09.06.–19.06.2025. 940 km, 6120 Höhenmeter. Schweiz, Österreich, Deutschland. Eine leichte und eher flache Tour durch die Schweiz bringt mich von Chur zum Neuenburgersee und wieder zurück; mit vielen Flüssen, Seen, Deja-vus und heissen Temperaturen. Begleitet wird sie von einigen Pleiten, Pech und Pannen.

Route: Chur–St. Margrethen–Rorschach–Kreuzlingen–Schaffhausen–Neunkirch–Rheinheim–Koblenz–Brugg–Aarau–Olten–Aarburg–Solothurn–Biel–Erlach–Neuchâtel–Yverdon-les–Bains–Estavayer-le-Lac–Cudrefin–Kerzers–Bern–Thun–Spiez–Interlaken–Iseltwald–Meiringen–Brünigpass–Giswil–Sarnen–Alpnach Dorf–Hergiswil–Kastanienbaum–Luzern–Emmenbrücke–Rotkreuz–Zug–Baar–Unterägeri–Sattel–Rothenthurm–Biberbrugg–Einsiedeln–Willerzell–Sattelzug–Siebnen–Bilten–Weesen–Walenstadt–Sargans–Chur

Hier ein grobe Karte der Route:


 

Wieder einmal habe ich im Sinn, etwas durch die Schweiz zu radeln. In der Schweiz möchte ich bleiben, um im Notfall in den nächsten Zug nach Hause steigen zu können. Ebenso suche ich mir eine eher flache Tour aus. Ich hatte die letzten Monate nicht die Gelegenheit, mich sehr gross zu bewegen, bin also nicht gerade fit. Ebenso sollte ich es evtl. etwas gemächlich angehen lassen. Dies zumindest mein Plan. Grund dafür ist, dass ich mich vor gut drei Monaten, Anfang März, einer Operation unterziehen musste. Drei Monate Post-Op sind gerade vorbei, eine Velotour sollte drin liegen. 

Seit langem wieder einmal starte ich meine Tour direkt zu Hause in Chur. Dem Rhein entlang fahre ich in Richtung Bodensee. Es ist Pfingstmontag, viele Radler sind unterwegs. Auf dem Rheindamm habe ich Gegenwind, doch damit habe ich gerechnet. Um die Monotonie auf dem Rheindamm etwas aufzulockern, inspiziere ich immer wieder mal die kleinen Dinge am Wegrand. Die Sonne scheint, Schatten ist rar, aber die Temperaturen sind noch im angenehmen Bereich.

Radeln auf der Route 2 mit Blick in die Appenzeller Berge

Ein bisschen Insta360-Spass auf dem Rheindamm

Auf dem Camping in St. Margrethen lasse ich den ersten Tag ausklingen. Der Platz gehört der Kategorie „wir haben noch eine kleine Wiese gefunden, lass uns die den Radlern geben“ an. Vom letzen Regen ist alles etwas matschig, ich stelle mein Zelt daher neben den Bunker. Mein Nachbar ist ein älterer Holländer. Er ist auf einer Alpenüberquerung. Sein Tourenrad mit Rohloff-Nabe und Gates-Belt wurde auf E-Bike umgerüstet. Aber für die Pässe muss der Herr den Zug nehmen, das schafft das Bike nicht. Interessant. So unschön die Zeltwiese ist, so schön ist der kleine Weiher, in dem man baden könnte. Ich bevorzuge die Dusche an diesem ersten, doch erfolgreichen Tag auf dem Velo.

Bunker Camp in St. Margrethen

Weiter geht’s für ein paar Kilometer nach Österreich und bald treffe ich wieder einmal auf den Bodensee. Wasser, Strandbäder, Bootshäfen, Vögel und Äpfel, das gibt es in «Mostindien» zu sehen. Und zahlreiche Radler, das kenne ich von früheren Touren. Am Bodensee sind alle unterwegs: Rentner, Familien, riesige Radreisegruppen und viele mehr.

Blick in Richtung Walzenhausen im Appenzell

Beim Forum Würth in Rorschach

Und einmal mehr im Hafen von Rorschach

Die Äpfel sind noch klein

Bodensee-Blicke

Mein Weg führt mich dem See entlang nach Kreuzlingen, später folge ich mit gutem Gegenwind dem Untersee. Mammern war ein möglicher Ort für die Nacht, aber es ist noch so früh, so dass ich weiter fahre. Auf der linken Rheinseite bis nach Schaffhausen. Auf dem dortigen Camping habe ich wieder holländische Nachbarn, auch sie auf Alpenüberquerung, auch mit auf E umgerüsteten Tourenrädern. Mit denen Pässe aber fahrbar sind. Auch hier könnte man noch ein Bad nehmen, der Camping liegt direkt am Rhein. Aber auch heute passe ich.

Es ist windig am Untersee

Am Bodensee gibt’s Glace-Automaten!

