Rio de Janeiro – Santiago – Jachal, „You always meet twice“

22. – 29.01.2016. 425 km. 6’143 Höhenmeter. „Hmmmm….?“, wird sich der geneigte Leser fragen, „wie war das jetzt? In Rio de Janeiro war doch Schluss?“ Richtig, eigentlich sollte meine Reise durch die Amerikas in Rio de Janeiro ihr Ende finden… aber ich mache mich spontan auf zu einer andin-patagonischen Ehrenrunde. Erstes Ziel dabei der absolut wundervolle und farbenprächtige Paso Agua Negra, den ich zum zweiten Mal erklimme. Diesmal in die andere Richtung und in Begleitung…


Route: Rio de Janeiro – (Flug) – Santiago de Chile – (Bus) – La Serena – Vicuña – Huanta – Juntas del Toro (Aduana Chilena) – Paso Agua Negra (4’767 m) – Las Flores (Aduana Argentina) – Jachal

„You always meet twice“, diese Worte folgen mir schon lange auf meiner langen Odysee durch die Amerikas. Einige Länder Mittelamerikas durchquerte ich bereits zweimal, ebenso ganz Südamerika. Normalerweise versuchte ich dabei, jeweils andere Strecken zu fahren, neue Wege und Gegenden zu erkunden. Nun gibt es ein weiteres Wiedersehen, aber auch ein ganz neues Treffen. Schon einige Male wollten Leute, die ich persönlich nicht kenne, einige Tage mit mir zusammen reisen. Bis anhin kam so etwas nie zu Stande, das sollte sich zum Schluss noch ändern. Ich mache mich spontan und unverbindlich auf zu einer andin-patagonischen Ehrenrunde, zusammen mit mit Manuel. Nun, wir wagen den Versuch, denn dass Reisen mit einer anderen Peson nicht immer gut funktioniert, weiss ich mittlerweile aus bester Erfahrung… und sollten wir uns nach einem Tag schon fürchterlich auf die Nerven gehen, so kann jeder problemlos seinen eigenen Weg gehen…

Zuerst steht der Paso Agua Negra auf dem Programm. Diesen werde ich zum zweiten Mal antreffen, ein sehr freudiges Wiedersehen. Diese Andenüberquerung hatte mich schon beim ersten mal total in ihren Bann gezogen und als sich diese weitere Gelegenheit anbot, dauerte die Entscheidung nur wenige Sekunden.

22.  – 29.01.2016. So packe ich in Rio meine Sachen, werde soviel wie möglich los, denn das Übergepäck ist teuer. Pünktlich um 4.30 Uhr morgens holt mich mein organisiertes Taxi ab, die Fahrt zum Flughafen ist kurz. Einchecken, dann Gepäckkontrolle und Zoll. Die Dame blättert gelangweilt im Pass, blättert, blättert, stutzt, dann schaut sie mich böse an. „Wann bist du in Brasilien eingereist?“ „Im August.“ „Waaas! 5 Monate bist du schon hier… Du weisst, dass das Visum nur 3 Monate gültig ist.“ „Ja, ja.“ Sie mustert mich wie eine Verbrecherin, dann weist sie mich forsch zu ein paar Stühlen:“Warten!“ Das tue ich, bis nach langer Weile ein ebenfalls nicht sehr freundlicher Beamter mit meinem Busszettel erscheint. Bei erneuter Einreise zu bezahlen. Das war’s wohl mit Brasilien… schade eigentlich…

Der Flug nach Santiago de Chile verläuft problemlos und dort treffe ich bald zum ersten Mal auf Manuel. Ein komisches Treffen… wir kennen uns bis anhin nur aus dem virtuellen Universum. Nach einem kurzen Nachmittag und einer Nacht in Santiago geht’s auch schon per Bus nach La Serena. Eigentlich nicht mein Stil, aber mit nur einem Monat Ferien muss man sich etwas anders organisieren. Immerhin geht zu zweit alles einfacher. Von La Serena geht’s dann per Fahrrad durch das schöne und traubenreiche Valle del Elqui in Richtung Vicuña.

Dort decken wir uns für 5 Tage mit Proviant ein, am nächsten Tag geht’s weiter in Richtung Huanta. Dort muss ich natürlich Rosa und Hans „hallo“ sagen, dem supernetten Paar, dass Ciclistas bei sich übernachten lässt. Doch heute geht die Fahrt weiter, mit sehr böigem Rückenwind, aber die kurvige, immer ansteigende  Strasse zieht sich dahin. Zudem ist es hier unten ziemlich heiss. Gegen 18 Uhr erreichen wir die chilenische Grenzkontrolle. Die ist schon zu, aber immerhin etwas windgeschützt können wir in der Nähe zelten. Und netterweise die Küche benutzen. Der Paso Agua Negra war vor ein paar Tagen wegen viel Regen und eines Erdrutsches geschlossen, am Abend informiert man uns, dass er ab sofort wieder geschlossen sei. Sicher einen Tag.

