. Langsam kommen dunkle Wolken auf, irgendwo donnert es. 9 km. Doch die Strasse steigt weiter an. Dann ein paar Häuser. Diamantina? Nein, es geht nochmals 5 km rauf, ich erreiche den höchsten Punkt auf 1’345 m. Nun sehe ich Diamantina vor mir. Eine riesige Stadt. Ich hatte mir etwas ganz kleines, gemütliches vorgestellt… Irgendwie. Runter, dann wieder steil rauf ins Centro. 1’600 m heute. Diamantina muss ich mir hart verdienen. Dann noch über die riesigen Kopfpflastersteine. Armes Rad. Die Hotels sind hier spärlich gesät, so lasse ich mich im Esplanade nieder. Etwas teuer, aber es ist ja schliesslich bald Weihnachten. Das Gewitter nähert sich auch heute schnell, ich will vorher noch etwas einkaufen. Auf dem Rückweg fallen schon die ersten Tropfen, dann sehe ich plötzlich gefühlte 100 m vor mir einen gewaltigen Blitz einschlagen, begleitet von einem gigantischen Knall. Ich zucke zusammen und halte mir automatisch die Arme über den Kopf. Wie die meisten Leute um mich herum… Das war ein Blitzeinschlag! Wie sich bald herausstellt hat er auch getroffen, und zwar die Hauptantenne des Internets. Hier funktioniert nichts mehr…

20. – 23.12.2015. Auch der Sonntag verstreicht ohne Internet. Das war irgendwie zu erwarten. Umso erstaunlicher ist es, als ich abends durch die Gassen spaziere und plötzlich jemand ruft:“Hey Martina!“ Fernando, mit ihm hatte ich immer wieder mal Kontakt per Facebook. Er hätte mir eine Nachricht geschickt, um mich zum Essen einzuladen… Die habe ich natürlich nicht gesehen. Umso mehr, was für ein Zufall! Nun, ich werde auch so zu einer Pizza eingeladen, dann laufen wir noch eine Weile durchs Centro historico, während ich tausende von Fragen beantworte… Zufälle gibt’s…

Am Montag erscheint irgendwann mal ein Techniker im Hotel, doch wir bleiben weiterhin ohne wi-fi. Denn der Blitz hat nicht nur in die Antenne eingeschlagen, sondern auch den Router verbrannt. Nun, ich kann mich ja eine gute Weile auch ohne Internet vertun, für das ganze Schreiben ist es nicht so schlecht, die ganze Ablenkung nicht zu haben… aber nach zwei Tagen ist dann gut geschrieben, es wird Zeit für die Verbindung mit der Welt. Und sie kommt, etwas unzuverlässig, aber sie kommt…

Aber ich habe auch sonst noch eine Aufgabe. Mich auf den nächsten Streckenabschnitt vorzubereiten. Die Estrada Real. Der königliche Weg. Im 17. Jahrhundert entdeckte man in Minas Gerais grosse Diamant- und Goldvorkommen. Soviel Reichtum erzeugte viel Aufmerksamkeit und in kurzer Zeit wurden diverse Wege erbaut, um die edlen Naturvorkommen an die Küste abzutransportieren. Die portugiesische Krone kontrollierte den Waren- und Personenverkehr auf diesen Wegen und erhob Steuern. Wer nicht diese Strassen benutzte, wurde gebüsst. So entstanden die drei ersten offiziellen Strassen von Brasilien, die die Küste mit den Minen im Bergland von Minas Gerais verbanden.

Heute ist die Estrada Real – die in vier Streckenabschnitte unterteilt ist – ein touristisches Ziel, dass zu Fuss, per Fahrrad, zu Pferd oder auch mit dem Auto befahren werden kann. Mit dem Vorbild des „Camino de Santiago“ wurde auch hier ein Pass erstellt, in dem man die diversen Stempel sammelt und ein Zertifikat erhält. Auf die Stempel und das Zertifikat kann ich gut verzichten, aber in der Agentur, wo ich mich informierte und mit einer Karte eindecke gibt es ihn dazu. Kosten: 1 kg Lebensmittel. Diese Lebensmittel werden gesammelt und an arme Familien in der Region verteilt. Denn trotzt der reichen Geschichte bleibt es eine arme Region.

Ich mache mich nun auf den Weiterweg auf dem „Caminho dos Diamantes, der mich von Diamantina nach Ouro Preto führen wird. Von dort aus geht’s auf dem „Caminho Novo“ in Richtung Rio de Janeiro…

Aber bevor es losgeht wünsche ich aus dem weihnachtlichen Diamantina allen:

3 Gedanken zu “Lençóis – Diamantina; hart verdiente Diamanten

  1. Bueno…. bonitas palabras e imagenes, aunque he de decir que tuve que usar el traductor, porque no pasé de „Höhenmeter“…. :). Me quedo con una foto, la que dice „Rio de Janeiro 1074 km „…. disfruta porque ya te quedan menos kilometros para llegar, aunque eso sí … estas llena de experiencias. Un fuerte abrazo.

    • Y „Höhenmeter“ es una palabra bien importante ;-) Aunque no se como se puede escribir tanto sobre algo que en realidad no era tan interesante… lo que es seguro es que ya queda menos hasta Rio!

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