In Dissenhofen

Der Camping Schaffhausen liegt direkt am Rhein

Meine Parzelle inkl. Strom

Abends bricht mein Spork, die Camping-Mischung aus Löffel und Gabel. Daher startet der nächste Tag mit Blick auf den Munot und einem Besuch im Outdoor-Shop Wamo in Schaffhausen. Dort bekomme ich Ersatz für dieses nicht so unwichtige Werkzeug. Den Rheinfall habe ich schon im letzten Jahr besucht, darum folge ich der Route 77 ins Klettgau und bald überquere ich die Grenze nach Deutschland. Ich fahre gemütlich auf dem Veloweg, da sehe ich eine Dame mit zwei Hunden, Typ Bodenlumpen plus, vor mir. Ich klingle von Weitem, nichts. Ich fahre langsam näher, klingle nochmals. Sie dreht sich um, macht aber keine Anstalten, nur einen Millimeter auf die Seite zu gehen, ihre Hunde lässt sie auch mitten im Weg stehen. Ich fahre sehr langsam, passiere die Dame, grüsse. Dann rennt mir der eine Köter tatsächlich nach und versucht mein Bein zu schnappen. Die Dame ist perplex, ruft den Hund erfolglos zu sich, faselt was von „sie hat sich losgerissen“, während der Kläffer mich immer noch anknurrt. Nun, die Leine lag schon immer nur am Boden. Soviel dazu. Ich sage nur, dass sie etwas Acht geben soll, ich wurde schon zweimal gebissen und bräuchte kein drittes Mal. Das verstehe sie, meint die Dame. Ich fahre weiter, bevor ich meine Meinung lautstark äussere. Habe ich erwähnt, ich mag keine Hunde. Dies wird einmal mehr bestätigt. Noch weniger mag ich Hundehalter, die ihre Kläffer nicht im Griff haben und lügen. 

Seit 2009 im Einsatz, sollte wohl auch ersetzt werden

Im Klettgau I

Im Klettgau II

Da ist so manch Wahres dabei

Nach Rheinheim überquere ich wieder die Grenze in die Schweiz. Bei Koblenz fliesst die Aare in den Rhein. Ich verlasse meinen Heimatfluss und folge nun der Route 8. Diese passiert den Klingnauer Stausee und folgt danach folgt der Aare. Nach dem vielen Radverkehr an Rhein und Bodensee bin ich nun fast alleine unterwegs. Langsam wird es heiss, vor allem die Aufstiege sind schweisstreibend. In der Aare könnte man sich immer wieder abkühlen. Ich verfahre mich ein paar mal. Vor allem zu Beginn einer Tour verpasse ich manchmal die kleinen Pfeile, die die Velorouten ausschildern. Langsam habe ich genug für heute. Hier in der Gegend gibt es keine Campingplätze, der nächste befindet sich in Aarburg. Das sind noch ca. 40 km. Ich suche in Aarau und Olten nach Hotels, aber die sind entweder ausgebucht oder sauteuer. Also doch Aarburg. Ein Cliffbar, Wasser tanken an einem Brunnen und in die Pedale treten. Auf dem Weg treffe ich noch auf ein Wildschwein, das seelenruhig über den Weg schlendert. Eine Dame filmt es gerade mit dem Handy und erklärt mir, dass es sich um 5 Jungtiere handelt, deren Mutter ums Leben kam. Mal schauen, wie das mit diesen Tieren, die absolut keine Scheu vor Menschen haben, weitergeht.

Auf dem richtigen Weg

Blick auf das Schloss Wildegg

Aarburg ist nahe

Gegen 18:30 und mit guten 117 km auf dem Tacho treffe ich auf dem Camping in Aarburg ein. Soviel zum Thema, es locker angehen lassen. Aber es geht alles gut, keine Schmerzen, bis auf mein Knie, das bereitet mir seit letztem Herbst Probleme. Hier gibt es eine grosse Wiese für die Radler und es hat auch schon einige da. Bald bekomme ich wieder einen Nachbarn. Ratet mal? Einen Holländer. Dieser ohne E und auch nicht auf einer Alpenüberquerung. Eine Radlerin aus der Welsch-Schweiz interviewt jeden Neuankömmling, sie erzählt mir wo jeder einzelne Radler auf dem Platz unterwegs ist. Sie empfiehlt allen für den nächsten Tag den Camping in Sutz am Bielersee. Sie redet und redet, irgendwann klemme ich ab, denn ich würde sehr gerne duschen und ich habe Hunger.

Ein langer Tag im Sattel

Immer wieder fahre ich an Schlössern vorbei, in Aarwangen steht ein weiteres, sehr schönes Exemplar. Bald erreiche ich die Barock-Stadt Solothurn. Ich stosse mein Rad eine Weile durch die schönen Gassen der Altstadt. Nach Solothurn krächzt es plötzlich aus allen Bäumen. Ich passiere das Storchendorf Altreu. Die Jura-Berge werden langsam höher und bilden eine immer sichtbarere Abgrenzung zum flachen Mittelland ab. Die Route folgt weiter der Aare, immer wieder könnte man sich abkühlen. Ich beschränke mich auf ein iostonisches Getränk. Gatorade, Focus Water, Vitamin Well oder wie sie alle heissen. Ich trinke normalerweise kein solchen Getränke, aber wenn es heiss wird, dann verlangt mein Körper irgendwie danach. Es ist nicht so einfach, genügend zu trinken, vor allem wenn das Wasser langsam Aussentemperatur annimmt. Mein Deal mit mir selbst: wenn ich in Dörfern direkt an Läden wie Volg oder Prima vorbeifahre, dann kaufe ich mir ein solches Getränk. Oder auch zwei. 

Gute Erfrischung

In einem Wald-Tunnel

Die kleinen Dinge am Wegrand, Glockenblumen

Der Jura kommt näher

Aare-Überquerung bei Aarwangen

Das Schloss von Aarwangen

Aare-Blick

Vorsicht, Biberbau!