Na ja, so nehmen wir es am nächsten Morgen ziemlich gemütlich, nach 10 Uhr laufen wir zum Zollgebäude. Eine riesige Autoschlange wartet, aber der Zoll scheint offen. Hmm? Nach einer Weile schaut der Koordinator vom Vortag rein und meint, der Pass sei offen, wir könnten weiterfahren. Na, das hätte er uns auch früher sagen können. Wir frühstücken, räumen die Zelte ab und machen uns gegen 12 Uhr auf den Weg zum Zoll. Das Prozedere dauert seine Weile bei dem Ansturm, denn der Paso Libertadores zwischen Santiago und Mendoza, der Hauptverbindung von Chile und Argentinien in dieser Höhe, ist wegen diversen Erdrutschen geschlossen. Das bekommen wir bald auf die unangenehme Weise zu spüren, denn nach 15 km Asphalt geht’s auf Schotter und nun in nicht enden wollenden Staubwolken weiter. Die Fahrer rasen natürlich auch hier ohne Respekt. Weit kommen wir an diesem Tag nicht mehr, die erste Nacht verbringen wir gleich neben der Strasse windgeschützt in einem Steincoral. Aus kalten Fluss daneben gibt’s heute eine Ortlieb-Volldusche inkl. Haare waschen, denn es ist immer noch ziemlich heiss hier und die Staubschicht freut sich auch über etwas Wasser.

Mit der Blechlawine fahren auch wir weiter, weiter hoch, immer weiter hoch. Bald erreichen wir die wunderschöne Lagune „La Laguna“. Bei der konnte man im Vorjahr wunderbar zelten, nun hat sie viel mehr Wasser und der unangenehme Wind lädt nur zu einer kurzen Mittagsrast. Dann geht’s langsam in die farbigen Berge, die mich auch diesmal total in ihren Bann ziehen. In das riesige Flusstal in Violett, Gelb und Orange, dass langsam enger wird.

Das Fortkommen auf der ziemlich miesen Holper- und Wasschbrettpiste ist langsam, die stetig staubenden Autos rauben mir den Atem. Durch die späte heutige Abfahrt wird die Passüberquerung etwas durcheinander gebracht, denn morgen sollten wir den Pass überqueren und noch etwas runterfahren. Aber das Tal verengt sich, die Abhänge werden steil, wir sind müde. So nutzen wir eine Ausstellfläche gerne als Zeltmöglichkeit. Nach der Dusche im eiskalten Bergbach gibt’s bald einen Teller mit der schon fast gewohnten Pasta und dann wird’s kalt auf ca. 3’800 m. Diese Passüberquerung gehe ich mit etwas mulmigem Gefül an, denn genau bei dieser Passüberquerung vor knapp einem Jahr war ich das letzte Mal auf über 4’000 M.ü.M. Und aus Erfahrung weiss ich, dass mir die ersten Aufstiege immer etwas Mühe bereiten. Aber im Moment spüre ich nur ganz leichte Kopfschmerzen, nada mas.

Bis zum Pass fehlen noch gute 25 km, dies bei der weiterhin miesen Piste, viel Verkehr und zunehmender Höhe eine Herausforderung. Immerhin bleibt die Landschaft absolut atemberaubend, die Farben und Formen sind wirklich einzigartig. Ein Fluss schlängelt sich im Tal unten sanft nach unten, nur um dises Gewässer herum wächst etwas Grün. Aber ansonsten ist die karge Puna-Landschaft farbgeladen. Violett,Pink, Rosa Lila, Orange, Gelb, weit ist das Farbspektrum.

Wir erreichen einen ersten Abzweig, die hochführende Piste macht nun einen längeren Umweg, ist dafür aber weniger steil. Der Wind bläst eisig kalt und langsam fällt auch das Atmen schwer. Wir erreichen die langen Kurven und den Wind gibt’s nun abwechselnd von vorne und von hinten. Es wird anstrengend, immer wieder schiebe ich. Aber ich bin in guter Gesellschaft, auch Manuel kämpft mit der Höhe. Diese Kurven ziehen sich ewig dahin, dann zuckelt auch noch ein Strassenbautruck staubvoll vor uns hin. Eine Kurve… und dann sind sie da. Die Penitents. Bei meier letzten Überquerung hatte es fast keine mehr, aber nun ist noch ein riesiges Feld dieser vom Wind geformten Schneeskulpturen zu sehen. Genial!