Jura-Blicke

Die St. Ursen Kathedrale in Solothurn

Der Zeitglockenturm

Die Störche von Altreu

Auf Futtersuche

Büren an der Aare

Die Stadt Biel wird weiträumig umfahren und vom Bielersee sieht man auf der weiteren Route nicht viel. Ich fahre an dem erwähnten Camping Sutz vorbei. Es ist noch sehr früh und ich bin auf keine weiteren Interviews aus. Ich fahre weiter bis nach Erlach. Schon bei der Einfahrt sieht man das schöne Schloss. Der Camping in Erlach liegt direkt am Bielersee, man könnte sich abkühlen. Ich wasche meine Kleider und suche den Schatten auf, während ein paar freche Spatzen meine Sachen inspizieren. Natürlich hinterlassen sie noch ein Geschenk auf meinem Zelt. Abends besuche ich das Schloss und geniesse den Blick über See und Dorf. 

Das tue ich, velowandern

Reife Kirschen in allen Farben

Das Kraftwerk Hagneck

Einfahrt nach Erlach

Mein Plätzchen in Erlach

Freche Spatzen inklusive

Blick auf La Neuveville, im Hintergrund der Chasseral

Das Schloss von Erlach

Schlossblick in Richtung Dorf und See

Am Morgen werde ich beim Zusammenpacken von meinem Nachbarn beobachtet. Bei mir sitzt wohl jeder Handgriff, denn ich mache das ja nicht zum ersten Mal. Alles hat seinen Platz, es ist Routine. Der Herr spricht mich darauf an. Er ist mit Frau und Tochter ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs. Doch sie werden heute einen Ruhetag in Erlach einlegen. Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile, dann mache ich mich auf den Weiterweg in Richtung Neuenburgersee, immer wieder mit Blick auf den Chasseral. Auf dem war ich auch schon auf meiner Jura-Tour. Ich begebe mich auf die rechte Seeseite und bald fahre ich in Neuchâtel ein. Dort ist die ganze Seepromenade gesperrt: Festvorbereitungen. Ich werde mich noch daran erinnern. Die Umleitung führt durch das Uni-Gelände mit seinem Menschengewusel. Bei der Ausfahrt treffe ich auf zwei andere Touren-Radler. Normalerweise werde ich überholt, doch die beiden sind so langsam unterwegs, dass ich überholen muss. Sonst schaffe ich es heute nicht mehr um den See. 

Weiterfahrt mit dem Chasseral im Blick

Bienvenue à Neuchâtel

In Neuchâtel

Nach Neuchâtel fahre ich einige Zeit durch schöne Rebberge. Bei Bevaix verlässt die Route den See und führt eine Weile gut den Berg hoch. Es ist heiss, der Schweiss rinnt in Strömen. Ich fahre durch ein paar kleine Dörfer, doch die sind wie ausgestorben. Mag an der Mittagszeit oder an der Hitze liegen. Oder an beidem. Immer wieder sehe ich Wegweiser zum Creux du Van. Auch da war ich auf meiner Jura-Tour. Wo es raufgeht, geht es auch wieder runter. Ein paar rasante Abfahrten bringen mich wieder auf See-Level.

Schöne Strecke entlang von Rebbergen

Fahrt durch kleine Dörfer oberhalb des Sees

In der heissen Mittags-Stille

In Yverdon-les-Bains erreiche ich so quasi die Hälfte meiner Reise, ich fahre auf der anderen Seeseite weiter und ab jetzt geht es wieder heimwärts. Es folgt eine eher langweilige Strecke, eine Seite Schilf, eine Seite Strasse, der Radweg durchsetzt mit Wurzeln, die den Asphalt aufbrechen. Es rumpelt. Ein Radlerin kommt mir entgegen. Es ist die Welsch-Schweizerin. Sie schaut mich etwas verdutzt an, denn irgendwie stimmt meine Richtung nicht. Sie beginnt gleich wieder zu brabbeln, über mein E-Bike und dass ich deswegen so schnell bin. Ich erkläre ihr, dass dies eine Nabenschaltung ist, kein E-Bike. Sie erzählt etwas von einem Franzosen mit einem teuren Bike und blah blah. Ich denke, sie spricht von einer Pinion-Schaltung, aber sicher bin ich nicht. Sie wohl auch nicht. Ich verabschiede mich freundlich und erreiche bald Estavayer-le-Lac. Ein sehr charmanter Ort, in dem heute sehr viel los ist. Es ist Festival der Roses, das Rosenfestival. Die Stadt ist schön geschmückt, überall Rosen, Stände mit Süssem und Handwerkskunst. Ich stosse mein Rad durch die Gassen und geniesse ein bisschen von der Stimmung.

In Estavayer-le-Lac

Es ist Festival des Roses in Estavayer-le-Lac

Es gibt nicht nur Rosen, sondern auch Geranien

Der Weiterweg nach Cudrefin zieht sich dahin, inkl. ein paar saftigen, kleinen Steigungen. Der Camping in Cudrefin liegt direkt am Neuenburgersee, hat eine riesige Zeltwiese und sogar Bäume! Wirklich sehr schön! Eine andere junge Radlerin ist schon da, sie reist mit Rucksack und Rad und ist auf dem Weg, ihre Grossmutter zu besuchen. Normalerweise nehme sie das Auto, aber diesmal wolle sie es mit dem Rad versuchen. Finde ich klasse. Nun, es war den ganzen Tag heiss und irgendwann sollte ich die nahe Erfrischung wirklich nutzen. Rein in den See! 

Auf dem schönen Camping von Cudrefin

Irgendwo gewittert es

Wolkentürme bei den Wohnwagen

Sonnenuntergang am Neuenburgersee

Irgendwo in der Ferne ziehen Gewitterzellen vorbei. Abends beginnt der Bass zu dröhnen. Daher war die Seepromenade von Neuchâtel gesperrt. Das Festi’Neuch, das Neuchâtel openair Festival beginnt heute. Als zu dem lauten Bass auch noch das Surren der Mücken dazukommt, verziehe ich mich in mein Zelt. An Schlaf ist nicht zu denken bei dem Krach, da nützen nicht mal Ohropax. Aber irgendwann schlafe ich wohl doch ein, ich träume nämlich, dass jemand in mein Zelt reinstolpert. Es war glücklicherweise nur ein Traum.

Um 06:00 stehe ich auf, doch schon bei der frühen Abfahrt ist es heiss. Auf dem Feldweg schweben hunderte von Insektenschwärmen, ich muss durch alle hindurch. Die Sonnencreme bietet idealen Klebstoff und mein Gesicht ist guter Landeplatz oder Todeszone; man kann das nennen wie man will. Auf jeden Fall muss ich mich nicht wundern, wenn mich die Leute in den Läden komisch anschauen. 

Ein früher Kaffee

Millionen kleiner Mücken schweben auf dem Weg

Gepunktet

Farbtupfer auf dem Weg nach Kerzers

Ein Playmobil-Guten-Morgen

Via Kerzers erreiche ich Bern. Die Route 8 macht eine richtige Sightseeing-Tour durch die Hauptstadt. Bundeshaus, Zytgloggeturm, Altstadt, Blick auf Aare und Altstadt, ehemaliger und neuer Bärengraben. Einen der Bären sehe ich, aber das Tier tut mir irgendwie leid. Wirklich viel Platz gibt es auch in dem neuen Gehege nicht. Mein Weg führt mich aus der Stadt raus in Richtung Thun. Die Auffahrten werden bei der Hitze langsam unangenehm. Es ist heiss, die Luft ist schwül und dunstig. Schade, denn man hätte eine wunderbare Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Es ist überall viel los, vor allem auf und im Wasser. Es ist Samstag und die Leute suchen Abkühlung in den verschiedensten Formen. Ich erreiche einmal mehr Thun und statte der Innenstadt einen kurzen Besuch ab. 

Beim Bundeshaus

In Bern wuselt es

Über den Dächern von Bern

Blick auf die Aare und die Altstadt

Ein Bär im neuen Bärengehege

Dunstiger Blick in Richtung Eiger, Mönch und Jungfrau

Der Wasserweg ist im Moment gefragter

Durchfahrt durch Thun

Für den Sonntag sind Gewitter vorhergesagt, zudem wäre ein Ruhetag nicht schlecht nach 6 Tagen auf dem Sattel. Wochenenden sind dafür schlechtes Timing, aber das Wetter kennt solche Dinge ja nicht. In Thun und Umgebung ist alles Zahlbare ausgebucht, sogar der Camping. In Spiez finde ich schlussendlich noch ein Zimmer im Seminarhotel Seaside. Mit Blick auf das Stockhorn verlasse ich Thun, danach führt die Route 8 durch ein sehr schönes und kühles Waldstück mit vielen Blumen. Ich überquere den Hanisteg, eine Gitterrost-Brücke. Tief darunter fliesst die Kander und auf der einen Seite öffnet sich der Blick in Richtung Niesen. 

Blick auf das Stockhorn

Schöne Akelei

Ein sehr helles Knabenkraut

Auf dem Hanisteg, mit Blick auf Kander und den Niesen

Stilles Radler-Treffen

Ankunft in Spiez

Das Seaside-Hotel erreiche ich zur gleichen Zeit wir zwei Cars. Gutes Timing. Ich stelle mich in die Schlange, riechen tue ich wohl nicht mehr so gut. Mein Velo kann drinnen parkiert werden, ich beziehe mein Zimmer. Auch dort ist es heiss. Es ist überall heiss. Ich wasche meine Kleider, dann laufe ich runter in das schöne Städtchen und gönne mir eine Pizza. Danach sehe ich mich das Schloss an. Dabei werde ich von hinten fast von einer Ente erschlagen. Sie muss sich ich Flug etwas vertan haben und irgendwo reingeschossen sein, sie landet etwa zwei Meter neben mir hart auf dem Boden. Aber es scheint ihr so einigermassen gut zu gehen, im Kamikaze-Stil fliegt sie weiter.

Der prägnante Niesen

Das Schloss von Spiez

Blick vom Schloss auf den Hafen

Nach einem sehr leckeren Frühstück decke ich mich am Bahnhof-Kiosk mit Essen für den Rest des Tages ein. Läden haben keine geöffnet, es ist Sonntag. Den Morgen verbringen ich sehr gemütlich, dann laufe ich runter zum See. Schön im Wald kann man dem See entlang in Richtung Faulensee laufen. Bei einer kleinen Bucht nehme ich ein Bad. Im Gegensatz zum Neuenburgersee ist der Thunersee noch sehr frisch. Aber das Bad tut gut. Schön erfrischend. Langsam türmen sich die Wolken auf und ich höre die ersten Donner. Ich erreiche das Hotel gerade, bevor das erste Gewitter über Spiez zieht. Ich ruhe mich etwas aus, dabei entdecke ich in der rechten Ellbogenbeuge einen Kratzer. Oder sind das Bläschen? Komisch. Habe ich mir Entenflöhe eingefangen? 