Es fehlen noch ein paar Kilometer bis zum Pass, dann ist es geschafft! Paso Agua Negra zum Zweiten! Huraaaahhh!!! Auch heute ist der Aufenthalt in dem eisigen Wind auf 4’767 m kurz, zumal es auch schon 16 Uhr ist. Wir treten die Abfahrt an, bis zum Abzweig zum geplanten Tunnel wollen wir es noch schaffen. Das sind nochmals 20 km, auch die Abfahrt ist langsam, wegen der zu bestaunenden Aussicht, mehr Penitents, der holprigen Piste und dem Wind. Erst gegen 18.30 Uhr erreichen wir den Abzweig mit dem Steincoral, der auch heute minimen Windschutz bietet. Das heisst auf 4’100 m übernachten, aber auch hier habe ich nur leichte Kopfschmerzen. Diese hohe Andenüberquerung lief absolut perfekt, ich bin beeindruckt. Auch wettertechnisch, denn nach den vielen Regenfällen mit Erdrutschen hatten wir jeden Tag nur Sonnenschein.

Es geht weiter runter, zuerst auf Schotter, dann beginnt der Asphalt. Die Asphaltierung ist auch auf argentinischer Seite schon viel weiter fortgeschritten als noch vor einem Jahr. Die Temperatur nimmt stetig zu, ebenso der Wind. Und der bläst auch hier bergaufärts, wir haben Gegenwind. Guten Gegenwind. Gegen 14 Uhr erreichen wir den argentinischen Grenzposten, hier geht alles ganz schnell. Ab nun heisst es gegen den Wind ankämpfen. Bis Rodeo ist dies anstrengend, danach wird das Fortkommen zur Tortur. Kein einziges Foto mache ich von der eigentlich wunderschönen Gegend… Wäre ich allein unterwegs gewesen, hätte ich wohl in Rodeo einen Bleibe gesucht, aber bei Manuel zählt jeder Tag. Das war etwas meine Sorge, als wir zusammen aufbrachen, ob ich als absolut zeitlos Reisende mit dem engen Zeitplan eines Ferienreisenden zurechtkommen werde… Mit etwas guter Kompromissbereitschaft (und etwas Leiden) geht das, und ansonsten funktioneirt das Zusammenfahren- und leben mit dem Spanier – huch, perdon, mit dem Hispalensen – absolut gut. Unerwartet gut. Wir verstehen uns fast schon ohne Worte. So sieht er meinem Kampf gegen den immer stärkeren Wind zu, muntert mich auf, lädt mich zu Pausen ein. Doch die will ich nicht mehr machen, denn das lange Tal bis nach Jachal zieht sich ewig dahin und ich will nur noch ankommen. Ankommen und ruhen, denn in Jachal ist definitiv ein Tag Pause angesagt. Früher als erwartet erscheint dann auch das kleine Dorf und ich lotse uns zu dem Hotel, wo ich schon vor einem Jahr genächtigt hatte. Dieser Luxus muss jetzt sein, zumal mich die Tochter des Chef auch lachend wiedererkennt.

Natürlich muss heute als Nachtisch ein Grido-Eis her, mit drei ganzen Kugeln. Das habe ich mir verdient, oder zumindest rede ich mir das ein. Der Ruhetag ist ebefalls von essen geprägt, dazu kommt Wäsche waschen und die Räder vorbereiten. Denn Manuels nächstes Ziel ist Patagonien, die Seenregion, und die beginnt etwa 900 km weiter südlich. Dazu müssen die Räder bustauglich in Karton verpackt werden und man bestätigt uns, dass sie auch problemlos bis nach Mendoza mitgenommen werden. Mendoza, unser erstes Ziel, von da aus soll es mit einem weiteren Bus in Richtung Süden gehen….

Der erste Teil der Ehrenrunde, der Paso Agua Negra, hat sich total gelohnt. Ein wunderbares Wiedersehen! Die Überquerung von Chile nach Argentinien ist anstrengender als in umgekehrte Richtung, aber ich konnte dadurch wieder ganz neue Perspektiven dieser von Farben nur so explodierenden Puna-Landschaft entdecken. Einmalig! Und nun geht die Ehrenrunde noch etwas weiter…

3 Gedanken zu “Rio de Janeiro – Santiago – Jachal, „You always meet twice“

  1. Hallo martina,
    Danke fuer die tollen fotos. Noch ein zwei jahre u nd dann werde ich au ch dort sein. Du haelst meine vorfreude am laufen.
    Dir alles gute
    Wuenscht dir heike
    Gerade in thailand

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