Spiezer Panorama

Blick auf Sigriswiler Rothorn und Niederhorn

Baden im Thunersee

Spiez zur blauen Stunde

Bevor ich Spiez verlasse, statte ich wegen der Bläschen einer Apotheke einen Besuch ab. Ich bekomme Fenistil und die junge Dame rät mir, auch Tabletten zu nehmen. Die kosten im Sonderangebot CHF 80.– und ich lasse sie in der Apotheke. Bei der Weiterfahrt nieselt es leicht, doch dann lichtet sich der Himmel. Ich fahre durch das mondäne Interlaken mit all seinen Prachthotels. Bald erreiche ich den nächsten See, den Brienzersee. Es folgt das berühmte Iseltwald, wo sich asiatische Touristen in Scharen tummeln.

Adieu Spiez

Durchfahrt durch Interlaken

Am Brienzersee

Blick auf Ringgenberg

Das berühmte Schloss Seeburg in Iseltwald

Blick auf den Brienzersee und das Dorf Iseltwald

Ein letzter Blick zurück

Langsam steigt die Strasse an. Es wird wieder heiss, der Schweiss läuft. Ich passiere ein paar steile Felswände, am Wegrand wachsen Walderdbeeren. Die Velo-Route führt direkt an den Giessbachfällen vorbei. Wie genial! Natürlich laufe auch ich hinter die Fälle und bestaune den klassischen Anblick des Grandhotel Giessbach durch das Wasser. Ein wortwörtlich cooler Anblick! Die Wassermassen des Giessbachs stürzen sich in insgesamt 14 Stufen herunter in den türkisfarbenen Brienzersee. Ich sehe nur einige der Stufen, aber nur schon dieser Anblick ist beeindruckend.

Steile Felsen beim Aufstieg

Walderdbeeren

Der Weg steigt an, Blick auf den Brienzersee

Der klassische Blick in Richtung Grand Hotel Giessbach

Hinter dem Wasserfall

Die Giessbachfälle

Das Grand Hotel Giessbach

Auf dem Weiterweg nach Meiringen gibt es noch weitere Wasserfälle zu bestaunen, zum Beispiel den schon von weitem sichtbaren Oltschibach-Wasserfall. Im Haslital weht ein starker Wind, für mich Gegenwind. Plötzlich wird es ohrenbetäubend laut. Auf dem Militärflugplatz ist gerade ein Kampfjet gestartet. Meiringen erreiche ich schon um 14:30. Eigentlich wollte ich auf dieser Tour keine Pässe fahren, aber den Brünig kann ich schon mitnehmen. Das ist die leichteste Version, um wieder in die Zentralschweiz zu gelangen. Bis jetzt läuft alles sehr gut, ich habe keine Schmerzen. Ausser im Knie. Ein anderes Thema. Die Höhenmeter würde ich aber gerne am Morgen und nicht in der Nachmittagshitze fahren.

Der Oltschibach-Wasserfall

Beim Militärflugplatz von Meiringen

Ich fahre auf den Camping Balmweid, doch die Rezeption ist erst ab 17:00 besetzt. Auf dem zweiten Camping ist jemand. Platz für Kleinzelte so quasi auf dem Spielplatz. Wieder so ein Fall von: da haben wir noch ein Fleckchen Grün, lass es uns den Radlern geben. Aber die Sanitäranlagen sehr sauber und es gibt auch viel Schatten. Der Wind bläst immer noch heftig durchs Tal, diesmal aus der anderen Richtung. Ich meine, einen solchen Rückenwind hätte ich wahrgenommen. Ein Herr erklärt mir, dass der Wind bergnah runterbläst und dann dreht. Das könnte hinkommen. Es ist die Bise und ich muss tatsächlich eine Jacke hervorkramen. Es wird kühl.

Abendessen kochen in Meiringen

Es entstehen neue Bläschen

Ebenfalls entdecke ich erste Bläschen auf meiner rechten Handfläche. Noch mehr Entenflöhe. Entenflöhe sind übrigens keine Flöhe, sondern Larven von Saugwürmern, die in Wasservögeln leben. Beim Baden können sie auch Menschen befallen. Lecker!
Abends rennen die Kinder um mein Zelt herum. Ist ja klar, auf dem Spielplatz. Als das erste über einen Hering stolpert, muss ich eingreifen. Mein Zelt und dessen Umkreis sind ab sofort Tabuzone!

Meiringen am frühen Morgen

It’s coffee time

Am Morgen ist der Himmel noch etwas bedeckt, der Berghang zum Brünig liegt im Schatten. Wunderbar. Ich bin auf einer anderen Tour vom Brünig heruntergefahren, aber da habe ich wohl den Radweg verpasst. Eine angenehme Schotterstrasse führt durch den Wald den Berg hoch und weiter nach Hasliberg. Von dort geht es eher runter zum Brünigpass. Nassgeschwitzt wie ich bin wird es sogar kühl. Die Route folgt eine kurze Weile der Passstrasse, dann biegt sie auf einen kleinen Weg ein. Auch den kenne ich. Die Aussicht bei der Burgkapelle auf den Lungernsee ist auch diesmal fantastisch und die Abfahrt rassig. 

Keine Velotour ohne Schneckenbild

Gelber Fingerhut

Braunellen am Wegrand

Aufstieg nach Hasliberg

Auf dem Brünig

Toller Blick auf den Lungernsee

Den Lungernsee umfahre ich auf der rechten Seeseite. Betrachtet man auf der Karte den Lungern- und den Sarnersee, könnte man meinen, es handle sich um Nachbarn auf gleicher Höhe. Dem ist definitiv nicht so. Der Lungernsee liegt gut 200 Meter höher als der fast viermal so grosse Sarnersee. Diese Strecke nach Giswil ist ein weiteres Deja-vu. Ich bin froh, dass ich nicht hochfahren muss. Da habe ich mich schon hochgequält, und zwar mit einem etwas schwerer beladenen Bike auf meiner Alpentour im 2019. Runterfahren macht eindeutig mehr Spass, vor allem bei der Hitze. Die Bläschen am Handgelenk schmerzen, vor allem beim festen Zugriff auf den Lenker. Eigentlich tut mein ganzer Arm weh. Irgendwie bin ich sowieso nicht so fit. Früher hat sich das nach jeweils auf ein paar Tagen auf dem Velo gebessert, aber das scheint mittlerweile anders zu sein. Man wird wohl definitiv nicht jünger.

Der Lungernsee

Bergsicht

Rasante Abfahrt

Giswil und der Sarnerseee

Irgendwo entlang des Sarnersees gibt es einen Knall, danach knattert etwas. Ich halte, schiebe, höre. Ich hatte befürchtet, dass eine Speiche gebrochen ist, aber das ist nicht der Fall. Mit der hinteren Bremse stimmt etwas nicht. Ich kann weiter fahren und auch bremsen, aber es klimpert. Ich muss einen Velomechaniker finden. Wie schön, das solche Dinge heute ganz einfach sind. Google sei dank! In Sarnen mache ich ein Velogeschäft aus. Auer Velos. Ich erreiche den Laden um 11:40. Um 11:45 schliessen sie für die Mittagspause. Verkäuferin Carmen, sieht sich das Problem an, dann holt sie den Mechaniker. Der rät mir, so nicht weiterzufahren, kann aber nicht sagen, ob es eine schnelle Reparatur sein wird. Scheinbar wird auch mein Velo älter. Er nimmt mein Rad mit, lädt es samt Gepäck auf den Montageständer. Ich unterhalte mich derweil mit Carmen. Bald bringt Mechaniker Randy mein Velo wieder nach vorne, mit ersetzten hinteren Bremspads. Das Drähtchen, das die Pads zusammenhält, hatte sich verbogen. Das ist schon einmal passiert, vor vielen Jahren in Südamerika. Damals hatte ich die Pads selbst gewechselt, das dauerte wohl ewig. Hier waren es gute 20 Minuten. Während der offiziellen Mittagspause. Ich bedanke mich herzlich bei dem Team von Auer Velos. Meine heutigen Helden! Nicht selbstverständlich, für solche banalen „Notfälle“ die Schliesszeiten zu schieben. Aber ich bin allen sehr dankbar, denn ich hab noch ein gutes Stück Weg vor mir.

In Sarnen

Auer Velos, Retter in der Not

Die Route folgt dem Wichelsee, dann vorbei am nächsten Militärflughafen bei Alpnach. In Alpnachstad erreiche ich den nächsten See, den Alpnachersee, einen Seitenarm des Vierwaldstättersees. Dort bläst ein guter Wind, auf dem See herrscht reger Betrieb. Mir bläst der Wind von vorne entgegen. Immerhin kühlt das ein wenig. Ich folge der Route 9 entlang des Vierwaldstättersees bis nach Luzern. Ein weiteres Deja-vu. In Luzern war ich schon auf der letztjährigen Herbsttour, diesmal ist das Wetter aber besser. Die Route 9 führt nun entlang der Reuss und nach Rotkreuz kommt der Zugersee in Sicht. Ich erreiche Zug und fahre weiter nach Baar, wo mein Bruder zu Hause ist. Oder eben nicht. Aber ich werde von seiner Freundin erwartet. Mit Essen. Es war ein langer Tag auf dem Sattel und es ist klasse, wenn man einfach an den gedeckten Tisch sitzen darf. Vielen Dank!

Der Wichelsee gehört den Schwänen

Ankunft in Luzern

Beim KKL in Luzern

Blick auf die Kapellbrücke

Im Figuren-Wirrwarr

Der nächste See, der Zugersee

Die Nacht auf dem Sofa ist mit zwei Katzen eher unruhig. Raus, rein, meinen Kopf headbangen, auf meinem Schlafsack Biskuits machen, wiederholen. Frühstück gibt es unter strenger Beobachtung von Nero. Ich fahre wie schon vor ein paar Jahren auf einem Schlechtwetter-Umweg der Herzroute wieder durch das Lorzentobel. Damals regnete es in Strömen. Heute scheint die Sonne und ich geniesse die Ruhe und die kühlen Temperaturen im Wald.

Frühstück unter Beobachtung

Im Lorzentobel

Es tropft und gedeiht

Brücke über die Lorze

Danach geht es auf der Hauptstrasse weiter hoch zum Ägerisee. Schon interessant, an gewisse Dinge kann ich mich noch sehr gut erinnern, an andere nicht. Aber insgesamt zieht sich alles länger dahin. Gewisse Abschnitte habe ich wohl einfach vergessen. An die gute Steigung nach Sattel hingegen kann ich mich noch sehr gut erinnern. Der Schweiss trieft auch diesmal.

Beim Ägerisee

Die Schlachtkapelle in Morgarten

Sie chillt im Schatten, ich keuche den Berg hoch

Der Aufstieg von Sattel nach Rothenthurm

Dann wird der Weg flacher und führt über das schöne Rothenthurmer Hochmoor. Es ist das grösste noch existierende Hoch- und Heidemoor der Schweiz. Die Route führt runter nach Biberbrugg, um dann wieder in den Pilgerort Einsiedeln anzusteigen. Das Kloster Einsiedeln ist der bedeutendste Barockbau der Schweiz, im Moment wird auf dem Klosterplatz gerade gebaut. Mein Ziel für heute ist nicht mehr fern, der einzige Camping weit und breit liegt am Sihlsee.

Das Haus stand schon vor ein paar Jahren leer

Das Hochmoor von Rothenthurm

Moor-Pflanzen

Und Farbtupfer

Das Kloster von Einsiedeln

In Einsiedeln

Es ist noch früh, ich setzte mich eine Weile auf eine Bank im Schatten. Seit Montag schmiere ich Fenistil auf die Bläschen in der Ellbogenbeuge und auf der Handfläche. Das Gute daran ist, es kühlt ein wenig. Aber irgendwie schmerz mein ganzer Arm. Ich schaue diesen etwas genauer an. Um die Ellbogenbläschen hat sich ein grosser, roter Fleck gebildet. Die Form erinnert mich ein bisschen an den Bodensee. Der Fleck schmerzt auf Druck und fühlt sich heiss an. Eile habe ich nicht, Google sucht mit eine nahe Apotheke. Kann nicht schaden, nochmals eine zu besuchen. Ich werde wieder von einer jungen Frau bedient, aber sie zieht gleich die Apothekerin zu Rate, denn Entenflöhe sind das bestimmt nicht. Die Apothekerin rät mir dann auch, einen Arzt aufzusuchen. Sie meint, es könnte eine Gürtelrose sein. In Einsiedeln hat es eine Walk-in-Arztpraxis, „We for you“, dahin schickt sie mich. Dort werden meine Personalien aufgenommen und bald steht ein junger Arzt vor mir. Der Ort ist für eine Gürtelrose eher unüblich, aber nicht unmöglich. Eine Gürtelrose kann jeden Nervenstrang im Körper befallen. Es könnte aber auch einfach ein Herpes Simplex sein. Der Arzt sticht die Bläschen auf und die Proben werden an ein Labor geschickt. Da morgen in der Innerschweiz Feiertag ist, Fronleichnam, werden die Resultate aber wohl erst am Montag da sein. Für den Moment soll ich einfach eine Fieberbläschen-Creme auftragen. Für die Behandlung einer Gürtelrose wäre es schon zu spät, dies sollte innerhalb von 48 h Stunden geschehen. Zudem rät er mir, wenn sich die Rötung in den nächsten 24 Stunden weiter ausweitet, nochmals einen Arzt aufzusuchen, denn es könnte auch ein Erysipel sein. Ein Erysipel ist eine bakterielle Infektion und Entzündung der oberen Hautschichten und Lymphwege und zeigt sich als scharf begrenzte flächenhafte starke Rötung. Eventuell mein „Bodenseee“. Durch die kleinen Bläschen könnten Bakterien eingedrungen sein. Zum jetzigen Zeitpunkt möchte mir der Arzt aber noch kein Antibiotikum verschreiben. Immerhin, eine Blutvergiftung würde in die andere Richtung fliessen, dem Herzen entgegen. Das ist hier zum Glück nicht der Fall. Nun gut, von den Entenflöhen zu Herpes oder einer Infektion. Die Dinge entwickeln sich. Eins kann ich auf jeden Fall sagen, die Handfläche schmerz gut, vor allem wenn man damit den ganzen Tag einen Velolenker hält und beim Hochfahren Druck darauf ausübt. Ich verlasse Einsiedeln und fahre noch um den halben Sihlsee bis zum Camping „Grüene Aff“ in Willerzell. Auf der kleinen Zeltwiese gibt es keinen Schatten, dafür bekomme ich Besuch von einer, bzw. zwei Katzen. Mittwoch ist wohl Katzentag. Ebenfalls bekomme ich Nachbarn, zwei französische Motorradfahrer aus der Normandie. Im Sihlsee könnte man baden gehen, aber irgendwie habe ich genug von Seebädern. Immerhin gibt meine Zeltapsis einen Minischatten, der zum Kochen reicht. Später geniesse ich den Sonnenuntergang am See und sobald die Sonne weg ist, wird es kühl. Das tut gut!

Die Bodensee-Rötung

Der Sihlsee-Viadukt im Abendlicht

Fellnasen-Besuch im Anmarsch

In doppelter Ausführung

Die kleine Apsis bietet ein bisschen Schatten

Sonnenuntergang am Sihlsee

Die Hitze setzt nicht nur mir zu. Seit der Operation muss ich noch diverse Medikamente nehmen, darunter auch Pillen. Die Hüllen der letzteren beginnen langsam zu schmelzen. Ich vermute, das ist nicht ideal. Wie wohl ganz allgemein die Temperatur in meinen Radtaschen nicht allzu medikamententauglich ist. Vielleicht sollte ich meine nächste Radtour in kühleren Gefilden planen. Ich denke da schön länger an den hohen Norden. Mal sehen.

Es ist schon um 08:00 heiss, immerhin kann ich oft im kühleren Wald hochfahren. Die Sattelegg ist nur knapp 1200 hoch, aber Schweisstropfen fordert sie trotzdem, auch im Schatten. Auf „Gümmeler“ (Rennradfahrer) soll man hier oben treffen, zumal heute in der katholischen Innerschweiz auch noch Feiertag ist. Aber bis jetzt habe ich keinen einzigen gesehen. Ich geniesse eine Weile das schöne Panorama, dann mache ich mich an die Abfahrt. Jetzt kommen sie mir zuhauf entgegen, die „Gümmeler“. Nach Gschwänd ein scharfer Abzweig, hoch und runter geht es weiter auf einer ruhigen, schönen Nebenstrasse. Mit Ausblick ins Wägital, später folgt der weite Blick in die Marchebene und auf den oberen Zürichsee. Die Abfahrt nach Siebnen ist wieder rasant. Die Schwyzer Ortschaft wird von der Wägitaler Aa durchflossen, diese dient dem Kraftwerk Wägital zur Stromgewinnung. Der monumentale Bau wurde zwischen 1922 und 26 erbaut und war damals das grösste Pumpspeicherkraftwerk der Welt.

Tau am Schachtelhalm

Auf der Sattelegg

Blick in Richtung Wägital

Blick auf den oberen Zürichsee und die March

Das Wägitaler Kraftwerk

Durch weitere kleine Dörfer geht es weiter nach Ziegelbrücke. Eigentlich wollte ich noch zwei, drei Tage weiterfahren, aber es wird langsam zu heiss. Zudem gehen mit die Bläschen wortwörtlich auf die Nerven. Dem renaturierten Linthkanal folge ich wieder der Route 9 nach Weesen am Walensee. Bei der Einmündung des Escherkanals in den Walensee mache ich eine Pause im Schatten eines Baumes. Hunger! Ein Bikepacker stellt sein Rad neben meins. Er hat einen anderen Plan. Nackig im See baden.

Wegbegegnung

Wieder einmal am Walensee

Es folgen die Velotunnels vom Walensee, kühl und tropfend sind diese. Nach der zerfallenen Raststätte folgt wieder einmal die 25%ige Steigung. Ich schiebe, leichter bepackte Bikepacker machen es sich zum Spass, sich da hochzukämpfen. Nach Murg gibt es eine Umleitung auf die Hauptstrasse. Da ist schnelles Fahren möglich, daher bleibe ich gleich auf der Strasse. 

Gutes Motto!

In den Walensee-Velotunnels

Richtung Chur?

Blick auf Quinten und die Churfirsten

In Walenstadt gibt es ein Spital, ich sehe mal nach der Rötung am Arm. Diese scheint zurückgegangen zu sein. Zumindest scheint es so im hellen Licht der Sonne. Sehr gut. Die Bläschen auf der Handfläche hingegen entwickeln sich. Es ist noch früh, eigentlich wollte ich immerhin noch eine Nacht am Walensee bleiben. Aber ich beschliesse, nach Chur durchzutreten. Es ist heiss und irgendwie ist mir etwas die Lust vergangen. Zügig fahre ich der klaren Seez entlang durchs Seeztal. Der Wind meint es gut hier, leichter Rückenwind. Nach Sargans frischt der Wind ziemlich auf und zurück auf dem Rheindamm die Stunde der Wahrheit, einmal mehr. Und… Rückenwind! Ich fliege dem Rhein entlang. Das ist herrlich! Bei der Tankstelle in Landquart decke ich mich nochmals mit Energie in flüssiger Form ein. Ein letztes Focus Water muss her. Diese letzten Kilometer ziehen sich immer in die Länge. Aber nach einem weiteren langen Tag im Sattel erreiche ich Chur doch zeitig gegen 17:00.

Die Bläschen entwickeln sich

Im Seeztal

Ist das Bergliebe?

Zurück am Alpenrhein

Feuer-Lilien

Ich freue mich auf eine Dusche, Pasta und Füsse hochlagern. Doch ein Blick auf meinen Arm lässt mich stutzen. Die Rötung zieht sich mittlerweile wie ein Fluss auf der hinteren Seite des Armes hinunter bis zum Handgelenk. Und sie ist heiss. Das sieht doch nicht so gut aus. Ich beschliesse, der Notfall-Arztpraxis im Kantonsspital in Chur einen Besuch abzustatten. Irgendwie finde ich es etwas übertrieben, aber bei meinem Hausarzt bekomme vor Montag keinen Termin. Und heute ist Donnerstag. Im Spital muss ich etwas warten, aber auch nicht lange. Ein weiterer junger Arzt schaut sich meinen Arm an. Seltsamer Fall von Bläschen. Obwohl im Blut keine Entzündungswerte vorhanden sind, wird mir diesmal ein Antibiotikum verschrieben. Ein Kollege des guten alten Penicillins. Am Montag muss ich mich erneut bei meinem Hausarzt vorstellen, um zu schauen, ob ich das Antibiotikum weiter nehmen muss.

Nach einem Tag mit den weissen, grossen Pillen ist die Rötung weg. Vielleicht doch eine Entzündung? Am Freitag-Abend bekomme ich doch schon ein Telefon aus Einsiedeln. Nun, das Labor hat positiv auf Herpes Zoster getestet. Es war also tatsächlich (auch noch) eine Gürtelrose. Zum jetzigen Zeitpunkt können nur noch die Symptome behandelt werden. Sprich, eine weisse Zinkpaste auf die Bläschen schmieren, damit sie austrocknen und nicht so brennen. Für mich folgen drei sehr mühsame Tage, meine rechte Hand schmerzt stark und ich kann weder Stift noch Messer halten. Ebenso kann ich meinen rechten Arm kaum heben und am Oberarm bilden sich weitere neue Bläschen. Immerhin bin ich so zeitig zurück in Chur, um mir den Etappenstart der richtigen Tour de Suisse anzuschauen. 

Beim Besuch bei meiner Hausärztin wird das Antibiotikum wieder abgesetzt. Sie selbst hätte auch auf eine Infektion getippt, als ich ihr das Bild vom „Bodensee“ zeige. Nun gut, ganz sicher werden wir es nie wissen. Wäre ich am Arbeiten, hätte sie mich krank geschrieben, aber ich habe ja immer noch Ferien. Eingeschränkt sind da gewisse Dinge möglich. Z. B. Erholung. Und die gönne ich mir jetzt!